5 Ekim 2026 Pazartesi

🕵️‍♂️Detektiv Bamy – Im falschen Leben

Detektiv- Romanze für Erwachsene Herzen 💗

*

Detektiv Bamy schlief tief und fest, aber unruhig. Er träumte … von einem gefundenen Zettel. Er lief und lief. Wohin, wusste er nicht. Es gab keinen Weg …

Der Zettel verfolgte ihn in seinen Träumen. Er tauchte in einen Tunnel, in dem kein Wasser war … Erschrocken wachte er auf.

Mit nach vorn gebeugtem Oberkörper schnaufte er und schnappte nach Luft …

Nachdem er sich etwas orientiert hatte, sah er ein Stück Papier in seiner rechten Hand, das er fest umklammert hielt. Er öffnete seine Hand. Das durfte doch nicht wahr sein! Das war der Zettel … Wo der herkam und wie dieser zu ihm gekommen war, war ihm einfach schleierhaft …

So etwas war ihm in den ganzen Jahren als Detektiv noch nie vorgekommen.

Und so war er da, dieser Zettel … zerdrückt, die Faltstellen deutlich zu erkennen und die weibliche Schrift darauf:

Hilfe, ich befinde mich im falschen Leben.

Seit einer Woche, seit dieser Zettel bei ihm aufgetaucht war, ließ er ihn nicht mehr los. Es war wie ein unsichtbarer Drang, einer Spur zu folgen, zu suchen, was auch immer. Es machte ihn verrückt …

Wie oder was sollte er finden? Wo …

Er drehte den Zettel in seinen Händen, wie so oft …

Es mussten Fingerabdrücke darauf sein …, schoss es ihm durch den Kopf.

Okay, das war herauszufinden …

Total verrückt … Wohin sollte die Suche führen … zu wem?

Er kannte keine Antwort darauf, nur ein bestimmtes, antreibendes Gefühl, das ihm keine Ruhe ließ. Wenn nicht er, wer dann? Er, Detektiv Bamy!

Also ab zum Labor.

Man kannte sich gut. Es war wie seine zweite Heimat. Wie viele Stunden hatte er hier schon zugebracht und Fälle aufgedeckt.

Zielstrebig steuerte er den Laborraum an.

Dort gab er den Zettel ab, und jetzt hieß es warten. Das war die Detektivarbeit an sich: warten auf Ergebnisse, warten auf den richtigen Zeitpunkt, warten, bis sich etwas ergab …

***

Ein Anruf vom Labor.

Vor Ort erfuhr er, dass die Fingerabdrücke einer Frau Seidel gehörten, die in Diestelhof gelebt hatte und ins Ausland gegangen war.

Das sei aber schon Jahre her.

Interessant, dachte er. Er war hier in Brookfield … und der Zettel stammte von einer Frau, die wahrscheinlich im Ausland lebte und aus Diestelhof kam …

Also musste Bamy nach Diestelhof.

Dort fand er die schwer kranke Schwester vor. Sie hatte schon lange keinen Kontakt mehr zu ihrer Schwester.

Lena hatte geheiratet. Sie war damals mit ihrem Mann und ihrem Kind nach Üsüme gezogen. Ihre Schwester konnte sich erinnern, dass Lena vor Jahren ein Buch geschrieben hatte, das sie an die Adresse ihrer Eltern geschickt hatte. Ob es dort jemals angekommen war, wusste sie nicht, da es ihr unmöglich war, vierhundert Kilometer zu fahren. Seit ihr Vater gestorben war, war das Haus leer geblieben.

Der Schlüssel zum Haus war im Briefkasten, und der Schlüssel zum Briefkasten war im kleinen Holzschuppen unter einem Balken zu finden.

Er war dort für die Nachbarin zum Lüften hinterlegt worden.

Also machte sich Detektiv Bamy auf den Weg und fuhr dorthin. Vor dem Haus hing der Briefkasten. Den Schlüssel dazu fand er unter dem Balken im Holzschuppen …

Er öffnete den Briefkasten. Werbung, alte Zeitungen und der Hausschlüssel kamen zum Vorschein … Nur kein Buch.

Im Haus schaute sich Detektiv Bamy um. Im Wohnzimmer lag schließlich unscheinbar ein Buch. Vielleicht war es das Buch?

Er nahm es auf, las einige Zeilen darin und erkannte, dass er es mitnehmen und in Ruhe zu Hause in Brookfield lesen wollte.

…

In Brookfield.

Detektiv Bamy legte das Buch erst einmal in seinem Schreibbüro ab, aber so richtig losgelassen hatte es ihn nicht … In der Nacht drehte er sich hin und her. Am nächsten Tag, nach seinem dürftigen Frühstück, schien dieses Buch irgendwie auf ihn zu warten.

Er setzte sich auf sein abgenutztes Sofa und schlug das Buch auf. Da bemerkte er am Buchdeckel eine angeklebte Seite. Vorsichtig löste er sie mit Dampf und sah … sah … den Titel:

Im falschen Leben

Detektiv Bamy holte sofort den Zettel heraus, den er wie eine zweite Haut in seiner Hosentasche trug.

Als seine Augen über den Zettel glitten …

Murmelte er: „Wie hier:  Im falschen Leben.“

Es bestätigte ihm, dass es sich um dieselbe Frau handeln musste.

Darunter stand das Geburtsjahr. Danach wäre sie 65 … Er selber war 68 und machte seine Detektivarbeit nur noch als Beschäftigung …

Nichts hielt Detektiv Bamy mehr zurück. Er fing an zu lesen …

**

Lena saß am Tisch. Die Tischdecke hatte schon bessere Zeiten erlebt. Sie war mehrfach gewendet worden, total vergilbt und deutlich abgetragen. Lena betrachtete sie eine Weile, dann wanderte ihr Blick zum Fenster hinaus.

Wie war ihr Leben eigentlich so geworden?

„Oh, in was für einem Bermuda-Dreieck bin ich nur gelandet?“, murmelte sie vor sich hin.

Ihre Gedanken wanderten zurück zu der Zeit, als sie vor Jahren nach Üsüme gekommen war. Nicht unbedingt aus freien Stücken. Ihr Mann hatte unbedingt in seine Heimat zurückkehren wollen. Und Lena hatte nachgegeben. Sie wollten, dass ihr Kind mit Mama und Papa aufwuchs, dass es eine Familie hatte, in der beide Elternteile für es da waren.

Nun saß sie hier und versuchte, ihr Leben aufzuschreiben.

Dabei dachte sie, dass sie ihre Kindheit und die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens doch eigentlich in eineinhalb Seiten zusammenfassen könnte. Nur wenn sie ehrlich war, reichte das nicht einmal annähernd. Manche Menschen brachten ihr Leben vielleicht tatsächlich in einem einzigen Buch unter. Ihr Leben würde für einen ganzen Bücherband reichen.

Ihre Gedanken wanderten zurück in ihre Kindheit. Damals hatte sie geglaubt, frei zu sein. Sie war viel draußen gewesen, hatte gespielt und die Welt auf ihre eigene Weise entdeckt. Erst viel später hatte sie begriffen, wie ungerecht ihre Kindheit eigentlich gewesen war.

Ihre Mutter hatte sie und ihre Geschwister oft geschlagen, manchmal wohl auch aus Frust. Sie gab den Kindern die Schuld daran, dass sie ihren Lieblingsberuf nicht ausüben konnte. Sie mussten sich anhören, dass ihr niemand half und sie alles allein bewältigen musste. Außerdem schob sie viele ungeliebte Arbeiten den Kindern zu. Wie etwa das Staubsaugen. Der Staubsauger war so schwer, dass Lena ihn nur zusammen mit ihrer Schwester die Treppen nach oben tragen konnte.

Oder das tägliche Abspülen, das Lena aufgetragen worden war und das sie bis heute hasste. Der Mutter war nie alles gut genug. Immer fand sie etwas zum Aussetzen.

Als die Kinder älter wurden, hörten die Schläge auf. Doch an ihre Stelle traten stundenlange Schimpfereien und Geschrei.

Manchmal hatte Lena damals gedacht, es wäre besser, ihre Mutter würde sie einfach einmal schlagen. Dann wäre es wenigstens gleich vorbei. Dieses stundenlange Geschrei war manchmal schlimmer zu ertragen als alles andere. Ihr Vater hatte immer nur gearbeitet, um die Familie zu ernähren, und war, wie Lena fand, viel zu früh einfach weggestorben.

Lena seufzte leise. So vieles lag hinter ihr. Und doch war es noch immer da, irgendwo in ihren Erinnerungen.

Schließlich dachte sie an ihre früheren Beziehungen. An den ersten Mann, mit dem sie zusammen gewesen war. Wenn sie heute daran zurückdachte, war es nichts Besonderes gewesen. Sie hatten sich kennengelernt, waren ein Paar geworden und hatten eine ganz gewöhnliche Beziehung geführt. Sie hatten ihren Alltag miteinander geteilt, und auch die körperliche Nähe hatte selbstverständlich dazugehört.

Damals hatte sie sich darüber kaum Gedanken gemacht. Es war einfach ein Teil ihrer Beziehung gewesen.

Lena hatte sich früher vorgestellt, nur eine Beziehung zu führen, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Damals hatte sie sich eine ganz normale Zukunft gewünscht. Einen Mann an ihrer Seite, eine Familie und ein Zuhause, in dem sie sich geborgen fühlen konnte.

Später, an ihrem Arbeitsplatz, hatte es einen Mann gegeben, in den sie sich ein wenig verliebt hatte. Eines Tages hatte er sie beim Aufzug geküsst. Mehr war nicht passiert. Doch Lena war ehrlich gewesen und hatte ihrem damaligen Freund davon erzählt.

Sie hatten damals beschlossen, es noch einmal miteinander zu versuchen. Aber irgendwann stellte sich heraus, dass sich auch eine andere Frau in ihren Freund verliebt hatte. Die beiden kamen zusammen, und schließlich gestand er Lena, was geschehen war. Damit war ihre Beziehung endgültig vorbei. Im verflixten siebten Jahr, wie beide der Meinung waren.

Einige Monate später lernte Lena einen Mann kennen, der weit weg wohnte. Ihre Mutter war davon alles andere als begeistert gewesen.

Viel zu weit weg! Was wollte sie mit einem Mann, der außerdem deutlich älter war als sie? Das würde doch sowieso nichts werden. Ihre Mutter hatte für die Beziehung kaum ein gutes Wort übrig gehabt.

Doch Lena ließ sich nicht davon abbringen. Sie wollte es auch gar nicht hören.

Die Beziehung hielt ungefähr zwei Jahre. Im Nachhinein musste Lena feststellen, dass der Mann ihre Gutmütigkeit ausgenutzt hatte. Schließlich waren sie im Streit auseinandergegangen, und Lena war ohne Geld zurückgekehrt. Sie hatte wieder bei ihrer Mutter wohnen müssen und sich deren Vorwürfe anhören dürfen. Als hätte sie nicht ohnehin schon genug Sorgen gehabt.

Zum Glück fand sie bald eine neue Arbeitsstelle.

Dort gab es einen netten Mann, der sich sehr um sie bemühte. Er machte ihr ständig den Hof, doch zunächst wollte Lena nichts von ihm wissen. Er war eigentlich nicht ihr Typ.

Aber er ließ nicht locker.

Irgendwann schlug er vor, gemeinsam schwimmen zu gehen. Lena dachte sich: Warum eigentlich nicht? Schwimmen konnte man schließlich auch mit jemandem, in den man nicht verliebt war.

Im Schwimmbad kam dann alles anders. Als er sie zu sich zog und küsste, küsste sie ihn zurück. Und plötzlich war da etwas, womit sie selbst nicht gerechnet hatte.                Sie wurden ein Paar.

Dieser Mann war lieb, freundlich und aufmerksam. Er verstand es, Lena zu zeigen, dass er sie schätzte. Oft schien er ihr ihre Wünsche beinahe von den Augen ablesen zu können. Bei ihm fühlte sie sich angenommen, und seine liebevolle Art bedeutete ihr viel.

Seltsamerweise akzeptierte auch ihre Mutter ihn. Er konnte gut mit ihr umgehen.

Doch der Mann hatte im Gefängnis schwere Zeiten erlebt, die ihn geprägt hatten. Körperliche Nähe war zwischen ihnen selten, jedenfalls nicht so, wie Lena es sich gewünscht hätte. An sich hätte sie damit vielleicht leben können. Sie schätzte ihn, und seine Zuneigung war ihr wichtiger als vieles andere.

Aber ein Wunsch blieb unerfüllt: Sie wollte Kinder haben. Auch hier schlug das verflixte siebte Jahr zu.

Mit der Zeit wurde dieser unerfüllte Wunsch zu einer Belastung für sie. So schwer Lena es auch fiel, letztlich trug er dazu bei, dass ihre Beziehung auseinanderbrach.

***

Etwa zwei Jahre später brauchte Lena dringend einen Nebenjob, denn finanziell reichte es einfach nicht. Sie begann, bei anderen Leuten zu putzen. Darunter war ein selbstständiger Lastwagenfahrer, der ursprünglich Elektriker gelernt hatte und nebenbei auch in diesem Beruf arbeitete.

Schon bald bemerkte er, wie klug Lena war. Schließlich stellte er sie für sein Büro ein.

Er machte ihr Komplimente, besonders über ihr Aussehen. Immer wieder sagte er ihr, dass sie einen sexy Po und eine tolle Figur habe. Lena fühlte sich geschmeichelt. Es gefiel ihr, begehrt zu werden und solche Komplimente zu hören.

Mit der Zeit entwickelte sich daraus mehr. Sie verliebten sich ineinander und wurden ein Paar.

In den ersten vier Jahren hatten sie eine wilde Zeit zusammen. Sie liebten sich, teilten ihren Alltag und bauten sich ein gemeinsames Leben auf. Dieser Mann wurde zu ihrem Herzensmenschen.

Und schließlich ging auch Lenas größter Wunsch in Erfüllung: Sie bekamen ein Kind.

Damit schien ihr Glück vollkommen.

Als das Kind noch klein war, lief vieles gut. Sie taten alles, um ihm ein schönes Leben zu ermöglichen. Lena genoss die Zeit als Mutter, und für eine Weile schien ihre kleine Familie genau das zu sein, was sie sich immer gewünscht hatte.

Aber gleichzeitig saß sie zwischen zwei Stühlen. Ihre Mutter machte ihre Beziehung immer wieder madig. Lena sei ihm hörig, und wie sie es überhaupt mit einem bestimmenden Mann aushalten könne …

Lena hatte gedacht, dass ihre Mutter sich ändern würde, da Selma ihr einziges Enkelkind war. Aber ihre Mutter konnte ihre Art, alles bestimmen zu müssen, nicht ablegen. Und so blieb das Verhältnis angespannt.

 

Detektiv Bamy blickte kurz über sein Teeglas hinweg und atmete tief durch, bevor er weiterlas.

 

Als das Kind älter wurde, kam ein Wunsch ihres Mannes immer stärker zum Vorschein. Er wollte unbedingt in seine Heimat zurückkehren.

Schon lange hatte ihn die Sehnsucht nach seinem Land begleitet. Vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass seine eigene Mutter damals unbedingt nach Diestelhof hatte ziehen wollen, um dort zu arbeiten. Nun, da er selbst eine Familie hatte, wollte er zurück. Zurück in das Land, aus dem er stammte.

Seine Mutter hatte nach dem frühen Tod seines Vaters einen anderen Mann geheiratet. Dadurch trug er auch dessen Nachnamen Seidel, was ihm nie gefallen hatte. Denn er fühlte sich nicht als Diestelhofer … Er war Üsümer …

Mit Sack und Pack ging es ab nach Üsüme. Da ihr Mann selbst Lastwagenfahrer war, übernahm er selbstverständlich den Transport.

So saß Lena jetzt da und schaute noch einmal aus dem Fenster. Wie konnte das alles nur so kommen?

In diesem Land, Üsüme. Nur ein langweiliges, eintöniges Leben … Das konnte doch nicht sein. Sie sehnte sich nach Diestelhof. Nur gab es kein Zurück. Also blieb ihr nur das unendliche Gefühl der Machtlosigkeit.

Wieder sah sie zum Fenster hinaus. Immer derselbe Blick ins Freie, Gefängnis …

Am Anfang fühlte sich alles noch wie ein Abenteuer an. Das gekaufte Grundstück war mit dem Erlös aus dem Verkauf der kleinen Firma bezahlt worden. Es war klein. Zumindest befand sich ein Häuschen darauf, das sie herrichten würden. Zumindest war das der Plan. Aber irgendwie übernahm ihr Mann die Mentalität der Einheimischen: „Was kann man heute besorgen? Schieb auf morgen!“

Im Haus wurden die Stromleitungen nur provisorisch verlegt. Überall am Boden lagen Kabel. Türen gab es keine, stattdessen nur Vorhänge …

Wasser aus Quellleitungen war hier ganz normal.

Beim Dachstuhl waren die Balken nicht richtig geschlossen. Wie alle anderen machten sie ihn nur mit Werbeplanen zu.

Holz wurde aus dem nahe gelegenen Wald geholt.

Am Anfang hatte Lena sich viel aufgeregt, da es anscheinend zur Normalität gehörte, unzuverlässig zu sein. Aber nach zwei Jahren gab Lena auf und nahm es einfach hin.

Lena fühlte sich dort nie wohl, geschweige denn angekommen. Die Sprache fiel ihr auch schwer. Zumindest konnte sie sich inzwischen im normalen Leben, etwa beim Einkaufen, verständigen.

