Märchenwelt 🌟
Ein Baum stand an einem Ort, an dem er nicht sein wollte.
Seine Wurzeln lagen locker und lose im Boden.
Ringsherum eine triste, karge Umgebung.
Wohin er auch schaute – rechts, links, geradeaus – nichts als Leere.
Er fühlte sich unglücklich dort und beschloss wegzulaufen.
Wohin? Das wusste er nicht.
Er lief und lief, einfach fort.
Manchmal stolperte er, fing sich aber immer wieder.
So kam er an eine Felsklippe. Vorsichtig trat er näher an den Rand.
Einige seiner Wurzeln hielten sich seitlich fest.
Er blickte nach unten. Dort konnte er nicht bleiben – zu karg, keine Erde, nur loses Geröll.
Also lief er weiter.
Vor ihm eine tiefe Klippengruft.
Unten rauschte ein Fluss, ein Wasserfall stürzte in die Tiefe.
Der Baum blieb stehen und genoss den Anblick.
Seine Äste und seine Baumkrone wiegten sich sanft im Wind.
Zwischen den Felsen klaffte ein Spalt.
Springen war unmöglich – zu weit.
Also nahm er Anlauf, stieß sich ab und machte einen Purzelbaum in der Luft.
Seine Wurzeln landeten auf der einen Seite der Felsebene, seine Äste auf der anderen.
Ein weiterer kräftiger Purzelbaum – doch allein schaffte er es nicht.
Da bat er den Wind um Hilfe.
Der Wind kam in Windeseile, blies ihn hoch, und mit einem Ruck stand der Baum drüben auf der Felsebene, stolperte – und fing sich wieder.
Ein Stück ging er weiter.
Seitlich blickte er hinunter zum Wasserfall.
Einige seiner Wurzeln klammerten sich am Abgrund fest.
„Hier kann ich nicht bleiben“, dachte er.
Kein Wasser, nur steiniger Untergrund.
Er lief weiter, ohne zu wissen, wohin.
Er war müde, sehr müde.
Seit Tagen war er unterwegs.
Nachts war es unangenehm kalt, am Tag grau – kühl und klamm fühlte sich seine Baumrinde an.
Im Morgengrauen blinzelte er.
In der Ferne – eine grüne Wiese?
Er bewegte sich darauf zu.
Ringsum standen einige Bäume, und nun stand er in der Mitte.
Hier ist es gut, dachte er.
Seine Baumrinde kribbelte, die Blätter begannen, sich im Wind zu drehen.
Da hörte er ein leises Plätschern.
Er drehte sich um und folgte dem Geräusch – ein kleines Bächlein.
Wie herrlich!
Sein Blick folgte dem Wasser, und von der Seite sah er den Wasserfall wieder, den er zuvor bewundert hatte.
Er blieb stehen und genoss den Ausblick.
Als er sich umdrehte, erkannte er einen Baumkreis mit einer Wiese in seiner Mitte.
Ein paar Vögel hüpften darin auf und ab.
Seine Wurzeln drangen tief ins Erdreich.
Eine Wurzel wurde so lang, dass sie ins kleine Bächlein reichte.
Ach, wie schön kühl.
Seine Rinde kitzelte, seine Äste wiegten sich, seine Baumkrone streckte sich, die Blätter raschelten im Wind.
Ein Baum neben ihm – einer der ältesten dort, eine große, mächtige Tanne, verharzt, an manchen Stellen vernarbt – sprach:
„Was wirst du wohl für ein Baum sein?“
Der Baum blickte an sich hinunter und fragte sich still:
Wer bin ich?
Was bin ich?
Die Tanne lächelte.
„Du bist eine Eiche.“
Und alle Bäume ringsum nickten nacheinander.
Eine Eiche!
Dann werde ich eine starke, mächtige Eiche sein.
Dieser Gedanke gab ihm Halt.
Tief in ihm wurde es still.
Er ruhte in sich.
Er war angekommen.
Mit dem Rauschen des Wasserfalls im Hintergrund und dem leisen Plätschern des Bächleins.
Und so wurde er zu einer starken, mächtigen Eiche.
Der Wind bog ihn manchmal, doch seine Wurzeln hielten stand.
Denn er war an seinem Lieblingsort angewurzelt.
Ende