Nach drei Jahren wollte Lena dort weg, aus diesem abgelegenen Teil der Ortschaft, für den sich so recht keiner zu interessieren schien.

Das nächste Dorf, Üsemekum, war nur mit einem Fahrzeug zu erreichen.

Nur ihren Mann schien es nicht zu stören. Zumindest hatte Lena diesen Eindruck.

Dann kam das Virus, und alles veränderte sich. Die Rente reichte nicht mehr, alles wurde zu teuer, das Motorrad spielte verrückt und das Gesundheitssystem wurde komplizierter.

Im Endeffekt blieb alles an ihrem Mann hängen. Der wiederum ließ mit der Zeit seinen Frust an ihr aus.

Was sie am Anfang noch entschuldigt hatte und wofür sie Verständnis gehabt hatte …

Dazwischen wurde gestritten, geliebt und sich entschuldigt.

Es steigerte sich immer mehr.

Er schimpfte unbedacht über Situationen, für die er selbst verantwortlich war und die er selbst verursacht hatte.

Es gab Diskussionen ohne Wirkung, Streit ohne Wirkung …

Und obwohl er sie so oft verletzt, so viel Schlechtes gesagt und sie oft enttäuscht hatte, blieb er trotzdem Lenas Herzensmensch.

Der Grundgedanke blieb all die Jahre derselbe: dass es besser werden könnte.

****

Was Lena und ihren Mann am meisten freute, war jedoch, dass sich ihre Tochter hier wohlfühlte, klug war und in der Schule hervorragende Leistungen erbrachte.

Das führte dazu, dass ein Förderer den vier besten Schülern der Schule das Studium finanzierte. Ihre Tochter Selma war mit dabei.

Dadurch konnten sie nach Londale mitkommen.

Selma war Papas Liebling, und sie wusste schon früh, wie sie ihn um den kleinen Finger wickeln konnte.

Selma und ihr Vater waren nach Londale hingeflogen. Wie er es geschafft hatte, wusste Lena nicht. Außerdem bekamen sie eine Hausmeisterwohnung. Ihr Mann würde dort als Hauselektriker arbeiten, und Lena könnte in der Mensa, also in der Studentenkantine, mitarbeiten.

Die Hausmeisterwohnung war klein: eine Wohnküche, ein Schlafzimmer und ein recht geräumiges Bad.

Für sie war das vollkommen ausreichend. Selma wohnte im Studentenheim.

Dadurch konnten sie sich oft sehen.

Die Zeit war sehr angenehm. Sie waren wieder als Paar zusammen, zumindest fühlte es sich für Lena so an.

Im letzten Semester kam dann auch ein junger Mann öfter zu Lena. Er unterstützte sie häufig und fuhr sie zum Arzt. Ganz uneigennützig war das nicht, denn er hatte sich in Selma verliebt. Ob sie zu diesem Zeitpunkt auch schon wusste, was er für sie empfand?

Vor ihrem Mann wurde es geheim gehalten, denn er hielt überhaupt nichts davon, dass seine in seinen Augen noch kleine Tochter einen Mann heiraten sollte. Für sie wäre sowieso nie einer gut genug gewesen.

Dass die beiden zusammenzogen, konnte er nicht verhindern. Lena konnte ihn damit beschwichtigen, dass er nur ihr Freund sei.

Natürlich wusste Lena, dass da mehr war.

Als die für Lena entspannte Zeit vorüber war, war es wieder an der Zeit, zurückzukehren.

 

Detektiv Bamy wirkte nachdenklich. Er rieb Daumen und Zeigefinger auf dem Zettel hin und her. Von Brookfield aus waren es etwa hundertfünfzig Kilometer.

Wie war dieser Zettel dann zu ihm gekommen? Das würde wohl vorerst ungeklärt bleiben, dachte Detektiv Bamy.

 

Auch Selma kehrte mit ihrem Freund zurück, denn er hatte sich entschieden, bei Selma zu bleiben.

Ihr Freund Ryan war ein sehr kluger Kopf. Beide hatten Technologie studiert. Ryan war bereits vor Ort gewesen und hatte alles in Insbur organisiert.

Für Lena und ihren Mann ging es wieder zurück in das unfertige Haus. Das dachte Lena ebenfalls.

Doch dann hatte Ryan, wie auch immer, gemeinsam mit ihrem Mann tatsächlich jemanden beauftragt, das Haus herzurichten. Das Einzige, was noch übrig blieb, war der Garten.

Ryan schaffte es mit seiner höflichen, bestimmten Art meistens, das zu erreichen, was er wollte.

Lena war mehr als überrascht. Sie freute sich so sehr und bedankte sich vielmals bei Ryan.

Ihr Mann plusterte sich auf. Schließlich habe auch er dazu beigetragen.

Natürlich bekam er dafür einen großen Kuss.

Selma und Ryan lebten in Insbur. Aus Rücksicht auf ihren Vater kam Selma immer allein zu Besuch. Ihr Vater schien verdrängt zu haben, dass sie einen Freund hatte. Zumindest bestand er darauf, dass er nicht wollte, dass sie heiratete.

Selma lächelte und meinte, mit ihren vierundzwanzig Jahren habe sie noch genug Zeit.

Aber Lena spürte, dass da mehr war.

Dann bemerkte Lena langsam, aber sicher die Veränderung bei ihrem Mann. Er beschäftigte sich immer mehr mit seinem Motorrad. Er schien Lena überhaupt nicht mehr wahrzunehmen. Er beschimpfte Menschen und behauptete, sie wollten ihm Böses. Wenn irgendetwas nicht klappte, ließ er seinen Frust an ihr aus. Er meckerte dauernd am Essen herum und redete gefühlt viel zu viel. Mit Reden war an ihn nicht heranzukommen.

Es wurde unerträglich. Lena schlug wieder vor, wegzuziehen, an einen Ort, an dem die Einkaufsmöglichkeiten näher wären. Aber er wollte davon nichts wissen und nichts hören.

Es war, als würde sie gegen Windmühlen sprechen. Lena wollte ihren Mann nicht einfach aufgeben, nur fühlte es sich so unfair an.

Seine ständigen Schuldzuweisungen, die scheinbar aus der Luft gegriffen waren, und die Streitigkeiten, die er anzettelte … Dann behauptete er, das habe er nur im Spaß gemeint oder gar nicht auf Lena bezogen. Für Lena fühlte es sich überhaupt nicht so an.

Detektiv Bamy hielt inne. Er schaute aus seinem kleinen Fenster. Kleine Regentropfen klopften dagegen. Er überlegte, ob er in seinem Umfeld jemals jemanden gekannt hatte, der so dermaßen unhöflich war. Er schüttelte den Kopf.

Nach einer Untersuchung, die erst nach viel Überredungskunst von Selma und Lena stattfand, kam die ernüchternde Diagnose. Die Krankheit mit diesem unaussprechlichen Namen würde er vielleicht noch ein paar Jahre haben. Und leider gehörten diese Symptome zum Krankheitsbild. Er könne sein Leben weiterführen. Es habe nichts damit zu tun, dass er sich draußen nicht zurechtfinden könne.

Es war so schwierig, seinem Verfall zuzusehen, wie er immer dünner wurde und seine Haare verlor. Darüber diskutierte er stundenlang. Und nur ihm allein ging es angeblich so schlecht …

Manchmal schaute Lena auf ihren Ring und dachte an das Versprechen: in guten und in schlechten Zeiten … Aber das hier waren mehr als schlechte Zeiten. Wenn ihr Mann schlechte Tage hatte, wünschte sie sich für ihn, dass er erlöst würde, zumal er selbst fast täglich darüber sprach. Das belastete Lena sehr.

Dann gab es auch die guten Tage, an denen er ihren Kopf streichelte oder sie sich im Bett näherkamen. In solchen Momenten nahm Lena es einfach an.

Lena wurde von ihrer Tochter unterstützt. Selma holte sie oft aus der Situation heraus. Ihr Freund brachte einen Kumpel mit, den Lenas Mann gerne mochte und mit dem er sein Dauerprojekt reparierte.

Dieser bemerkte einmal, wie erstaunlich es sei, dass ein Mensch etwas so akribisch auseinander- und wieder zusammenbauen könne.

Ryan brachte ein kleines Auto mit, das seine Freunde für Lena gebaut hatten. Es war ein Auto mit drei Rädern, das Lena an eine Aufziehmaus erinnerte. Außerdem brachte er einen Haushaltsroboter mit, einen Prototyp, der Lena die Hausarbeit erleichterte.

Lena schaute wie so oft aus dem Fenster und dachte über ihr Bermuda-Dreieck nach: Man kam hinein, aber irgendwie nicht mehr heraus.

Lena dachte sich eine Herzensfreundin aus. Wenn es ihr ganz schlecht ging, redete sie in Gedanken mit ihr. Das half ihr, vieles zu überstehen.

Wie viele Tage würde es wohl noch geben, an denen Lena zum Fenster schaute, um festzustellen, dass sie sich im falschen Leben befand?

*****

Da endete das Buch. Aber nicht wirklich, denn danach gab es noch viele weiße, leere Seiten, die vielleicht darauf warteten, ausgefüllt zu werden …

Detektiv Bamy hielt inne. Es kam ihm vor, als hätte er die Frau durch das Buch kennengelernt.

Er selbst war auch schon länger nicht mehr in seinem Heimatland gewesen. Wenn es sich einrichten ließ, war er meistens alle halbe Jahre in Armutle bei seiner Tante auf deren Bauernhof gewesen.

Seine Mutter stammte aus Üsüme, sein Vater war Brookfielder. Damals war seine Mutter seinem Vater gefolgt.

Er war hier in Brookfield aufgewachsen. Vielleicht sollte auch er wieder in sein Heimatland zurückkehren.

Bamy ließ alles hinter sich. Seine Wohnung mit separatem Büro und eigenem Eingang übergab er einem jungen Mann, der schon öfter danach gefragt hatte. Bisher hatte er immer abgelehnt, aber nun …

Mit seinem wenigen Hab und Gut stieg er in seinen alten, zuverlässigen Jensen ein.

Er fuhr los, Richtung Ärmelkanal. Er würde im Auto übernachten, so würde er wohl in einer Woche in Isbur ankommen. Gut, dass es Herbst war. Da war es im Land Üsüme angenehm warm.

Nur diesmal ging es nicht mit der Fähre nach Armutle, sondern Richtung Üsemekum. Ob er seine Tante anrufen sollte, überlegte Detektiv Bamy. Er entschied sich dagegen. So oft hatte sie gesagt, er könne jederzeit kommen. Es gäbe genug Platz bei ihr auf dem Bauernhof. Außerdem hatte sie in drei Wochen ihren sechzigsten Geburtstag. Da wäre er sowieso gekommen …

Falls er die Frau nicht antraf … Detektiv Bamy schüttelte leicht den Kopf. So etwas wollte er gar nicht erst denken.

Mit einem eingeklemmten Teebecher in der Autohalterung fuhr er die langen Straßen entlang. Am Abend war es angenehm, hinten auf der Rückbank auszuhalten.

Er spürte, dass er auf der richtigen Spur war. Die Straßen wurden immer schmaler, dann kam das erwähnte Dorf Üsemekum.

Dort kehrte er in einem kleinen Café ein. Wie es seine Art war, fragte er unauffällig nach einer Frau, die vor Jahren aus Diestelhof nach Üsüme gekommen war und deren Mann ein Motorrad fuhr, das er oft reparierte.

Der Besitzer erinnerte sich an diesen Diestelhofer. An dem alten Motorrad hatte er immer wieder etwas zu reparieren gefunden. Nur war dieser Mann schon längst gestorben. Ob seine Frau noch hier lebte, wusste er nicht. Man hatte sie lange nicht mehr gesehen. Das Letzte, was man gehört hatte, war, dass sie zu ihrer Tochter nach Isbur ziehen wollte. Sie wohnten weit draußen hinter dem Dorf.

Er müsse sich nur an einer roten Bushaltestelle orientieren. Nicht weit dahinter gebe es nur eine Einfahrt. Dort müsse er nach links abbiegen und dem Feldweg einfach so lange folgen, bis ein allein stehendes Haus käme.

Wenn sie noch da wäre, würde er sie dort finden.

Detektiv Bamy fuhr los. Nach einiger Zeit schaute er in den Rückspiegel, als könne er darin die Antwort finden.

Die Landstraße war lang und schmal. Nur schief hängende Bäume und wildes Gestrüpp waren am Straßenrand zu sehen.

Seine Augen wanderten aufmerksam und unermüdlich umher. Er spähte nach der roten Bushaltestelle.

Halt, da war sie doch! So unscheinbar, mit den rot verblassten Streben und einem Plastikdach darauf. Nach links, dachte Bamy und bog in den Kiesweg ein. Dieser war sehr schmal, gerade breit genug für ein Fahrzeug. Langsam folgte er dem Weg.

Da war ein Häuschen. Das musste es sein. Direkt an der Hausseite hielt er an.

Sein Herz schlug kräftig und schnell. Eine Zeit lang saß Detektiv Bamy noch im Auto. Nachdenklich stieg er langsam aus.

Ob die Frau überhaupt da war? Das fragte er sich.

Als er einige Schritte ging, bemerkte er einen weißen Kastenwagen. Sicher ein Umzugswagen, folgerte er.

Fest steckte er seine Hände in die Hosentaschen, als müsse er sich selbst festhalten, und mit festen Schritten ging er auf die Haustür zu.

Die Tür war offen. Behutsam drückte er die Türklinke herunter und trat in den offenen Wohnraum. Seine Augen brauchten nicht lange zu suchen. In dem ansonsten leeren Raum blickte er nach links. Dort saß die Frau am Tisch.

Unwillkürlich, wie magisch angezogen, ging er auf sie zu. Als Bamy vor ihr stand, nahm er ihr Gesicht in seine beiden Hände und schaute tief in ihre dunkelbraunen Augen.

Keiner von beiden sagte ein Wort.

„Du bist Lena Seidel.“

Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.

„Bamy“, sagte er kurz

Lena nickte kaum merklich. Bamy holte den Zettel aus seiner Hosentasche, der sich wie eine zweite Haut darin anfühlte, und hielt ihn ihr hin. Er war zerknittert, die Faltstellen waren deutlich zu erkennen.

Ihre Augen sprachen eine Frage aus: Das ist meine Schrift …

Bamy bemerkte, wie Lena leicht zitterte. Dann nahm sie seine Hand und umschloss sie.

Lena hatte eine handgemachte Handtasche um und eine Reisetasche bei sich.

Zusammen gingen sie zum Auto.

Bamy fuhr los. Erst als sie auf die Hauptstraße abbogen, fing Lena an, wie ein Wasserfall zu sprechen. Es sprudelte regelrecht aus ihr heraus.

Sie erzählte, dass ihr Mann vor eineinhalb Jahren gestorben war, dass ihre Tochter und deren Freund ihr beim Verkauf des Hauses geholfen hatten und dass ihre Tochter sie zu sich holen wollte.

„Komm, wir fahren dorthin, wo du hinfahren wolltest.“

Bamy nickte bestätigend.

Er sah, wie Lena eine Nachricht in ihr Handy tippte und dabei fein lächelte. Bamy konnte sich schon denken, für wen sie bestimmt war: für ihre Tochter.

******

Bamy räusperte sich. „Die Fahrt geht nach Armutle. Das kann man nur mit der Fähre erreichen.“

„Ah, davon habe ich schon mal gehört. Da ist es bestimmt schön!“, strahlte Lena Bamy an.

„Ja, dort ist es wirklich wunderschön. Meine Tante Serap hat dort einen Bauernhof. Sie wollte all die Jahre immer, dass ich dort bleibe.“

Lena nickte überschwänglich, als wollte sie sagen: Das ist eine sehr gute Idee.

Beide fühlten sich zueinander hingezogen. Niemand brauchte es zu erklären.

Bei der Überfahrt erkundeten sie die Fähre und gingen die Stahltreppen nach oben. Von dort konnte man wunderbar über das Meer sehen. Bamy legte Lena seine Jacke um, und sie legten ihre Arme umeinander. Es bedurfte keiner Worte. Sie standen einfach da und waren füreinander da, so selbstverständlich.

Es war spät geworden, als sie die Fähre verließen, sodass die beiden auf einem Rastplatz im Auto übernachteten. Sie saßen vorne auf den Sitzen, Lena an Olivers Schulter gelehnt. Die beiden waren so friedlich eingeschlafen.

Am nächsten Tag vertraten sie sich die Füße, bevor es weiter Richtung Armutle zum Bauernhof ging.

Die Morgenluft war angenehm frisch. Lena ging neben Bamy her, und als sich ihre Hände beim Gehen zufällig berührten, zog keiner von beiden sie zurück. Schließlich verschränkte Bamy seine Finger mit ihren. Lena sah zu ihm auf und lächelte. Es war nur eine kleine Geste, und doch fühlte sie sich für beide wie etwas Besonderes an.

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinanderher. Sie brauchten keine Worte. Lena lehnte sich leicht an Bamys Schulter, und er drückte ihre Hand sanft.

***

Nach einigen Stunden kamen sie endlich am Ziel an. Serap stand im Hof, hatte den Wagen sofort erkannt und lief darauf zu.

Bamy hielt an, und er und Lena stiegen aus. Lena und Serap gingen aufeinander zu und umarmten sich, als wären sie zwei Menschen, die sich lange nicht mehr gesehen hätten.

Die beiden Frauen lächelten einander an.

„Freut mich, Lena!“

„Serap“, kam es von Bamys Tante.

Bamy runzelte die Stirn.

Die beiden Frauen kamen auf ihn zu, und Lena sagte freudig: „Stell dir vor, sie ist meine Herzensfreundin! Ich habe es gleich gespürt, als ich sie gesehen habe.“

Serap nickte bestätigend, und beide schlangen ihre Arme um Bamys Hals.

Bamy war einfach nur glücklich.

Serap rief in Richtung Haus: „Ich mache schon mal Kaffee!“

Lena nahm Olivers Hand, und sie schlenderten über den Bauernhof. Zielstrebig ging sie in den Kuhstall, als hätte sie nie etwas anderes getan. Dieses Lächeln, dachte Bamy, traf ihn tief und warm.

Lena ging auf eine der Kühe zu, streichelte sie am Hals und setzte sich auf den davorstehenden Schemel. Sie nahm einen kleinen Eimer, der hinter ihr stand, und fing an zu melken. Erst zaghaft, dann gekonnt.

Lena kam mit dem Eimer zu Bamy herüber. Sie gingen vor den Eingang, und Lena stellte ihn dort ab. Ein weiches Lächeln lag um ihre Lippen.

„Für die Katzen.“

Bamy nickte bestätigend.

Weiter hinten kamen sie zu den Scheunen. In einer davon stand ein Wohnwagen.

Lena hielt sofort inne.

„Lass uns nach Diestelhof fahren.“

In ihren Augen stand die Bitte: Enttäusch mich nicht.

Bamy fühlte so viel für Lena, dass er sie auf keinen Fall verletzen wollte.

Doch er wollte ehrlich sein. Er trat zurück. Seine Stimme bebte leicht.

„Ich kann nicht, sonst lebe ich im falschen Leben.“

Lena machte einen Schritt auf ihn zu und lehnte ihre Wange an Olivers. Ihre Blicke trafen sich tief.

Oliver schlug vor: „Wir können jederzeit mit dem Wohnwagen nach Diestelhof fahren und dort bleiben, solange es uns gefällt.“

Lenas Augen leuchteten auf. Sie nahm Olivers Hand.

„Komm, lass uns Kaffee trinken.“

Entspannt gingen sie ins Haus hinein.

Drinnen in der großen Küche stand am Esstisch schon alles bereit. Wie herrlich das hier roch, ging den beiden durch den Kopf.

Es wurde ein entspannter, erzählreicher Nachmittag.

Am Abend gab es Nudelauflauf. Der Raum war von dem herrlichen Duft erfüllt.

Alle zusammen deckten den Tisch. Bamy nahm sich ein großes Stück und schlang es vor lauter Hunger regelrecht hinunter …

„Oliver“, drang Seraps ermahnende Stimme an sein Ohr.

Bamy erschrak. Hatte er vielleicht aus Versehen geschmatzt? Verlegen und beschämt blickte er den beiden Frauen entgegen.

Dann dieses Lächeln von Lena! Oliver wurde ganz schwach.

„Dir schmeckt es halt“, stellte Lena lachend fest.

Beschämt nickte Oliver.

Lena hob ihre Hand und legte sie leicht auf Olivers Hand.

Serap verließ den Raum. Sie spürte, dass sie die beiden einen Moment allein lassen sollte.

Ihre beiden Körper beugten sich vor. Ein Hauch von einem Kuss berührte ihre Lippen.

Ohne weitere Worte wurde der Tisch wieder abgeräumt.

Serap hatte ihre Zimmer vorbereitet.

Lange saßen die drei noch im Wohnzimmer beisammen. Für Lena fühlte es sich wunderbar an. Oliver wusste nur, dass sie sich beide zueinander hingezogen fühlten. Es fühlte sich schön an.

Im Schlafzimmer war an Schlaf nicht zu denken. Lena drehte sich von einer Seite zur anderen. Bei Oliver sah es nicht anders aus.

Ich kann nicht schlafen, dachte Lena und ging hinaus in den Flur. Nur ein Bad trennte die beiden Zimmer. Sie stand vor dem Bad. Auch Oliver stand davor.

Verlegen meinte er: „Ich wollte ins Bad“, und verschwand schnell darin.

Als Oliver herauskam, ging Lena hinein.

Ohne sich zu rühren, blieb Oliver dort vor dem Bad stehen. Lena trat heraus und lächelte Oliver an.

Dieses Lächeln, dachte Oliver wieder bei sich.

Oliver spürte Lenas Hand in seiner. Gemeinsam gingen sie in eines der Schlafzimmer und kuschelten sich aneinander. Sie gaben sich einen Gutenachtkuss und schliefen endlich selig ein.

Die beiden ließen sich nicht mehr aus den Augen. Serap freute sich für sie. Sie spürte, wie glücklich die beiden waren.

Besonders bei Seraps Geburtstagsfeier spürte man die Magie zwischen ihnen.

*******

Tag um Tag wurde gelacht, gescherzt und gemeinsam auf dem Bauernhof gearbeitet. Es gab immer etwas zu tun, und es machte ihnen einfach Spaß. Selbst die einfachsten Dinge wurden zu kleinen gemeinsamen Erlebnissen.

Die zwei waren unzertrennlich. Oliver hielt Lenas Hand und streichelte sanft mit seinen Daumen darüber. Wenn sie nebeneinander über den Hof gingen, suchte seine Hand ganz selbstverständlich die ihre. Lena ließ ihre Hand nur zu gern in seiner liegen.

Als sie im Beet Tomaten pflückten, berührten sich ihre Schultern. Für einen Augenblick hielten beide inne. Ihre Blicke trafen sich, und dieses vertraute, leise Lächeln erschien auf Lenas Lippen. Oliver beugte sich zu ihr und gab ihr einen sanften Kuss auf die Wange.

Lena schmiegte sich kurz an ihn, bevor sie weiterpflückten. Doch ihre Hände fanden sich immer wieder. Sie genossen diese kleinen Augenblicke, in denen es nichts zu erklären und nichts zu entscheiden gab. Sie durften einfach zusammen sein.

Tag um Tag kamen sie sich näher. Die Nähe zog sie zueinander, und mit jedem gemeinsamen Tag wuchs das Vertrauen zwischen ihnen. Sie entdeckten nicht nur einander, sondern auch das Gefühl, endlich angekommen zu sein.

In einer Mondnacht fanden sie sich in einer innigen Umarmung wieder. Ihre Küsse wurden zärtlicher, ihre Berührungen vertrauter. Sie ließen sich fallen und gaben sich dem Gefühl hin, das sie schon so lange miteinander verband.

Danach lagen sie eng aneinandergekuschelt und lauschten der Stille der Nacht. Oliver strich Lena sanft über das Haar. Sie hob den Kopf und sah ihn an.

Lena lächelte ihn mit ihrem feinen Lächeln an, das Oliver so schwach werden ließ, und legte ihre Hand an seine Wange. Dann küssten sie sich innig.

Befreit fühlten sie sich. Auch die Tage und Nächte wurden leichter. Die Vergangenheit verblasste langsam, und die Zukunft durfte wieder etwas Schönes versprechen.

Beide waren endlich glücklich. Sie wussten und fühlten, dass es so sein sollte.

***

An einem Abend saßen die beiden allein im Wohnzimmer beieinander. Draußen war es still geworden. Lena legte das Buch auf den kleinen Tisch. Leise, mit diesem Lächeln, das Oliver so sehr an ihr liebte, öffnete sie es an der Stelle, an der die leeren Seiten waren.

Eine Weile betrachtete sie die weißen Blätter. Dann strich sie mit den Fingerspitzen darüber.

„Dort warten die Seiten auf unser neues Leben. Aber nicht, um beschrieben, sondern um gefühlt zu werden.“

Oliver sah sie an. Die Worte berührten ihn so tief, dass ihm die Tränen über das Gesicht liefen. Lena rückte näher zu ihm. Beide lehnten ihre Stirnen aneinander, und sie wischte ihm sanft die Tränen aus dem Gesicht.

Oliver schloss für einen Augenblick die Augen und legte seine Hand auf ihre.

Dann schlug Lena das Buch am Buchrücken auf. Dort befand sich ein bräunliches, viereckiges Abzeichen, genau so groß wie der Zettel, den Oliver gefunden hatte.

Dieser Zettel lag inzwischen in einem kleinen Kästchen in einer Schublade. Oliver holte ihn heraus, und zusammen gingen sie nach draußen. Dort gab es eine kleine Feuerstelle, in der das Feuer gerade herunterbrannte.

Sie standen davor. Oliver hielt den Zettel in seiner Hand. Lange betrachtete er die Worte, die ihn auf diese Reise geführt hatten.

Oliver sah Lena an. Sie nickte ihm kaum merklich zu.

Er ließ den Zettel in die Glut fallen.

Die Flammen erfassten das Papier, und langsam wurden die Worte unleserlich. Oliver sah, wie Lena eine Träne über die Wange lief. Als sie ihre Strickjacke enger um sich zog, nahm er sie in seine Arme und hielt sie einfach fest.

***

Einige Wochen später rief Oliver Lena in ihr Schlafzimmer. Er hatte eine Überraschung für sie vorbereitet.

Beide saßen auf dem alten Sofa in der Ecke, und Oliver hielt das Buch fest in der Hand.

Neugierig blickte Lena ihn an.

Oliver lächelte geheimnisvoll.

Behutsam öffnete er das Buch dort, wo eigentlich die leeren Seiten gewesen waren …

Lena hielt inne.

Dort waren Bilder. Bilder von ihnen beiden!

Oliver strahlte über das ganze Gesicht.

„Schau mal, du bei den Kühen! Ah, oder ich beim Apfelpflücken! Wir auf dem Traktor …“

Er blätterte weiter. Auf jedem Bild entdeckten sie einen gemeinsamen Augenblick, eine Erinnerung an die Tage auf dem Bauernhof. Kleine Szenen, die ihnen selbst vielleicht gar nicht so besonders vorgekommen waren und die nun doch zu kostbaren Erinnerungen geworden waren.

Lena legte ihren Kopf an Olivers Schulter. Gemeinsam betrachteten sie die Bilder, lachten über manche davon und hielten bei anderen einfach nur inne.

„Du hast das alles gesammelt“, flüsterte Lena.

Oliver nickte. „Es soll uns immer an unser neues Leben erinnern.“

Lena sah ihn an. In ihren Augen standen Tränen, doch diesmal waren es Tränen der Freude. Sie legte ihre Arme um ihn und küsste ihn zärtlich.

„Dann haben wir ja noch eine Menge vor uns“, sagte sie leise.

Oliver zog sie näher zu sich. „Mehr, als in dieses Buch passen wird.“

Die beiden hielten sich innig fest.

Dann wieder dieses Lächeln von Lena! Oliver Bamy wusste und fühlte, dass er seine Suche in den Armen hielt.

Ende

 

4 Ekim 2026 Pazar

Boxkampf

Märchenwelt 🌟

Der Text entstand anhand dieser Sprachaufnahme.📢 🎧 ▶️ Audio abspielen ☁️

🥊🥊
Eine Katze machte es sich bequem auf ihren schönen, flauschigen Kissen
Gerade als sie eingeschlafen war –
indessen auch eine Fliege einen Schlafplatz suchte –
sah sie die Katze, flog in ihr Fell
und machte es sich dort bequem.

Und gerade, wie sie so eindöst,
machte sie Fliegengeräusche:

„sss… schw… ssss.“

Das hörte die Katze im Halbschlaf.
Sie nahm ihre Hinterpfote
und schlug die Fliege von sich.
Diese prallte gegen eine Kommode
und taumelte nach unten.
Halb bewusstlos war die Fliege sauer:

„Euch werde ich’s zeigen – immer auf die Kleinen!“

Da nahm sich die Fliege vor, Boxer zu werden –
und ging zur Boxerschule, trainierte hart.

Ein Baumkäfer trainierte ihn so,
dass er in den Boxring kam.
Im Boxring wurde er sehr, sehr gut –
und immer besser und besser,
bis er ein Champion wurde.
Er erhielt den Boxer-Gürtel als bester Boxer.

Wie er das alles erreicht hatte,
fiel ihm wieder die Katze ein,
und er flog zurück.

Da sah er, wie die Katze so eingeringelt dalag und schlief.
Daraufhin flog er wieder in ihr Fell
und machte es sich dort bequem.
Er fing an, Fliegengeräusche zu machen:
„sssssss... ssssss... ssssss.“

Die Katze wollte ihn auch wieder wegschlagen –
aber dieses Mal holte die Fliege mit ihrer Fliegenfaust aus
und schlug direkt auf ihre Nase.
Die Katze ergriff sofort die Flucht und war nicht mehr gesehen.

Da flog die Fliege zu dem Kissen der Katze –
schön flauschig, weich –
und machte es sich dort bequem.

Und von Weitem hört man ein Fliegensummen:
„ssss… ssww… ssss…“

Und somit ist diese Geschichte zu Ende.

24 Ağustos 2026 Pazartesi

Blaubart

Märchenwelt 🌟


Er war lang, er war schlank und trug einen langen, blauen Lockenbart, der ihm bis zu den Knien reichte. Deshalb wurde er von allen Blaubart genannt.

Wenn Blaubart etwas mit seinem Bart berührte, wurde es sofort farbig, was Blaubart manchmal freute, ihn manchmal aber auch traurig stimmte.

Blaubart ging gerne spazieren. Vor ihm lag eine wunderschöne Gänseblumenwiese, so weiß, dass man meinen konnte, kleine Schneeflocken und Sterne leuchteten dort.

Blaubart bewunderte das Blumenmeer. Da bemerkte er ein Eichhörnchen und folgte ihm. Dabei berührte sein Bart einige der Gänseblumen, und im Nu waren diese farbig geworden. Eine große Fläche voller verschiedener Farben leuchtete nun dort.

Es erfreute Blaubart zugleich, doch oft war er auch traurig darüber. Er blieb stehen und haderte mit sich selbst.

Die Vögel, die ihn gerne begleiteten, zwitscherten ihm zu: „Das ist gut so, das schaut schön aus.“

Etwas erleichtert folgte er dem Weg weiter. Von Weitem sah er ein kleines Häuschen. Als er näher kam, erkannte er, dass die Fensterläden die Form von Karotten hatten. Neugierig klopfte er an die Tür. Niemand machte auf. Er klopfte noch einmal, diesmal kräftiger. Nichts!

Blaubart trat näher heran und klopfte noch schneller und kräftiger. Dabei berührte er mit seinem blauen Bart die Tür, die sich unweigerlich sofort rosa färbte. Aber nicht nur das: Das gesamte Häuschen wurde farbig. Sogar jede Seite bekam eine andere Farbe – eine wurde rot, eine gelb, eine orange und die Vorderseite lila.

„Oh, Schreck!“, dachte Blaubart.

Und wie er das dachte, öffnete sich die Tür. Eine Häsin stand verschlafen davor, mit einer Nachtmütze auf dem Kopf.

Erschrocken schaute Blaubart drein. Die Vögel über ihm gaben ein feines „Schip“ von sich.

Die Häsin blinzelte Blaubart an und erkannte im nächsten Moment ihr farbiges Haus.

Sie rieb sich die Augen und fragte etwas ungläubig: „Träume ich, oder ist mein Haus neu gestrichen?“

Blaubart verbeugte sich höflich. „Entschuldigen Sie bitte, aber jedes Mal, wenn ich mit meinem Bart etwas berühre, wird es farbig.“

Die Häsin rieb sich noch einmal die Augen, trat auf Blaubart zu und umarmte ihn.

Die Vögel hielten den Atem an. „Oooh …“

Als sie Blaubart wieder losließ, rief sie: „Wie herrlich! Endlich schaut mein Haus schön aus.“

Erleichtert stellten Blaubart und seine Vogelfreunde fest, dass die Häsin nicht farbig geworden war.

„Komm herein, ich bin Gerda.“

Unschlüssig und vorsichtig trat Blaubart durch die Tür. Dabei hielt er seinen Bart zusammen.

Die Häsin bemerkte es, lächelte ihn an und sagte: „Setz dich.“

Blaubart überlegte, ob er dies machen sollte, und sah unsicher auf die Couch.

Die Häsin Gerda sah ihn an und fragte: „Was hast du gedacht, als ich dich umarmt habe?“

„Na, hoffentlich bleibt sie, wie sie ist.“

Die Häsin lächelte. „Dann lass deine Gedanken sprechen.“

Und sie machte eine Handbewegung zur Couch.

Achtsam und langsam setzte er sich, ließ seinen Bart los und blickte vorsichtig um sich. Es funktionierte. Alles blieb, wie es war.

Ein leichter Hauch der Erleichterung – „Wuu“ – entwich ihm.

Seine Vogelfreunde, die draußen auf einem Baum vor dem Fenster auf den Ästen saßen, zwitscherten vor Freude für ihn.

Die Häsin Gerda lud ihn zum Abendessen ein. Danach war er müde geworden, zudem war es schon sehr spät.

Somit bot ihm Häsin Gerda an, auf der Couch zu übernachten, und brachte ihm eine bunt gehäkelte Decke, die Blaubart gerne annahm.

Am frühen Morgen roch es schon nach Frühstück, nach frischem Karottenkaffee und Karottenbrötchen dazu.

Vom süßen Duft wach geworden, bedankte sich Blaubart.

Nach dem Frühstück bekamen die Vögel die Krümel von der Tischdecke.

Draußen im Garten vor dem Haus stand nun Häsin Gerda.

Blaubart hatte seine Vogelfreunde auf den Schultern.

Blaubart machte eine leichte Verbeugung. „Danke, Häsin Gerda, für deine Gastfreundlichkeit und deine Hilfe wegen meines blauen Bartes. So schön die Farben auch manchmal waren, manchmal haben sie mich auch traurig gemacht.“

Häsin Gerda verstand ihn und nickte ihm wohlwollend zu.

Blaubart setzte einen Fuß zum Abschied voraus.

„Wo willst du hin?“, fragte Häsin Gerda kopfschüttelnd.

Etwas irritiert schwieg Blaubart. Er wusste keine Antwort darauf …

Seine Vogelfreunde senkten ihre Köpfe und zwitscherten: „Bleiben wir hier.“

Blaubart setzte sich auf die Holzbank vor dem Haus und nickte schweigend.

Blaubart saß einfach nur da und beobachtete die Umgebung. Ohne Hast, ohne ewig auf Wanderschaft zu sein … Er spürte, dass er glücklich war.

Später am Nachmittag gab es bei Häsin Gerda Karottenkaffee, Karottenkuchen und Kartoffelkekse dazu.

Wie herrlich war es, hier zu sitzen.

Später räumten Blaubart und Häsin Gerda zusammen auf.

Zwischen ihnen entstand eine wunderbare Freundschaft. Jeden Tag freuten sie sich aufs Neue auf gemeinsame Unternehmungen. Und so saßen sie jeden Abend vor dem farbigen Häuschen, während die Vogelfreunde ihr Abendlied sangen.

Wie glücklich war er doch zwischen seinen Lieben.

Blaubart strich sich über seinen blauen Bart und lächelte.

 

Bauernhof am Horizont

Liebesgeschichte 💞


 

Zum Einstieg

Türkischer Bauernhof – Traditioneller Familienbetrieb

München – Ein modernes Unternehmen im 5. Stock eines großen Bürogebäudes.

Ali Taşoğlu

Geschäftsname: Talu

Das Unternehmen stellt Tonblumentöpfe und Holzblumenkästen her. Zusätzlich handelt es mit Bio-Lebensmitteln.

Ali stammt ursprünglich aus der Türkei und hat das Unternehmen in München aufgebaut.

Seine Tochter heißt Daniela.

Danielas Mutter war Deutsche und starb bei ihrer Geburt.

Isabell (Deutsche) ist eine enge Arbeitskollegin und Freundin von Daniela.

Yaman ist der Hauptcharakter der Geschichte.

Sein Vater und Ali waren miteinander verwandt.

Noch zu Lebzeiten sagte Yamans Vater zu ihm, dass er nach seinem abgeschlossenen Studium bei Ali Abi im Unternehmen arbeiten solle.

Yaman studiert Agrarwirtschaft.

Später soll er den Bauernhof übernehmen.

Nach dem Tod seines Vaters, der bei einem Autounfall ums Leben kam, kümmert sich seine Tante Melek, die Schwester seines Vaters, um Yaman.


Name

•Yaman•

Fatih (Freund)

Tante Melek

Onkel Hassan

Tante Debra

Susan

Tolga (Freund)

• 

Denn  Kadir (Gegner)

•

Ali (Vater)

Leyla, Schwester von Ali und Ersatzmutter für Daniela

Hund Timmy

Haluk (Chauffeur)


Bauernhof am Horizont

Yaman hatte sein Studium erfolgreich abgeschlossen. Voller Freude kannte er nur ein Ziel: so schnell wie möglich bei Ali Abi anzukommen.

Schon seit Tagen war er unterwegs. Seine Kleidung war schlicht und etwas schlapprig. Fast alles war kaffeebraun – nur seine Krawatte war in einem dunklen Weinrot. Es war die Glückskrawatte seines Vaters.

Mittlerweile war sein Bart etwas gewachsen. Dadurch wirkte er ungepflegt, doch für Yaman war das kein Problem.

Auf dem Weg vom Bahnhof zum Unternehmen begann es zu regnen. Yaman blickte kurz zum Himmel. Kein Grund, deshalb nicht weiterzugehen.

Etwas durchnässt kam er schließlich vor dem Firmengebäude an.

Voller Vorfreude betrat er das Gebäude fast im Laufschritt.

Plötzlich stolperte er beinahe über einen kleinen Hund, der durch die Empfangshalle lief. Er trug ein Halsband und musste also jemandem gehören, dachte Yaman.

Kurzerhand bückte er sich zu dem kleinen Kerl hinunter.

„Du schaust hungrig aus.“

Er nahm ein belegtes Brötchen aus seiner Tasche, teilte es in kleine Stücke und gab sie dem Hund.

Anschließend stand Yaman wieder auf, streckte seine Beine und ging, noch etwas steif, zum Empfang.

„Guten Tag. Da ist ein kleiner Hund ...“

Die Dame am Empfang antwortete eher desinteressiert:

„Ja, der gehört zum Unternehmen Talu.“

Yaman nickte erfreut.

„Ja, genau dort wollte ich hin. Melden Sie mich bitte an.“

Die Empfangsdame zögerte kurz.

„Beim Personalbüro?“

Yaman hörte gar nicht richtig hin.

„Genau, genau. Wo muss ich hin?“

„Das Unternehmen befindet sich im fünften Stock. Dritte Tür.“

Yaman eilte zum Fahrstuhl.

Oben angekommen, stand die dritte Tür bereits offen. Er trat ein, zog seinen nassen kaffeebraunen Mantel aus und hängte ihn an die Garderobe.

Gerade wollte er sich setzen.

Da betraten zwei Frauen, die sich auf dem Flur unterhalten hatten, das Büro.

Einen kurzen Moment sahen sie ihn an, danach blickten sie sich gegenseitig an.

„Guten Tag. Ich bin Daniela Taşoğlu, und das ist meine Kollegin Isabell. Was können wir für Sie tun?“

Daniela trug eine dunkelbraune Kurzhaarfrisur. Isabell hatte lange blonde Haare, die zu einem Zopf geflochten waren. Beide waren schlank und elegant gekleidet.

Sie setzten sich hinter den Schreibtisch und musterten ihn.

Das lindgrüne Jackett, die kaffeebraune, etwas schlapprige Hose und dazu diese weinrote Krawatte ...

Innerlich schüttelte Daniela den Kopf.

Aufgeregt holte Yaman seine Aktenmappe hervor. Mit leicht zitternden Händen legte er seine Unterlagen auf den großen Schreibtisch.

„Ich bin zu Ali Abi gekommen. Ich habe mein Studium beendet. Hier sind meine Unterlagen.“

Daniela warf Isabell einen kurzen Blick zu.

Sie sah auf die Mappe, ohne sie zu öffnen.

"Ali Abi?"

Yaman nickte lächelnd.

Daniela erwiderte kühl:

„Wissen Sie was? Ich werde mir Ihre Unterlagen in Ruhe ansehen und Ihnen dann Bescheid geben.“

Yaman freute sich. Er nahm seinen Mantel, bedankte sich freundlich und ging zur offenen Glastür. Nur noch wenige Schritte trennten ihn vom Fahrstuhl.

Die beiden Frauen glaubten bereits, er sei außer Hörweite.

Isabell bekam einen Lachanfall.

„Hast du gesehen ...?“

Daniela schüttelte grinsend den Kopf.

„Wie der angezogen war! Alles kaffeebraun, dieses altmodische lindgrüne Jackett ...“

„... und diese weinrote Krawatte“, ergänzte Isabell lachend. „Zum Weinen!“

Daniela lachte hämisch weiter.

„Und dann noch sein Schuldeutsch ... Das geht ja gar nicht!“

„Was machen wir mit der Akte?“, fragte Isabell.

Daniela antwortete kühl:

„•Ab in den  Schredder.•“

Draußen hatte Yaman jedes einzelne Wort gehört.

Ein dumpfer Stich. Er legte die Hand auf sein Herz. Mit wackligen Schritten ging er zum Aufzug.

Unten in der Lobby verließ er wie benommen das Gebäude.

Krankenhausbekanntschaft

Bänke, Brunnen – alles verschwamm vor seinen Augen. Yaman taumelte benommen und wäre fast zu Boden gestürzt, doch plötzlich fing ihn jemand auf.

Orientierungslos saß er wenig später auf einer Bank. Er war kaum ansprechbar und bekam nur schwer Luft.

Die junge Frau neben ihm, eine angehende Medizinstudentin, reagierte sofort und rief einen Krankenwagen. Sie begleitete ihn sogar ins Krankenhaus.

Dort erhielt Yaman die nötige Versorgung.

Nach einiger Zeit nahm er die junge Frau bewusst wahr und fragte nach ihrem Namen.

„Susan“, antwortete sie. Sie war ebenfalls Türkin, studierte hier Medizin und wollte später wieder in die Türkei zurückkehren.

Yaman erzählte ihr den ganzen Vorfall.

Susan nickte verständnisvoll und drückte seine Hand.

Leise sagte sie: „Lass solche Leute einfach. Brauchst du das wirklich? Du erzählst so begeistert von eurem Bauernhof. Mach lieber etwas daraus. Dort bist du frei und kannst alles so gestalten, wie du es willst.“

Yaman schaute die junge Frau, die bestimmt nicht älter war als er selbst, mit großen Augen an.

Innerlich wusste er, dass sie recht hatte.

Er drückte ihre Hand und nickte entschlossen.

„Weißt du was, Susan? Wenn du mit deinem Studium fertig bist, besuchst du uns auf unserem Hof.“

Susan lächelte.

„Das mache ich bestimmt.“

Yaman nickte überschwänglich.

„Ich gebe dir unsere Adresse. Momentan haben wir noch keinen Telefonanschluss. Den muss ich erst legen lassen.“

Erschöpft lächelte er.

Beide tauschten ihre Adressen aus. Susan schrieb auch ihre Handynummer auf den Zettel.

Als Yaman sie fragend ansah, lächelte sie.

„Wenn ihr einen Telefonanschluss habt, ruf mich an und sag mir, ob es dir gut geht.“

Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu:

„Ich würde dir außerdem empfehlen, dir ein Handy anzuschaffen. Das wirst du brauchen.“

Yaman nickte, faltete den Zettel sorgfältig zusammen und steckte ihn in seinen Geldbeutel.

So verabschiedeten sie sich.

Yaman hielt sein Versprechen. Von Zeit zu Zeit telefonierten sie miteinander, wenn es ihre Zeit zuließ.

Doch im letzten halben Jahr wurde es still. Susan hatte eine Prüfung nach der anderen zu bestehen, und Yaman arbeitete mehr denn je, um die Schulden vom Bauernhof abzubezahlen.

Derweil waren sieben Jahre vergangen …

Inzwischen hatte Yaman seinen Bauernhof aufgebaut und die einzelnen Bereiche gut aufgeteilt.

Sein Onkel Hasan, der Bruder seiner Tante Melek, kümmerte sich hauptsächlich um die Tiere und die Melonenfelder. Seine Tante Melek führte die kleinen, gemütlichen Ferienhäuschen und war für die Küche verantwortlich, unterstützt von Debra, der Frau von Onkel Hasan.

Im offenen Küchenhaus wurden das Frühstück und das Abendessen für die Gäste zubereitet.

Den Essbereich hatten Yaman, Onkel Hasan und Fatih gemeinsam um eine großzügige Holzterrasse erweitert. Von dort führte ein Holzweg bis zum etwa einen Kilometer entfernten Meeresstrand. Am Ende befand sich ein langer, schmaler Holzsteg, von dem aus man weit über das Meer blicken konnte.

Entlang des Weges, zwischen kleinen Palmen und Bäumen, standen Holzpfosten, an denen Lichterketten mit verschiedenfarbigen, ausgehöhlten Melonenlampen hingen.

Am Abend tauchten sie den Weg in ein warmes, stimmungsvolles Licht und erhellten den langen Holzweg.

Inzwischen war alles bestens eingespielt.

 Schlechte Nachrichten bahnten sich an …

Yamans engster Freund Fatih kam außer Puste auf dem Bauernhof an. Gerade standen alle beisammen.

Völlig atemlos keuchte er:

„Der Bankkredit wurde abgelehnt!“

Yaman hob ungläubig beide Arme und ließ sie wieder fallen.

„Was ist da los? Wir waren uns doch einig!“

Tante Melek legte sich erschrocken eine Hand aufs Herz. Die anderen schüttelten fassungslos den Kopf.

Fatih rang noch immer nach Luft.

„Neuer Bankdirektor …“

„Ach so, daher weht der Wind …“, murmelte Yaman. „Also wieder alles von vorn.“

Zur gleichen Zeit tauchte ein schicker Sportwagen auf. Auf dem letzten Stück beschleunigte der Fahrer noch einmal, nur um anschließend scharf abzubremsen. Eine große Staubwolke wirbelte über die Feldstraße.

Weil.

Yamans Konkurrent und größter Gegner.

Mert stieg aus, dicht gefolgt von seinem FreundKadir. Mit einem überheblichen Grinsen schlenderte er auf die kleine Gruppe zu. 

Mit kurzem Abstand blieb er stehen und sagte lässig:

„Na, verkauft ihr mir den Hof? Habt ihr euch schon entschieden?“

Tante Melek stemmte die Hände in die Hüften.

„Das kannst du vergessen!“

Mit einer Hand wischte sie sich den Schweiß von der Stirn.

Yaman trat gefährlich nah an Mert heran.

„Du warst das!“

Mert schmunzelte siegessicher.

„Was soll ich gewesen sein?“

Yaman hob wütend die Augenbrauen.

„Das mit dem Bankdirektor!“

Mert winkte im Weggehen nur lässig ab.

„Was kann ich dafür? Also, ich höre von euch.“

Yaman wollte mit geballter Faust auf ihn zustürmen.

Doch alle hielten ihn zurück.

„Lass! Das bringt doch nichts!“, beschwichtigte Tante Melek.

Die Umstehenden murmelten aufgebracht vor sich hin.

Schließlich ergriff Tante Melek entschlossen das Wort:

„Jetzt machen wir erst einmal Abendessen. Morgen ist ein neuer Tag, und viel Arbeit wartet auf uns.“


Das Zusammentreffen

Ein paar Tage später waren Yaman und Fatih unterwegs, um Pilze zu suchen.

Zur gleichen Zeit machten zwei junge Damen ganz in der Nähe mit ihrem Auto eine Pause.

Während sie sich angeregt unterhielten, holten sie ihre Stoffklappstühle und einen kleinen Klapptisch aus dem Kofferraum.

Nach einigem Hin und Her, bis sie einen geeigneten geraden Platz gefunden hatten, setzten sie sich endlich.

Gerade wollten sie ihre Picknickbox öffnen, als ihnen auffiel:

„Timy ist weg!“

Etwas übertrieben hysterisch rief Daniela:

„Wo ist Timy? Immer büxt er aus!“

Die Box wurde sofort wieder abgestellt. Etwas unbeholfen liefen beide durch das für sie ungewohnte Gelände.

Abwechselnd riefen sie:

„Timy! … Timy!“

Yaman und Fatih hörten die Stimmen.

Fatih blickte auf.

„Hast du das auch gehört?“

Yaman schaute nach vorn.

„Ja. Das kam von da drüben.“

Vor ihnen plätscherte ein kleines Bächlein. Yaman wollte gerade darüber gehen, während Fatih etwas ungeschickt nach seiner Wasserflasche suchte.

Plötzlich tauchte auf der gegenüberliegenden Seite ein kleiner schwarzer Hund auf. Aufgeregt schnüffelte er umher, während sein Schwanz unaufhörlich hin und her wedelte.

„Wo kommt der denn her?“, fragte Yaman und erkannte, dass der Hund genau dort zwischen den Pilzen herumlief, nach denen er gesucht hatte.

Er machte einen Satz nach vorn.

Der Hund erschrak, rutschte in das Bächlein und begann quietschend zu strampeln.

Im selben Moment tauchten auch die beiden Damen auf.

„Oje!“, riefen sie erschrocken.

Daniela lief voraus und rief im Befehlston:

„Tun Sie doch etwas!“

Dabei sah sie Yaman direkt und auffordernd an.

Yaman zeigte auf sich selbst, blickte nach unten, schnitt in aller Seelenruhe seine Pilze ab und verpackte sie sorgfältig.

Dann sagte er gelassen:

„Guten Tag auch.“

„Ja, von mir aus guten Tag. Aber bitte, können Sie meinen Hund retten?“

Yaman wandte den Blick von ihr ab und murmelte halblaut:

„Dem passiert nichts. Dort ist es nicht tief. Der Kleine schwimmt vor Schreck nur auf der Stelle.“

Er warf einen kurzen Blick auf den strampelnden Hund, trat einen Schritt näher, beugte sich leicht hinunter und hob ihn mit einer schnellen Armbewegung aus dem Bächlein.

Sofort schleckte der kleine Hund ihm über die Nase.

Yaman musste lachen.

„So, mein Kleiner …“

Dann setzte er das nasse Wollknäuel kurzerhand auf Danielas Arme.

Überrumpelt und überrascht streckte sie ihm die Hand entgegen.

"Daniela Taşoğlu."

Yaman ignorierte ihre ausgestreckte Hand. Er sah sie nicht einmal an.

Seine wilden Blicke richtete er auf den Boden.

Daniela bemerkte sofort, wie abweisend er sich verhielt.

Langsam zog sie ihre Hand wieder zurück.

„Ist etwas?“, fragte sie direkt.

Yaman schüttelte nur den Kopf, ohne aufzusehen.

Dann drehte er sich zu Fatih um.

„Komm, lass uns gehen.“

Ohne sich noch einmal umzusehen, verließ er den Ort.

Isabell wiegte nachdenklich den Kopf, legte Daniela sanft eine Hand auf den Rücken und schob sie leicht in Richtung Auto.

„Komm“, sagte sie ruhig. „Wir fahren wieder.“

Rückfahrt nach München

Am Auto angekommen schimpfte, Daniela aufgebracht:

„Ich verstehe nicht, wieso ein attraktiver Mann so grob reden kann.

Hast du seine Muskeln unter dem Achselshirt gesehen?“

„Vergiss es. Männer eben!“

Daniela warf ihre schönen, langen dunkelbraunen Haare nach hinten.

„Pech gehabt. So eine Schönheit wie mich findet er nicht so leicht wieder.“

Mit einem überzeugten Grinsen setzte sie sich ans Steuer und fuhr in Richtung Hauptstraße.

„Na dann, los nach Hause“, nickte Isabell ihr zu.

***

Unterwegs auf der Autobahn in Richtung München lagen nur noch wenige Stunden Fahrt vor ihnen.

Plötzlich klingelte das rote Geschäftshandy.

Daniela stöhnte genervt.

„Die wissen doch, dass ich im Urlaub bin!“

Widerwillig nahm sie den Anruf an.

„Ich, Daniela der Spiele.“

„Mmh … okay. Was ist passiert?“

Sie schaltete den Lautsprecher ein.

Die Stimme des Chauffeurs ihres Vaters und zugleich seines engsten Mitarbeiters war zu hören:

„Frau Daniela, Sie müssen sofort zurückkommen. Es gibt eine dringende Sitzung.“

Daniela schüttelte den Kopf.

„Was ist denn passiert? Na gut, wir sind sowieso schon auf dem Weg.“

Isabell sah sie fragend an und schüttelte ebenfalls den Kopf.

„Morgen sehen wir uns“, antwortete Daniela und beendete das Gespräch.

Aufregung in München

Stunden zuvor hatte sich vor dem Unternehmen in München eine Menschentraube gebildet. Lautstark beschwerten sich die Mitarbeiter.

Ali Taşoğlu stieg angespannt aus seinem Wagen und ging zielstrebig auf die Menschen zu, die ihn sofort aufgebracht ansprachen.

Beruhigend hob er die Hände.

„Moment mal! Was ist denn los?“

Ein Mann trat einen Schritt auf ihn zu.

„Wir sind alle gekündigt worden! Was sollen wir jetzt machen? Wir haben Schulden abzubezahlen.“

Eine Frau meldete sich ebenfalls verzweifelt zu Wort.

„Ich habe Kinder. Ich brauche diese Arbeit.“

Ali blieb ruhig, obwohl ihm der Ärger deutlich anzusehen war.

„Niemand ist gekündigt. Das ist eine falsche Information. Beruhigen Sie sich bitte. Gehen Sie erst einmal nach Hause und kommen Sie morgen alle wieder. Diesmal treffen wir uns im neuen Firmenflügel.“

Die Anspannung löste sich langsam.

Erleichtert nickten die Mitarbeiter. Einige murmelten neugierig:

„Im neuen Firmenflügel?

„Bis morgen, Chef!“, riefen einige, während sie nach und nach nach  Hause gingen.

Als der Platz endlich leer war, drehte sich Ali zu Haluk um.

„Haluk, ruf sofort meine Tochter an!“

„Wird erledigt, Ali Abi.“

***

Am nächsten Morgen saß Daniela frisch und voller Elan ihrem Vater gegenüber.

Ali begann ohne Umschweife.

„Wie konntest du Menschen einfach kündigen, ohne über die Folgen nachzudenken? Diese Menschen haben Rechnungen zu bezahlen, Kredite abzuzahlen und Kinder zu ernähren.“

Er schüttelte enttäuscht den Kopf.

„Es war ein Fehler, dir die Personalabteilung zu überlassen.“

Daniela lächelte selbstsicher.

„Aber Papalein, das Team hat sich doch nicht mehr gelohnt.“

Ali schwieg einen Moment, um sich zu beherrschen.

„Ja, da muss sich noch eine Lösung finden. Aber nicht so!“

Seine Stimme wurde bestimmt.

„Du gehst wieder in dein altes Büro und machst von jetzt an nur noch das, was ich dir sage. „Punkt, aus, Pasta!“

Daniela setzte sich leicht trotzig an den riesigen Bürotisch.

„Aber Papalein …“

„Nichts da! Ich will nichts mehr hören. Und deine Spaßpläne – London und Paris – sind erst einmal gestrichen.“

Beleidigt verließ Daniela das Büro ihres Vaters.

Isabell wartete bereits.

„Und?“, fragte sie mit großen Augen.

Daniela warf ihren Notizblock auf den Schreibtisch.

„London und Paris sind gestrichen!“

Beide zogen enttäuscht eine Schnute.

Schweigend setzten sie sich an den Schreibtisch, stützten die Ellbogen auf und blickten bedrückt  drein.

Am Abend klagte Daniela ihrer Tante Leyla, der Schwester ihres Vaters und zugleich ihrer Ziehmutter, ihr Leid.

„Tante Leyla, was soll ich nur machen? Papalein will nicht mehr mit mir sprechen.“

Tante Leyla sprach ruhig und beschwichtigend.

„Daniela, denk einmal in Ruhe über das nach, was dein Vater dir gesagt hat.“

Doch Daniela blieb stur.

„Kann ich nicht noch einmal mit ihm reden?“

Tante Leyla schüttelte leicht den Kopf.

„Er ist jetzt in seinem Arbeitszimmer und möchte nicht gestört werden.“

Nach einer Weile schlug sie vor:

„Komm, geh erst einmal ins Bett. Es ist schon spät geworden.“

Beim Bauernhof

Das Frühstück war schon lange vorbei. Zurzeit waren nur wenige Gäste auf dem Hof. Ein ruhiges, schlankes Ehepaar hatte sich bewusst für eines der hinteren Ferienhäuschen entschieden, um etwas Abstand und Ruhe zu haben.

Der andere Gast war ein älterer Pensionär. Er war jeden Morgen der Erste beim Frühstück, weil ihm Meleks Essen besonders gut schmeckte.

Inzwischen war es später Nachmittag. Eine unangenehme Hitze herrschte. Alle saßen unter dem großen Holzpavillon, dessen Dach mit Stroh gedeckt war.

Yaman ließ sich auf einen der Stühle fallen, streckte sich fast liegend aus und blieb eine Weile schweigend sitzen.

Die übrigen Familienmitglieder saßen auf den Bänken des Pavillons.

Alle blickten bedrückt vor sich hin.

Wie sollte es nur weitergehen?

Die ausstehenden Rechnungen mussten in Kürze bezahlt werden.

Yaman schüttelte den Kopf und überlegte laut:

„Wir bräuchten einen Investor. Aber woher nehmen?“

Plötzlich begannen Meleks Augen zu leuchten.

„Ich weiß da jemanden. Den kann ich bitten.“

Alle sahen sie erwartungsvoll an, doch niemand sagte etwas.

Tante Melek stand auf, ging zu ihrem Häuschen hinüber und griff zum Handy.

In München klingelte das Geschäftshandy.

Ali hob ab.

Seine Sekretärin teilte ihm mit:

„Eine Frau aus der Türkei möchte Sie sprechen.“

Ali runzelte kurz die Stirn.

„Wer?“

„Sie sagt, sie wäre Melek vom Bauernhof am Horizont.“

Sofort hellte sich sein Gesicht auf.

„Gut, gut. Bitte stellen Sie sie durch.“

Mit einem erfreuten Lächeln sagte er:

„Melek! Wie geht es dir? Kann ich etwas für dich tun? Brauchst du Hilfe?“

Melek stockte einen Moment.

„Du … ja, du kannst uns tatsächlich helfen. Du weißt doch, Yaman … wir bräuchten einen Investor. Du erinnerst dich sicher noch – alles frisch vom Bauernhof.“

Ali nickte eifrig.

„Weißt du was? Das trifft sich gut. Mir fehlt ein neuer Lieferant.“

Nach kurzem Überlegen fügte er hinzu:

„Schick mir Yaman. Dann setzen wir uns zusammen.“

Einen Moment schwieg er.

„Melek … geht es dir wirklich gut?“

Melek räusperte sich. Ihr Hals war ganz trocken.

„Ja, sicher. Mir geht es gut.“

„Na dann. Bis bald“, sagte Ali.

Melek legte auf.

Sie holte tief Luft, bevor sie zu den anderen zurückging.

Noch bevor sie den Pavillon erreichte, rief sie laut:

„Yaman, du kannst kommen! Das Unternehmen Talu erwartet dich!“

Mit einem Schlag erhellten sich alle Gesichter.

Yaman lächelte.

„Gut, dann ziehe ich meine rote Glückskrawatte an!“

Die anderen sahen sich kurz erschrocken an.

Fatih warnte vorsichtig:

„Yaman … die ist unmöglich. Ich weiß, sie stammt von deinem Vater, aber …“

„Kein Aber!“, unterbrach ihn Yaman. „Schwarzer Anzug und rote Krawatte gehen immer.“

Niemand traute sich, etwas dagegen zu sagen.

„Nicht wahr, Tante Melek?“, fragte er und zwinkerte ihr erwartungsvoll zu.

Tante Melek fächelte sich mit der Hand Luft zu.

„Hauptsache, du bekommst eine Chance.“

Yaman wandte sich zu Fatih.

„Du kommst auch mit.“

Fatih grinste bis über beide Ohren.


München, Unternehmen Talu

Yaman und Fatih fuhren mit dem Fahrstuhl nach oben. Beide sahen sich etwas unsicher und nervös an.

„Schauen wir gut aus?“, fragte Yaman.

Fatih rückte ihm die Krawatte zurecht.

„Alles klar.“

„Alles klar“, bestätigte Yaman und umklammerte den Präsentkorb.

„Bing.“

Der Fahrstuhl öffnete sich.

Gerade bogen sie um die Ecke des Flures, als Ali aus dem Besprechungsraum trat.

„Yaman! Du siehst deinem Vater wirklich ähnlich.“

Sein Blick fiel auf Fatih.

„Wen hast du denn da mitgebracht?“

„Das ist mein bester Freund Fatih.“

Fatih überreichte Ali den Präsentkorb.

Yaman erklärte:

„Ein kleines Präsent von unserem Bauernhof, zusammengestellt von Tante Melek, Onkel Hasan und seiner Frau Debra.“

Ali lächelte erfreut und ließ seinen Blick über die Köstlichkeiten schweifen. Vorsichtig stellte er den Korb an der Seite des Besprechungstisches ab.

Zwei weitere Herren aus dem Unternehmen saßen ebenfalls mit am Tisch.

„So …“, sagte Ali und rieb sich die Hände. „Dann legen wir mal los. Zeig uns deine Unterlagen. Was kannst du uns anbieten? Diese Herren sind meine Berater. Zurzeit suchen wir einen neuen Lieferanten für unseren Bio-Lebensmittelbereich.“

Er nickte Yaman zu.

„Da kommst du gerade zur rechten Zeit.“

Eineinhalb Stunden später war alles besprochen.

Yaman unterschrieb den Vertrag.

Man umarmte sich.

„Auf gute Geschäfte!“, sagte Ali strahlend.

Yaman gab ihm noch einmal einen kräftigen Händedruck.

Dann rief Ali einer Sekretärin zu:

„Bitte holen Sie meine Tochter.“

Die Sekretärin eilte davon und kam kurz darauf mit Daniela zurück.

„Guten Tag“, begrüßte sie die Anwesenden.

Als sich ihre Blicke trafen, erstarrten beide.

Yamans Augen funkelten überrascht und zugleich aufgebracht.

Ali blickte zu seiner Tochter.

„Daniela, das sind ab heute unsere neuen Lieferanten für den Bio-Bereich.“

Er sah seine Tochter ernst an.

„Und du wirst künftig den Bio-Bereich führen. Es wird Zeit, Verantwortung zu übernehmen.“

Daniela war alles andere als begeistert.

„Das bringt doch keinen Umsatz. Was soll das mit so einem kleinen Bauernhof?“

Ali wurde deutlich.

„Du hast keine Ahnung, wie schwer die Arbeit auf einem Bauernhof ist.“

Daniela trat einen Schritt nach vorn.

„Ich habe keine Ahnung?“

Ali hob die Augenbrauen.

„Nein, Daniela. Du hast keine Ahnung.“

Nach einem kurzen Moment sagte sie:

„Gut. Dann werde ich mir das Ganze vor Ort ansehen.“

Ali sprach weiter:

„Nein. Du wirst es dir nicht nur ansehen – du wirst mithelfen. Vielleicht lernst du dann, Verantwortung zu übernehmen.

Danach kannst du deinen London und Paris-Spaß haben.“

Daniel, bitte.

„Na gut. Wie lange?“

Yaman und Fatih hatten das Wortgefecht ungläubig verfolgt.

Da mischte sich Yaman ein.

„Sechs Wochen. Das halte ich für angemessen.“

Ein listiges Grinsen huschte über sein Gesicht.

Ali sah seine Tochter fragend an.

Daniela nickte widerwillig.

„Gut. Sechs Wochen. Danach bekomme ich aber meine Reise nach London und Paris.“

Zur Besiegelung der Abmachung reichte sie ihrem Vater die Hand.

Draußen, in der Parkanlage vor dem Unternehmen, sah Fatih seinen Freund kopfschüttelnd an.

„Sag mal, bist du noch ganz dicht? Ich dachte, du kannst sie nicht ausstehen.“

Yaman lächelte genüsslich.

„Sie ist meine Helferin … meine Helferin.“

Ein schelmisches Grinsen huschte über sein Gesicht.

„Für Prinzessin Daniela lasse ich mir schon etwas Schönes einfallen.

Und er lachte. „Ha, ha …“


Zwei verschiedene Welten

Gleich nachdem Yaman und Fatih auf dem Bauernhof angekommen waren, freuten sich alle über die gute Nachricht.

Es wurde keine Zeit verloren. Jeder machte sich wieder an seine Aufgaben.

Drei Tage später war inzwischen auch Daniela mit ihrem Auto in der Türkei angekommen und unterwegs zum Bauernhof.

Die schmale Straße führte auf der einen Seite an einer Felswand entlang, auf der anderen eröffnete sich eine wunderschöne Landschaft. Nach einiger Zeit konnte Daniela zwischen den gedrungenen Bäumen und Büschen das Meer erkennen.

Sie entdeckte auf der linken Seite eine kleine Sandbucht, von der aus man weit über das Meer blicken konnte. Sie lenkte ihren Wagen dorthin, stieg aus und genoss den Ausblick.

Gedankenverloren stand sie da. Der warme Wind strich sanft über ihre Haut. Die angenehme Wärme ließ sie für einen Moment alles um sich herum vergessen.

Gerade wollte Daniela wieder zu ihrem Auto gehen, als ein Sportwagen mit hoher Geschwindigkeit heranraste und abrupt anhielt.

Sie schob ihre Sonnenbrille hoch.

Das darf doch nicht wahr sein, schoss es ihr durch den Kopf.

•Mert•

Er stieg aus und kam mit großen Schritten auf sie zu.

„Was für eine süße Überraschung!“, grinste er.

Daniela war alles andere als begeistert.

„Ja … kommt ganz darauf an.“

Sie verschränkte die Arme.

„Ich sage es dir gleich. Ich will mit dir nichts mehr zu tun haben. Wir waren einmal verliebt, aber das ist längst vorbei.“

Mert ließ sich nichts anmerken.

„Was machst du denn hier?“

„Ich fahre zum Bauernhof am Horizont. Mein Vater investiert dort. Er hat mich dorthin geschickt.“

Leise murmelte Mert vor sich hin:

„Damit kann er also den Kredit decken.“

Unbemerkt ballte er die Hand zur Faust.

Mit abgewandtem Gesicht blickte er einen Moment finster zu Boden. Dann drehte er sich zu Daniela um und lächelte freundlich.

„Dann sehen wir uns bestimmt noch.“

Daniela seufzte.

„Wird sich wohl nicht vermeiden lassen. Ich muss jetzt los. Ich bin schon spät dran.“

Sie stieg in ihren Wagen und fuhr weiter.

Am späten Nachmittag bog sie schließlich auf den Bauernhof ein.

Melek entdeckte sie als Erste.

„Da kommt sie.“

Yaman schüttelte nur den Kopf.

Daniela stieg aus und kam auf die kleine Gruppe zu.

„Du bist ziemlich spät dran“, sagte Yaman.

Daniela sah darin kein Problem.

„Tut mir leid. Ich habe die schöne Meeraussicht genossen.“

Yaman war müde vom langen Tag.

„Gut. Ich zeige dir deine Unterkunft.“

Daniela sah einen Mann mit Strohhut heranlaufen.

Er verneigte sich leicht und nahm den Hut vor die Brust.

„Ich bin Hasan.“

Dann deutete er mit dem Kinn zur Seite.

„Und das ist meine Schwester Melek.“

„Freut mich“, sagte Daniela. „Bitte bringen Sie meine Koffer zu meiner Unterkunft.“

Hasan nickte eifrig.

Yaman ging wortlos voraus. Vor einem der kleinen Häuschen blieb er stehen.

Daniela verzog sofort das Gesicht.

„Das ist doch nicht dein Ernst. Da gehe ich nicht rein. Das ist ja ein Schuhkarton.“

Yaman sah sie müde und genervt an.

„Ach so … die Prinzessin braucht wohl etwas Besseres.“

In diesem Moment kam Tante Melek dazu.

Sie sah die genervten Gesichter der beiden an.

„Was ist denn mit euch zwei los?“

Daniela lächelte leicht.

„Tut mir leid. Das ist nichts für mich.“

Tante Melek überlegte kurz.

„Zwei neue Häuschen sind bereits geplant, aber das wird noch etwas dauern.“

Sie lächelte Daniela freundlich an.

„Weißt du was? Du kannst erst einmal in meinem Gästezimmer übernachten.“

Yaman schüttelte energisch den Kopf.

Doch Tante Melek schob Daniela bereits in Richtung ihres kleinen, gemütlichen Hauses.

Yaman hielt sich mit beiden Händen den Kopf.

Am besten verschwand er jetzt. Er stieg in sein einfaches Auto und fuhr zu seinem kleinen, schlichten Haus.

Er wollte einfach nur noch schlafen.

Daniela war mit ihrem Gästezimmer zufrieden. Es war gemütlich eingerichtet und bot genügend Platz für ihre Kleidung.

Auch sie legte sich schließlich in das weiche Bett, das angenehm nach frischer Wäsche duftete.


Nächster Tag auf dem Bauernhof

Nach dem Frühstück zeigte Yaman Daniela die Stallungen mit den Kühen, Schafen und einem Pferd.

Vor den Stallungen blieb er stehen.

„Du liebst Tiere?“

Daniela trat einen Schritt näher und lächelte fast belustigt.

„Natürlich liebe ich Tiere. Du kennst doch meinen Liebling Timy.“

Wie gerufen stand Timy plötzlich schwanzwedelnd hinter den beiden.

Im nächsten Moment sauste der Hund auf Yaman zu, lief zwischen seinen Beinen hindurch und setzte sich brav vor ihn auf seinen Hintern.

Yaman blickte kurz zu ihm hinunter.

„Lauf, Timy! Hier bist du frei!“

Sofort flitzte Timy davon.

Daniela sah ihn verwundert an.

„Was war das denn?“

„So“, sagte Yaman und zeigte auf den Stall. „Heute stapelst du die Heuballen.“

Er deutete auf einen mittelgroßen Anhänger, der bis oben hin mit quadratischen Heuballen beladen war.

Mit Leichtigkeit griff Yaman einen der mit Schnüren zusammengebundenen Heuballen in der Mitte der Schnur, hob ihn hoch und wuchtete ihn im Stall an die Wand.

„So wird das gemacht. Das ist heute deine Aufgabe.“

Natürlich wollte Daniela keine Schwäche zeigen. Sie griff ebenfalls nach einem Heuballen, merkte aber schnell, dass sie ihn nicht mit einer Hand tragen konnte. Also packte sie die Schnur mit beiden Händen und schleppte den Ballen mühsam in den Stall.

Gerade als sie ihre Kleidung betrachtete, reichte Yaman ihr eine altmodische Schürze.

Daniela starrte das hässliche Ding an.

„Das ist doch nicht dein Ernst!“

„Damit schützt du deine Kleidung.“

Yamans Blick wanderte an ihr hinunter. Daniela trug eine zartrosa Bluse mit Ärmeln bis zu den Ellbogen, einen kurzen weißen Rock und dazu gelbe Gummistiefel.

Murrend zog sie die Schürze über und band sie hinter ihrem Rücken zusammen.

Schmunzelnd drehte sich Yaman um und winkte ihr im Weggehen noch einmal zu.

Etwas weiter entfernt stand sein Traktor. Gerade wollte er aufsteigen, als Timy angerannt kam und aufgeregt an ihm hochsprang.

„Na, mein Kleiner …“

Yaman beugte sich zu dem Hund hinunter. Da fiel sein Blick auf das runde Amulett am Halsband.

Das kannte er doch …

Da erinnerte er sich.

Das war der kleine Hund von damals aus der Empfangshalle.

Yaman wuschelte durch Timys Fell.

„Na, mein kleiner Kerl, hast du mich nicht vergessen?“

Er strahlte über das ganze Gesicht.

„Komm, lauf! Lass es dir hier gut gehen und genieße deine Freiheit.“

Liebevoll gab er Timy einen kleinen Klaps auf den Hintern.

Schon flitzte der Hund wieder davon.

Yaman fuhr mit dem Traktor hinaus auf die Felder.

Daniela schleppte Heuballen um Heuballen. So stur, wie sie war, machte sie keine einzige Pause. Nur eine Wasserflasche stand neben ihr.

Irgendwann brach ihr bei der Arbeit ein Fingernagel ab.

Was für eine Tragödie!

Natürlich musste dieser furchtbare „Unfall“ sofort dokumentiert werden. Sie schickte ihrer besten Freundin Isabell ein Foto davon.

Anschließend ging sie in ihr Zimmer, holte ihre Notfalltasche, schnitt ein riesiges Pflaster zurecht und versorgte ihren Finger.

Mit großem Bedauern machte Daniela weiter.

Die Arbeit dauerte bis zum Abend.

Als Yaman müde vom Feld zurückkam, saßen bereits alle am langen Tisch.

Nach dem Essen fragte er:

„Wo ist Daniela?“

Onkel Hasan und Tante Debra zuckten mit den Schultern.

Während sie den Tisch abräumte, antwortete Tante Melek:

„Daniela ist in die Stadt gefahren. Sie wollte dort zu Abend essen.“

Yaman klopfte mit den Fingerknöcheln auf die Tischplatte.


Beim Strandlokal

„Tante Melek, ich fahre noch zu meinem Lieblingslokal. Ich muss mich ein bisschen erholen.“

Tante Melek nickte verständnisvoll.

Am Strandlokal angekommen, ging Yaman den Holzweg entlang in das offene Lokal. Vorne erkannte er die halbrunde Theke.

Er wollte gerade darauf zugehen …

Ungläubig blieb er stehen.

Daniela.

Und neben ihr saß ihre Freundin Isabell.

Die beiden hatten sich spontan dort getroffen. Daniela war bereits leicht angetrunken.

Yaman hatte überhaupt keine Lust, ihr zu begegnen. Frustriert drehte er sich um und wollte seine Schritte beschleunigen.

Plötzlich hüpfte ihm auf dem Holzweg eine junge Frau entgegen.

"•Yaman•!"

Mit leuchtenden Augen sah Susan ihn an.

Sie blickte ihn einen Moment nachdenklich an.

„Ist etwas passiert?“

Yaman schaute sie überrascht an.

„Susan?“

Sie lachte.

„Genau. Susan. Ich bin fertig mit meinem Studium und arbeite seit Kurzem als Ärztin im neuen Aksoy-Krankenhaus.“

„Das freut mich riesig.“

Yaman umarmte sie herzlich.

Gemeinsam setzten sie sich an einen freien Tisch.

Sie unterhielten sich eine ganze Weile. Yaman erzählte von der unerwarteten Begegnung mit Daniela und davon, dass sie noch immer keine Ahnung hatte, wer er wirklich war.

„Und wo wohnst du jetzt?“, fragte Yaman.

Susan hob leicht die Schultern.

„Im Moment noch in den Personalzimmern des Krankenhauses. Aber auf Dauer ist das nichts für mich.“

Ganz selbstverständlich bot Yaman an:

„Dann komm doch zu uns auf den Bauernhof.“

Susan lächelte erfreut.

„Ja, danke. Das mache ich gern.“

Gerade wollten sie sich verabschieden …

Da schwankte Daniela leicht beschwipst an ihnen vorbei und redete laut und völlig durcheinander.

Yaman sprang sofort auf den Holzweg.

Kopfschüttelnd hob er Daniela vorsichtig auf seine Arme und trug sie davon.

Isabell eilte ihnen hinterher.

„Daniela!“, rief sie besorgt.

Ohne sich umzudrehen, sagte Yaman laut:

„Ich bringe sie zurück zum Bauernhof!“

Susan schaute den beiden verwundert hinterher.

Am Tag darauf auf dem Bauernhof

Schon vor dem Frühstück saß der ältere Pensionär Mehmet Bey vor dem Frühstückshaus.

Melek trat hinaus.

„Guten Morgen, Mehmet Bey. Wie immer einen schwarzen Kaffee? Heute gibt es frischen Ziegenkäse und Tomaten aus dem Garten. In Kürze bringe ich Ihnen einen Teller.“

Dabei lächelte sie freundlich.

Mehmet Bey war entzückt.

„Alles, was Sie servieren, ist köstlich – und wunderbar … genauso wunderbar wie Sie.“

Melek hatte sich bereits wieder umgedreht. Für sie war diese Freundlichkeit nichts weiter als reine Höflichkeit.

Nicht lange danach kamen auch Yaman, Hasan und Debra dazu. Debra brachte wie gewohnt dem Ehepaar Yılmaz das Frühstück.

Nun saßen alle gemeinsam am Tisch, frühstückten und besprachen die Arbeiten des Tages.

Yaman fuhr später mit Fatih hinaus auf die Felder, während Hasan sich wie immer um die Ställe kümmerte und die Tiere fütterte.

Einige Zeit später erschien auch Daniela und setzte sich an den Frühstückstisch.

Tante Melek ging sofort zu ihr.

„Daniela, komm und frühstücke erst einmal. Bevor Yaman zurückkommt. Der ist sowieso noch sauer auf dich.“

Daniela hob müde den Kopf, der noch immer leicht brummte.

„Uff …“,entfuhr es Daniela

Rasch stellte Melek ihr das Frühstück auf den Tisch.

In diesem Moment stand Timy schwanzwedelnd vor Daniela.

Lächelnd streichelte sie den Hund. Nach einem kurzen Bellen lief Timy zielstrebig zu seinem Futternapf.

Gerade erklärte Tante Melek ihr, dass sie besser ein langärmeliges Oberteil und eine lange Hose anziehen sollte, als Yaman mit einer verärgerten Miene auf sie zukam.

„So, los geht's. Zieh dir etwas Langärmeliges an. Es geht zu den Apfelbäumen. Pflücken.“

Daniela wollte protestieren.

Doch Tante Melek griff sofort ein.

„Das habe ich ihr schon gesagt. Komm, mach schnell.“

Unwillig stieg Daniela auf den Traktor. Sie hob beide Hände, als wollte sie sagen: Was soll man machen?

Tante Melek sah die Geste und rief ihr lächelnd nach:

„Debra ist auch dabei!“

Kurz darauf machten sie sich auf den Weg.

An den Apfelbäumen angekommen, erklärte Debra Daniela in aller Ruhe, wie die Arbeit ablief.

Yaman arbeitete derweil auf dem gegenüberliegenden Feld und pflügte den Acker.

Die unerwartete Überraschung

Unerwartet tauchte Ali gemeinsam mit seinem Chauffeur Haluk und seiner Schwester Leyla auf.

Der Wagen mit dem schicken, modernen Wohnwagen blieb am Rand des Feldes stehen.

Ali machte sich mit schnellen Schritten auf den Weg zu den Apfelbäumen.

Daniela stand gerade auf einer Leiter zwischen den Ästen und pflückte Äpfel.

Leyla und Haluk folgten ihm.

Schließlich blieben die drei nebeneinander stehen. Mit gerunzelter Stirn blickte Ali zu Daniela hinauf.

Leyla rief entsetzt:

„Das … das ist unmöglich! Schau dir nur unsere Daniela an! Mit einem Bauernkopftuch, einem hellblauen Hemd und einer khakibraunen Hose!“

Daniela drehte sich überrascht um. Dabei geriet die Leiter ins Wanken.

Debra reagierte blitzschnell und hielt die Leiter gerade noch rechtzeitig fest.

Vorsichtig stieg Daniela herunter und nahm ihr Kopftuch ab.

Yaman hatte den Wohnwagen schon von Weitem gesehen und anschließend die kleine Menschenansammlung um Daniela bemerkt.

Er fuhr mit dem Traktor das kurze Stück hinüber und sprang schwungvoll herunter.

Fragend blickte er in die Runde.

Ali gefiel das alles überhaupt nicht.

„Was soll das? Daniela ist noch nie auf einen Baum geklettert!“

Daniela atmete tief durch.

„Uff … Mir ist doch nichts passiert. Und diese Kleidung ist nun einmal Arbeitskleidung.“

Ali und Leyla sahen sie weiterhin besorgt an.

Schließlich ergriff Ali das Wort.

„Daniela, du kommst sofort mit.“

Leyla nickte zustimmend.

„Genau. Du kommst mit uns.“

Doch Daniela schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme.

„Das kommt überhaupt nicht infrage. Wir haben sechs Wochen vereinbart.“

Ali kannte seine Tochter. Er wusste genau, wie stur sie sein konnte. Gegen ihren Willen hatte er jetzt keine Chance.

Er trat ein paar Schritte zur Seite.

Leyla folgte ihm.

Leise sagte Ali:

„Eigentlich gefällt mir das. Sie zeigt endlich einmal Durchhaltevermögen.“

Nachdenklich fügte er hinzu:

„Wir lassen den Wohnwagen hier.“

„Dann bleibe ich ebenfalls hier und kümmere mich um sie“, sagte Leyla.

Ali nickte und nahm seine Schwester kurz in den Arm.

Anschließend winkte er Daniela und Yaman zu sich.

„Gut, wir lassen dir den Wohnwagen hier. Yaman wird bestimmt einen schönen Platz dafür finden.“

„Stimmt's, Yaman?“

Yaman nickte.

Was blieb ihm auch anderes übrig?

Der Wohnwagen bekam einen schönen Platz zwischen dem Bauernhof und dem Meer.

Alle waren zufrieden.

Für Yaman ging die Arbeit am späten Nachmittag ganz normal weiter.

Währenddessen im Wagen überlegte Ali einen Moment.

„Haluk, wir bleiben ebenfalls hier. Wir fahren zu meinem Anwesen.“


Inzwischen in der Stadt …

Mert und sein Handlanger Kadir saßen in dem Restaurant, das Mert gehörte. Doch nicht nur das Restaurant gehörte ihm, sondern auch das Aksoy-Krankenhaus und das dazugehörige Gebiet.

Lässig hing Mert in seinem bequemen Stuhl.

Die beiden heckten einen Plan aus, wie sie Yaman schaden könnten.

„Zuerst machen wir ihnen Angst“, grinste Mert.

„Heute Nacht jagen wir die Hühner aus dem Stall bis hinüber zum Wald. Den Rest erledigen die Wölfe.“

Ein hämisches Grinsen breitete sich auf den Gesichtern der beiden aus.

Noch in derselben Nacht fuhr Kadir mit einem alten Lieferwagen zum Bauernhof.

Leise löste er ein Holzbrett am Hühnerstall und jagte die Hühner in Richtung Wald.

Zufrieden mit dem angerichteten Schaden fuhr er beinahe lautlos wieder davon.

Unterwegs rief Kadir Mert an.

„Ist erledigt.“

Mehr sagte er nicht und legte wieder auf.

Mert schenkte sich in seiner Penthousewohnung, die direkt an das Aksoy-Krankenhaus angrenzte, ein Glas Wein ein und nahm genüsslich einen Schluck.

***

Aufruhr auf dem Bauernhof

Auf dem Bauernhof waren alle auf der Suche nach den Hühnern.

Tante Melek schimpfte:

„Ich habe euch schon lange gesagt, dass das Hühnerhaus neue Bretter braucht.“

Yaman suchte bereits eine ganze Weile nach der Ursache. Doch außer einem zur Seite gedrückten Holzbrett konnte er keine Beschädigung entdecken.

Aufgebracht sagte er:

„Also, das Brett hat sich ganz bestimmt nicht von allein zur Seite geschoben.“

Fatih sah ihn eindringlich an.

„Denkst du dasselbe wie ich?“

Yaman nickte.

„Ja, schon. Aber wir haben keine Beweise.“

Beide sagten fast gleichzeitig:

„Mert, dieser Blödmann!“

„Komm, wir müssen zuerst die Hühner finden“, sagte Yaman.

Gemeinsam liefen sie ein gutes Stück auf den Wald zu

Plötzlich kam ihnen Susan entgegen.

Auf ihrem Arm trug sie ein Huhn, dessen Fuß sorgfältig verbunden war.

Yaman und Fatih schauten sie erfreut und zugleich verwundert an.

Susan deutete mit dem Daumen hinter sich.

„Vorne an der Landstraße liefen die Hühner herum. Dieses hier hat sich anscheinend an Dornen verletzt. Die anderen sind in meinem Auto. Ich habe sie einfach mitgenommen.“

Yaman trat vor Freude auf sie zu und umarmte sie seitlich.

„Susan, du bist … einfach unglaublich!“

Susan lächelte.

„Na ja, wenn man auf einem Bauernhof aufgewachsen ist …“

Die Hühner wurden vorübergehend in einem Steinschuppen untergebracht. Yaman, Hasan und Fatih errichteten zusätzlich einen stabilen Drahtzaun darum.

Später am Abend saßen alle gemeinsam am langen Esstisch.

Yaman blickte in die Runde.

„Darf ich vorstellen? Das ist Susan. Sie ist Ärztin und arbeitet im neuen Aksoy-Krankenhaus.“

Dann stellte er die anderen vor.

„Das ist meine Tante Melek, mein Onkel Hasan und seine Frau Debra. Fatih hast du ja bereits kennengelernt.“

Dabei zwinkerte er Fatih zu.

„Und das sind Daniela und ihre Tante Leyla.“

Susan nickte allen freundlich zu.

„Freut mich sehr.“

Nach dem Abendessen stand Yaman auf und gab Susan ein Zeichen.

„Komm, ich zeige dir dein neues Reich.“

Nach wenigen Minuten erreichten sie das kleine Häuschen.

Es war schlicht, aber gemütlich und erst vor Kurzem von Yaman hellblau gestrichen worden.

Susan gefiel es auf Anhieb.

„Das schöne Hellblau gefällt mir.“

Gemeinsam gingen sie hinein.

„Oh, sogar eine kleine Kochecke.“

Yaman nickte erfreut.

„Dann wünsche ich dir eine gute Nacht. Schlaf gut.“

Susan blickte ihm nach, als er hinausging.

„Gute Nacht!“

Leicht wippte sie auf den Zehenspitzen.


Alles läuft schief

Mert hatte schnell erfahren, dass der Plan nicht aufgegangen war.

Kadir, sein Handlanger, erzählte:

„Susan, du weißt schon, die neue Ärztin im Krankenhaus, hat ihm geholfen und die Hühner eingesammelt.“

Mert schnaufte wütend und fegte mehrere Gegenstände vom Sideboard.

 

Auch bei Daniela lief es nicht gerade perfekt. Zwei Wochen harte Arbeit und zuletzt das Olivenpflücken hatten ihr den Rest gegeben, obwohl ihr jeder davon abgeraten hatte. Diese Arbeit bedeutete ständiges Bücken, belastete den Rücken, und die Körbe waren viel zu schwer. Doch natürlich hatte Daniela sich nichts sagen lassen und half nach einer Nacht mit Schmerztabletten vorne im Küchenbereich wieder mit.

Daraufhin tauchten Ali und sein Chauffeur Haluk wieder auf. Gemeinsam setzten sie sich mit Yaman und Daniela zusammen.

Mit ernster Mine sagte Ali:

„So geht das nicht weiter! Daniela, du kommst sofort mit.“

Daniela stand energisch auf.

„Das kommt gar nicht infrage. Jetzt habe ich erst die Hälfte geschafft. Die letzten drei Wochen schaffe ich auch noch.“

Yaman nickte mürrisch.

„Siehst du, Ali Abi.“

In diesem Moment kamen Onkel Hasan und dicht hinter ihm Fatih herbeigeeilt.

Hasan hob verzweifelt die Hände.

„Yaman, wir haben ein riesiges Problem! Das Lager platzt vor Erdbeeren. Wir müssen uns etwas einfallen lassen, sonst verderben sie alle.“

Gemeinsam schauten sie in das Lager. Tatsächlich war alles bis oben hin überfüllt.

„Was machen wir nun?“, fragte Yaman.

Zusammen gingen sie zurück zur Außenküchentheke und überlegten.

Da hob Daniela plötzlich den Zeigefinger.

"Marmelade!"

Dabei zeigte sie auf ihre Tante.

Leyla lächelte.

„Genau! Ich mache die beste Erdbeer-Orangen-Marmelade.“

Ali runzelte die Stirn.

„Seid ihr euch da sicher? Schafft ihr das?“

Auch Yaman hob nachdenklich die Augenbrauen.

Leyla verschwand hinter der Theke.

„Kommt, fangen wir an!“

Tante Melek winkte Debra herbei.

Sofort machten sich alle an die Arbeit.

Leyla lächelte in die Runde.

„Ich mache meine berühmte Erdbeer-Orangen-Marmelade. Ihr habt doch sicher Orangen?“

Fatih nickte eifrig.

„Wir haben ein ganzes Orangenfeld. Ich kümmere mich sofort darum.“

Dabei gab er Yaman einen Ellenbogenstoß und verschwand mit dem Traktor.

Ali und Haluk bekamen trotz des ganzen Durcheinanders noch ihr Abendessen.

Ali lächelte Melek dankbar an.

„Das wäre doch nicht nötig gewesen. Vielen Dank!“

Melek schmunzelte ihn nur an.

Nach dem vorzüglichen Abendessen standen Ali und Haluk auf. Ali wollte nicht länger stören und verabschiedete sich mit einem Handzeichen aus der Ferne.

„Das Essen war ausgezeichnet. Vielen Dank noch einmal.“

Dann wandte er sich an Daniela und Leyla.

„Passt gut auf euch auf … und viel Glück.“

Anschließend sagte er zu Daniela:

„Ich bin ein paar Tage in München. Du kannst mich jederzeit auf dem Handy erreichen.“

Daniela blickte kurz von ihrer Arbeit auf.

"Okay, Papalein."


Der Verkauf

Nach drei Tagen war nun auch der letzte Topfkessel abgefüllt.

Ein Pickup war voll beladen mit Marmeladengläsern. Sorgfältig von Hand beschriftete Etiketten zierten jedes einzelne Glas. Einige enthielten Erdbeermarmelade, andere eine Erdbeer-Orangen-Marmelade.

In den sozialen Medien hatten sie bereits Werbung gemacht. Nun ging es in die Stadt.

Daniela und ihre Freundin Isabell waren etwas aufgeregt. Ob wohl alles klappen würde?

Der Verkauf lief gut an.

Sogar auf einer Fähre konnten sie einige Gläser verkaufen.

Sie fragten in vielen Läden nach, handelten geschickt und verkauften ihre Marmelade. Bis zum Abend hatten sie bereits mehr als die Hälfte geschafft und kehrten zufrieden zum Bauernhof zurück.

Gemeinsam wurden die übrigen Gläser wieder im Lager verstaut.

Daniela und Isabell saßen müde beim Abendessen und stocherten nur noch lustlos in ihrem Essen herum.

Tante Melek gab Yaman mit ihren Augen ein Zeichen.

Yaman ließ es sich nicht nehmen.

„Na, echte Handarbeit und das Leben auf einem Bauernhof sind eben etwas anderes, als im Büro zu telefonieren.“

Kaum hatte Tante Melek ihm einen mahnenden Blick zugeworfen, fügte er schnell hinzu:

„Aber Daniela, du hast das tatsächlich durchgezogen.“

In diesem Moment kam Susan dazu.

Yaman winkte sie sofort heran.

„Komm, setz dich. Du hast bestimmt Hunger.“

Susan zögerte.

„Es ist schon spät. Ich bin bestimmt zu spät dran.“

Yaman schüttelte den Kopf.

Noch bevor Susan etwas sagen konnte, brachte Tante Melek ihr bereits einen Teller mit warmem Essen.

„Hoffentlich schmeckt es dir“, sagte sie freundlich.

Susan lächelte.

„Das ist einfach wunderbar.“

Dankbar begann sie zu essen.

Nach und nach standen alle auf und wünschten sich einen schönen Abend.

Nur Yaman blieb noch bei Susan sitzen, während Tante Melek in der offenen Küche verschwand, um aufzuräumen.

Die beiden unterhielten sich noch eine Weile.

Als Susan aufgegessen hatte, begleitete Yaman sie zu ihrem kleinen Häuschen.

Vor der Tür blieben beide einen Moment unschlüssig stehen.

Yaman zeigte mit der Hand auf das Häuschen.

„Hast du dich schon schön eingerichtet?“

Susan nickte lächelnd.

"Ja."

„Und hast du dich schon eingelebt?“

„Ja, habe ich. Es gefällt mir hier sehr gut.“

Yaman lächelte.

Leise murmelte er: „Also … gute Nacht.“ und ging langsam davon.

Susan blieb noch einen Moment draußen stehen und schaute Yaman so lange nach, bis er verschwunden war.

 

Verkauf im nächsten Stadtteil

Daniela und Isabell hatten gemeinsam mit Fatih die restlichen Marmeladengläser auf den Pickup geladen.

Gerade wollten sich Daniela und Isabell ins Auto setzen, als Yaman mit einer riesigen Kühlbox von der Seite kam. Er stellte sie auf die Ladefläche und stieg hinten ein.

Daniela blickte fragend nach hinten.

"Reichtum?"

Yaman antwortete mürrisch:

„Ich muss zum Fischerhafen. Ihr fahrt sowieso in die Richtung.“

Daniela passte das irgendwie überhaupt nicht. Leise murmelte sie zwischen den Zähnen:

„Wie man sieht.“

Schweigend fuhren sie los.

Niemand sprach während der Fahrt.

Heute führte ihr Weg durch die Stadt in den nächsten Stadtteil. Schon nach kurzer Zeit fiel ihnen auf, dass überall Schilder mit der Aufschrift Aksoy standen.

„Was ist das?“, fragte Daniela.

„Das gehört alles Mert“, antwortete Yaman kurz.

In der Nähe des Hafens stieg Yaman aus. Er winkte einem Mann zu, der ihm einen Handwagen brachte.

Daniela und Isabell fuhren noch ein Stück weiter, bis sie einen geeigneten Parkplatz fanden.

Mit einem altmodischen Kinderwagen mit großen Rädern, den Tante Melek ihnen mitgegeben hatte, zogen sie los. Darin standen die Marmeladengläser sorgfältig gestapelt.

Mal verkauften sie mehr, mal weniger. Doch langsam leerte sich der Wagen.

Schließlich kamen sie an einem Restaurant vorbei.

Mert bemerkte die beiden sofort. Neben ihm stand wie immer sein Schatten Kadir.

Mit einem schiefen Lächeln ging Mert auf sie zu.

„Daniela, was machst du denn hier?“

Daniela antwortete frech:

„Ich verkaufe Marmelade. Siehst du doch.“

Mert hob das Kinn.

„Und hast du noch viele Gläser?“

Isabell überschlug kurz.

„Bestimmt noch über hundert Stück.“

Mert grinste.

„Die nehme ich alle.“

Im ersten Moment freute sich Daniela. Doch sofort stieg ein mulmiges Gefühl in ihr auf.

„Mach ich nicht!“

Mert hob überrascht die Augenbrauen.

„Was? Warum denn nicht?“

„Ganz einfach. Du willst bestimmt wieder etwas dafür von mir. Essen gehen, einen Strandspaziergang oder so etwas ähnliches.

Mert grinste.

„Warum nicht? Gute Idee.“

Daniela wollte gerade mit ihrer Handtasche auf ihn losgehen.

Doch plötzlich stand Yaman vor ihr. Er hatte die Szene schon von Weitem beobachtet.

Kadir zog Mert sofort ein Stück zurück.

Mert schaute verblüfft.

Isabell blickte verwundert zwischen den beiden hin und her.

Daniela trat dicht an Yaman heran, legte ihren Kopf an seine Schulter und flüsterte:

„Nicht bewegen … bitte beschütze mich.“

Yaman war zwar etwas irritiert, blieb aber ruhig und ging langsam mit ihr weiter.

Mert blickte ihnen wütend hinterher.

Kadir schob ihn zurück in sein Restaurant.

Drinnen ließ Mert seinen Frust an seinem Personal aus.

Schließlich schob Kadir ihn in sein Büro.

Wütend ließ sich Mert in seinen breiten Lederstuhl fallen und schlug mit der Faust auf die Tischplatte.

„Das gibt Rache!“

Seine Augen funkelten gefährlich.

Er leerte ein Glas Whisky in einem Zug.

Kadir nahm ihm das Glas aus der Hand.

„Mert, du brauchst einen klaren Kopf. Wir brauchen einen neuen Plan.“

 ***

Später, auf der Rückfahrt, fragte Yaman:

„Was war da eigentlich los?“

Daniela seufzte.

„Uff … das ist schon lange her. Damals, während des Studiums, waren Mert und ich verliebt . Aber er war viel zu besitzergreifend. Deshalb habe ich Schluss gemacht. Mert hat das bis heute nicht begriffen.“

Yaman nickte.

„Ja, das sieht ihm ähnlich.“

Isabell wechselte das Thema.

„Gut, was machen wir jetzt mit den restlichen Gläsern?“

Daniela dachte kurz nach.

„Ich weiß nicht. Wir haben inzwischen so viele Anfragen bekommen. Wir bräuchten einen …“

Beide sahen sich an, zeigten mit den Zeigefingern aufeinander und wippten dabei grinsend hin und her.

„… einen Laden, wo die Kunden ihre Ware abholen können!“

Beide fingen an zu kreischen und lachten.


Der Laden

Kurz vor dem Bauernhof, dort, wo die Landstraße endete und in eine Kiesstraße überging, die bereits von den ersten Baumgruppen gesäumt wurde, klopfte Daniela auf einmal auf das Lenkrad.

„Ich hab's! Genau hier, direkt vor der Einfahrt, machen wir einen Laden. Den können die Kunden sofort erkennen.“

Alle stiegen aus.

Begeistert zeigte Daniela mit den Händen, wie sie sich alles vorstellte.

Yaman zog die Augenbrauen hoch.

„Und woher bekommst du den Holzladen?“

Daniela antwortete entschlossen:

„Yaman, du und Fatih könnt den doch bauen.“

Yaman lächelte müde. Die harte Arbeit der letzten Tage steckte ihm noch in den Knochen.

„Sicher, sicher, Daniela. Darum musst du dich diesmal aber selbst kümmern. Ich muss jetzt zu den Olivenfeldern und nachsehen, wie weit die Arbeiter sind.“

Er hob seine große Kühlbox aus dem Pickup, stellte sie auf seinen Traktor und fuhr davon.

Daniela zog sofort ihr Handy hervor.

„Papa, wie geht es dir?“

Isabell sah sie neugierig an.

„Und?“

Daniela strahlte.

„Alles klar!“

Zwei Stunden später stand der kleine Holzladen. In den Regalen standen Marmeladengläser, Tomaten, Auberginen, Pflaumen, Orangen und weitere Produkte vom Bauernhof.

„So, los geht's!“

Kurz darauf ertönte ihr Handy.

Die Adressdaten des Hofladens waren bereits verschickt.

Schon wenig später trafen die ersten begeisterten Kunden ein.

Bis zum Abend waren alle Waren ausverkauft.

Beim gemeinsamen Abendessen lehnte sich Daniela stolz zurück.

„Ich habe gewonnen. Na, Yaman? Jetzt sagst du nichts mehr.“

Tante Melek schüttelte nur den Kopf.

Yaman sprang wütend auf. Seine Augen funkelten.

„Na klar! Wenn man nur Papa anrufen braucht! Du bist verwöhnt und verzogen. Was weißt du schon davon, sich alles selbst aufzubauen?“

Tante Leyla blickte schweigend auf die Tischplatte.

Yaman drehte sich um und ging.

Auch Onkel Hasan und Debra verließen schweigend den Tisch. Isabell folgte ihnen und ging hinüber zum Wohnwagen.

Yaman stapfte zu seinem Auto und fuhr aufgebracht davon.

Tante Melek warf Daniela einen traurigen Blick zu.

„Yaman ist seit dem Unfall seines Vaters nicht mehr derselbe. Er hat so hart gearbeitet, um den Bauernhof aufzubauen.“

Daniela senkte den Blick.

„Entschuldigung …“

Tante Melek sah sie ruhig an.

„Bei mir brauchst du dich nicht zu entschuldigen, sondern bei Yaman.“

Langsam stand Daniela auf.

Sie ging hinüber zu den Ställen.

Alle Tiere schliefen bereits. Nur das Pferd streckte neugierig den Kopf aus der Box.

Daniela trat näher, streichelte ihm über den Kopf und sagte leise:

„Na, meine Süße. War das alles wirklich so falsch von mir?“

Das Pferd wieherte leise.

Erschrocken zuckte Daniela zusammen.

Plötzlich stand Yaman neben ihr. Mit einem Heuballen in der Hand verteilte er das Heu im Futtertrog.

Ohne sie anzusehen, sagte er:

„Du weißt es nicht besser.“

Daniela blickte ihm tief in die Augen.

„Entschuldigung, Yaman. Habe ich dir irgendwas getan?“

Yaman schwieg einen langen Moment.

Dann wich er ihrem Blick aus.

„Es ist schon spät.“

Daniela streichelte noch einmal über den Kopf des Pferdes.

„Wie heißt sie?“

„Lena“, antwortete Yaman.

„Lena? Ist das nicht ein deutscher Name?“

Yaman nickte.

„Lena war der Name von Tolgas Mutter. Als sie starb, kaufte sein Vater ihm dieses Pferd, damit er etwas Trost fand. Lena gehört meinem besten Freund Tolga. Eigentlich ist er mehr als ein Freund – er ist wie ein Bruder. Wir sind zusammen aufgewachsen und haben gemeinsam Agrarwirtschaft studiert. Seit Jahren habe ich nichts mehr von ihm gehört. Er ist nach Amerika gegangen und wollte sich dort etwas Eigenes aufbauen.“

Daniela war verblüfft, dass Yaman ihr das alles erzählt hatte.

Nachdenklich nickte sie.

Dann verabschiedete sie sich gähnend und ging schlafen.


Einladung zum Anwesen

Im Außenbereich wurden Tische und Stühle zusammengestellt. Ali war mit seinem Chauffeur Haluk gekommen. Alle saßen zufrieden beisammen und plauderten.

„Morgen lade ich euch auf mein Anwesen ein. Eine kleine Feier auf euren Erfolg.“

Dabei lächelte er Daniela und Isabell entgegen und nickte Yaman anerkennend zu.

„Gut, gut“, stimmte Melek zu, und die anderen nickten lächelnd.

Nach und nach löste sich die Runde auf.

Spät am Abend gingen Ali und Melek gemeinsam den langen Holzweg hinunter zum Meer. Am Anfang des Holzsteges setzten sie sich. Ihre Füße hingen frei über dem Meer.

Ali sprach leise:

„Ich hatte ein wenig Angst vor dieser Begegnung.“

Melek drehte ihr Gesicht leicht zur Seite.

„Doch, doch. Vor der früheren Melek vielleicht.“

Ali schwieg und blickte hinaus aufs Meer.

Enttäuscht fragte Melek ruhig:

„Warum? Warum hast du das gemacht? Ich habe so lange auf dich gewartet. Du bist nie zurückgekommen. Anscheinend hast du mich vergessen … und dann hast du auch noch geheiratet.“

Ali stand langsam auf, trat vor Melek und kniete sich vor sie.

Mit einem ehrlichen, verzweifelten Blick sagte er:

„Weil Menschen Fehler machen. Ich habe einen Fehler gemacht. Weil ich mich falsch entschieden habe.“

Melek sah ihm lange in die Augen.

Schließlich nickte sie.

„Gut. Lassen wir die Vergangenheit ruhen.“

Sie stand auf, und beide gingen langsam nebeneinander zurück.

Unterwegs blieb Ali stehen und ließ seinen Blick über die vielen Melonenlampen schweifen.

„Das habt ihr schön gemacht mit der Beleuchtung.“

Melek lächelte leicht.

„Das war alles Yamans Werk.“

Anerkennend nickte Ali, und gemeinsam gingen sie den Weg weiter zurück.

Beim Anwesen

Rund um das Anwesen standen viele Defneağacı. (Lorbeerbäume)

Vor der Villa, die Ali einst gemeinsam mit seinem Vater restauriert hatte, trafen sich alle. Vor dem Pool stand ein langer, weiß gedeckter Tisch. Dort warteten bereits Ali, seine Tochter Daniela, Isabell und Leyla, die seit dem Vortag ebenfalls da war.

Ali breitete die Arme aus.

„Es freut mich, dass ihr gekommen seid.“

Debra machte große Augen.

„Wirklich wunderschön haben Sie es hier, Herr Ali Bey. Und draußen die vielen  Defneağacı – die mögen Sie wohl besonders.“

Onkel Hasan platzte unüberlegt heraus:

„Ja, Melek liebt  Defneağacı auch.“

Melek zuckte leicht zusammen und drehte sich mit einem verlegenen Lächeln zur Seite.

Schnell setzte sie sich neben Yaman. Haluk saß bereits am Tisch.

Alle nahmen Platz und genossen auf ihre Weise die besondere Atmosphäre.

Beim Nachtisch konnte Debra sich nicht mehr zurückhalten.

„Wirklich wunderschön ist es hier. Wie in einem Traum. Was für ein besonderer Ort.“

Ali lächelte traurig.

„Ja … das hat mein Vater auch immer gesagt.“

 ***

Unterdessen wollte Mert seinen Plan, Yaman und seinem Bauernhof zu schaden, in die Tat umsetzen.

„Kadir, du weißt Bescheid.“

Kadir grinste schief.

„Strom abschalten. Ohne Strom bekommen sie Probleme.“

Beide lachten hämisch.

„Du weißt, wo der letzte Strommast hinter den Olivenfeldern steht. Er steht auf seinem Grundstück. Dort kommt niemand vorbei“, sagte Mert hinterhältig grinsend.

„Mach die Sicherung kaputt.“

Kadir nickte gierig.

Vor Ort kletterte er auf den Strommast. Es war stockdunkel. Seine Taschenlampe flackerte ständig, und außerdem hatte er keine Ahnung. Brummelnd tastete und klopfte er am Schaltkasten herum.

„Wo ist denn diese verdammte Sicherung?“

Plötzlich entdeckte er einen Hebel.

„Ah! Ein Hebel. Super!“

Er legte ihn um.

Ein lautes Klacken war zu hören.

Zufrieden grinste Kadir.

„Geschafft!“

Wenig später traf er wieder bei Mert ein.

„Mert, erledigt!“

Mert rieb sich zufrieden die Hände.

***

Auf dem Anwesen war es inzwischen still geworden.

Daniela blieb noch zwei Wochen auf dem Bauernhof. So hatten sie es gemeinsam beschlossen. In dieser Zeit sollte sie im Küchenbereich oder im Hofladen mitarbeiten.

Damit waren alle einverstanden.


Am frühen Morgen

Melek und Yaman suchten nach der Ursache, warum es keinen Strom gab. Auch die Gäste standen unruhig vor dem Küchenhaus und fragten nach.

Onkel Hasan kam angelaufen.

„Ich habe schon bei der Stromversorgung angerufen. Von deren Seite ist alles in Ordnung. Das Problem liegt anscheinend bei uns.“

Debra, die gerade im Küchenbereich das Frühstück vorbereitete, schüttelte den Kopf.

„Gut, dass wir hier einen Gasherd haben.“

Yaman und Melek sahen sich fragend an.

Susan kam dazu, sah die fragenden Gesichter und bemerkte sofort, dass alle nervös waren.

„Was ist los?“

Yaman antwortete knapp:

„Wir haben keinen Strom. Die Versorgungsstelle sagt, von ihrer Seite gäbe es keine Probleme.“

Susan nahm zwei Frühstücksteller und setzte sich.

„Komm, Yaman. Mit leerem Magen lässt es sich schlecht denken.“

Yaman trank nachdenklich seinen Tee.

Susan fragte:

„Habt ihr keinen Strommast in der Nähe?“

Da fiel es Yaman plötzlich ein.

„Doch! Der Strommast hinter den Olivenfeldern. Es gibt zwar einen Weg dorthin, aber der gehört zu unserem Grundstück. Da kommt normalerweise niemand hin.“

Susan sprang auf, stellte die Teller an die Außentheke und drehte sich zu Yaman um.

„Okay, komm. Ich begleite dich.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, lief sie voraus in Richtung Traktor. Yaman folgte ihr.

Schweigend fuhren sie zu den Olivenfeldern. Vor dem Feld hielt Yaman an.

„Wir müssen zu Fuß weiter. Der Weg kommt erst weiter vorne und ist kaum noch zu erkennen.“

Gemeinsam gingen sie durch das Feld.

Eine ganze Weile liefen sie schweigend, bis Susan leise sagte:

„Diese Olivenbäume erinnern mich an meine Oma und ihren Bauernhof. Sie hat mich großgezogen.“

Yaman sah sie lange an.

„Tante Melek hat sich um mich gekümmert. Mein Vater ist mit seinem besten Freund bei einem Autounfall gestorben. Sein Sohn Tolga war wie ein Bruder für mich. Wir sind hier zusammen aufgewachsen. Das ist alles schon lange her.“

Er schwieg kurz.

„Tolga ist nach Amerika gegangen. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.“

Eine Weile sagten beide nichts.

Dann nahm Susan Yamans Hand und drückte sie tröstend. Yaman ließ ihre Hand nicht mehr los.

So gingen sie wie selbstverständlich Hand in Hand weiter.

Endlich erreichten sie den Strommast.

Susan löste ihre Hand aus seiner, kletterte hinauf und überprüfte den Kasten. Sie erkannte sofort die Ursache und legte den Hebel wieder um.

Im Inneren entdeckte sie an der Seite Kratzer und Schrammen.

Als Susan wieder herunterkam, sagte sie:

„Jemand war hier.“

Yaman ballte seine Faust.

„Ich kann mir schon denken, wer das war. Mert!“

Kurz sahen sie sich an.

Dann gingen sie gemeinsam Hand in Hand zurück.

Kurz bevor sie den Traktor erreichten, blieb Susan stehen. Sie blickte auf ihre Hände und sah anschließend Yaman an.

Vorsichtig sagte sie:

„Yaman, du solltest das zwischen dir und Daniela aufklären.“

Yaman fuhr sich mit der Hand über den Nacken.

„Oder es soll einfach so bleiben, wie es ist.“

Schweigend gingen sie weiter.

Am Bauernhof angekommen, hob Yaman Susan vom Traktor herunter. Dabei standen sie so dicht beieinander, dass sich ihre kleinen Finger berührten.

Melek kam ihnen entgegen.

„Und? Was war los? Ist alles wieder in Ordnung?“

Yaman nickte.

„Alles ist wieder in Ordnung.“

Susan trat nach vorne.

„Ich kenne jemanden bei der Stromversorgung. Sie ist mir noch etwas schuldig.“

Alle waren erleichtert und gingen wieder ihrer Arbeit nach.

***

Am Abend nach dem Essen suchten sich die beiden immer wieder verstohlene Blicke.

Niemand schien es zu bemerken, denn am Frühstückshaus war dank Daniela viel Betrieb. Viele Besucher waren gekommen und neue Gäste eingetroffen.

Melek, Debra, Leyla und Daniela wechselten sich ab, um die Gäste zu bewirten.

Hasan stellte zusätzlich noch Strohschirme auf und setzte sich später zufrieden hin, um das Geschehen zu beobachten.

Susan stand langsam auf.

Yaman folgte ihr.

„Komm, ich begleite dich.“

Er lächelte ihr entgegen.

Am kleinen Häuschen angekommen, berührten sich ihre kleinen Finger.

Susan flüsterte leise:

"Reichtum..."

Ruhig.

Yaman trat näher, strich ihr sanft über die Haare, blickte ihr in die Augen und flüsterte:

„Susan, ich bin verliebt in dich.“

Susan hauchte:

„Ich auch.“

Ihr Herz fühlte sich an, als würde es ihr bis zur Zunge schlagen. Schnell legte sie ihren Kopf an Yamans Schulter.

Dort standen sie nun. Es schien wie eine Ewigkeit.

***

Am nächsten Morgen kam Susan mit winkendem Handy schnellen Schrittes auf sie zu.

„Alles erledigt! Morgen kommt ein Mitarbeiter und nimmt den Strommast offiziell auf. Er bekommt eine Nummer und wird eingetragen.“

Sie hob einen Finger.

„Das Einzige ist: Der Weg dorthin muss freigemacht werden.“

Yaman strahlte Susan an und blickte dann in die Runde.

„Kein Problem. Das wird erledigt.“

„Komm her und frühstücke mit uns“, winkte Yaman Susan zu.

Susan überlegte kurz.

„Okay, aber nur kurz. Ich muss danach noch zur Arbeit.“

Sie setzte sich zu den anderen.

Alle waren da: Tante Melek, Fatih, Onkel Hasan, Tante Debra, Daniela, Isabell, Leyla, Ali und Haluk saßen gemütlich zusammen und genossen das Frühstück.

Bevor das Frühstück beendet war, nahm Yaman Susans Hand und sah sie sanft an.

Jeder bemerkte es.

Fatih nickte Yaman mild lächelnd zu.

Niemand sagte etwas. Alle lächelten nur und gingen ohne Worte.

Auch Yaman und Susan verließen schweigend den Tisch.


Bei Mert's

In seinem Büro in der Stadt kochte Mert vor Wut.

Sein Gesicht war hochrot. Wütend warf er Dartpfeile auf die Dartscheibe. Auch andere Gegenstände waren vor seinem Zorn nicht sicher.

Kadir stand hinter ihm und sagte:

„Vielleicht sollten wir erst einmal etwas Zeit verstreichen lassen.“

Mert drehte einen Dartpfeil gefährlich zwischen seinen Fingern und fauchte bedrohlich:

„Das weiß ich auch! Das weiß ich auch!“

Ein weiterer Pfeil flog durch den Raum.

„Der nächste Plan muss sitzen.“

Beide blickten sich verschwörerisch an und lächelten überlegen.


Neuanfänge

Daniela und Isabell saßen vor dem Wohnwagen.

Isabell bemerkte:

„Hast du gesehen? Yaman und Susan.“

Daniela zuckte nur mit den Schultern.

 

Eine Überraschung bahnte sich an.

Yamans Handy klingelte.

„Yaman, Bauernhof am Horizont. Guten Tag.“

Aus dem Hörer erklang eine freundliche Stimme.

„Hallo. Ich habe aus den Medien erfahren, dass es einen Paradies-Bauernhof gibt. Genau das Richtige, um mich von meinem Auslandsaufenthalt zu erholen.“

Yaman schmunzelte.

Daniela hatte wohl ganz schön Werbung gemacht.

„Mmh. Mmh. Im Moment sind wir leider ausgebucht. Ich könnte Ihnen nur noch einen Wohnwagen anbieten. Auf welchen Namen?“

Aus dem Hörer ertönte ein Lachen.

„Na, für Bruder Tolga.“

Yaman hielt überrascht inne.

„Was? Tolga? Du?“

„Genau. Ich komme heute vorbei.“

Ungläubig legte Yaman auf und lief sofort zu Tante Melek.

Schon von Weitem rief er:

„Tante Melek! Weißt du, wer nach all den Jahren kommt?“

Melek drehte sich um.

"Tolga!"

Überrascht lächelte sie.

„Es wird höchste Zeit. Er soll kommen.“

Vor Freude umarmten sich Yaman und Tante Melek.

Spät am Abend war das Abendessen längst beendet.

Gemütlich saßen alle beisammen.

Daniela und Isabell blätterten auf ihren Handys durch die neuesten Modetrends.

Yaman und Susan ließen ihre Blicke füreinander sprechen.

Hasan und Debra genossen die bequemen Stühle, während Melek und Leyla sich über neue Kochrezepte unterhielten.

Plötzlich waren dumpfe Schritte zu hören.

„Hallo!“

Yaman drehte sofort den Kopf, drückte Susan kurz die Hand, sprang auf und schloss Tolga fest in die Arme.

Kurz darauf kamen auch Melek, Fatih, Hasan und Debra dazu und begrüßten Tolga herzlich.

Gerührt wischte sich Tolga eine Träne aus dem Gesicht.

„Gut, gut … lasst mir erst einmal etwas Luft.“

Langsam ließen ihn alle wieder los.

Auch Yaman wischte sich die Tränen aus den Augen.

Dann stellte er Tolga den anderen vor.

Als Tolga Daniela sah, lächelte er.

„Oh, sehr erfreut, meine Süße.“

Daniela warf Isabell einen kurzen Blick zu, schüttelte leicht den Kopf und verabschiedete sich wenig später.

„Gute Nacht“, nickten sie allen zu.

Yaman räusperte sich.

„Es ist schon spät. Ich zeige dir deinen Wohnwagen.“

Nachdem Yaman Tolga alles gezeigt und erklärt hatte, ging er kurze Zeit später zu Susans kleinem Häuschen

Draußen saßen sie gemeinsam auf der alten, geborstenen Holzbank, lehnten sich aneinander und genossen schweigend ihre gemeinsame Zeit.


Tolga-Typ

Tolga lehnte lässig an seinem Wohnwagen. Er trug ein Achselshirt und eine typisch amerikanische, bunt gemusterte Sommerhose. Seine dunkelblonden, kurzen Wuschelhaare standen leicht zerzaust ab. Groß und schlank summte er mit amerikanischem Akzent ein türkisches Liebeslied vor sich hin.

Ein leises Klopfen war zu hören.

Tante Melek brachte ihm das Frühstück.

„Danke, Tante Melek.“

Tolga nahm das Tablett entgegen und stellte es auf den kleinen Klapptisch.

Melek umarmte ihn herzlich.

„Ich freue mich so, dass du da bist. Bleibst du länger?“

Tolga lächelte verschmitzt.

„Es wird wohl ein längerer Aufenthalt werden.“

„Na, dann komm erst einmal richtig an. Ich freue mich, dass du da bist.“

Strahlend sah sie ihn an und ging wieder.

Am späten Nachmittag ging Tolga den Holzweg hinunter in Richtung Steg.

Als er an Danielas Wohnwagen vorbeikam, entdeckte er sie.

Unter einem Sonnenschirm lag sie auf einem Klappliegestuhl. Eine Sonnenbrille verdeckte ihre Augen. Ihre langen dunkelbraunen Haare fielen offen über ihre Schultern. Sie trug ein kurzes orangefarbenes Oberteil und eine kurze Hose.

Tolga blieb direkt vor ihr stehen.

„Oh, meine Süße … Daniela.“

Daniela schob die Sonnenbrille hoch.

„Gehst du nicht ins Meer? Herrliches Wetter heute.“

Sie blinzelte gegen die Sonne.

„Mir ist das Wasser zu nass.“

Tolga lachte.

„Ach so. Prinzessin will ihre Haare nicht nass machen.“

Mit einem breiten Grinsen fragte er:

„Wo ist eigentlich deine hübsche Begleitung?“

Daniela zog die Sonnenbrille wieder auf die Nase.

„Isabell? Die ist shoppen.“

Tolga ging weiter zum Steg.

Er zog seine Sommerhose aus. Darunter trug er bereits eine Badeshorts. Das Achselshirt ließ er an.

Er suchte sich eine geeignete Stelle und sprang mit einem Satz ins Meer.

Insgeheim wusste er, dass Daniela ihn beobachtete.

Mit kräftigen, eleganten Zügen schwamm er zum Anfang des Steges zurück.

„Das ist gar keine schlechte Idee mit dem Shoppen. Daniela, dann kannst du dir gleich einen Bikini kaufen und mit mir schwimmen gehen.“

Daniela sprang von der Liege auf.

Neben dem Steg stand ein Eimer.

Kurzerhand füllte sie ihn mit Wasser und schüttete den Inhalt über Tolgas Kopf.

Zuerst prustete er.

Dann fing er laut an zu lachen.

Mit einer schnellen Bewegung strich er sich das Wasser aus dem Gesicht, sprang auf den Holzsteg und blieb direkt vor Daniela stehen.

Sein nasses Achselshirt klebte an seinem muskulösen Oberkörper.

Nur wenige Zentimeter trennten die beiden.

Erschrocken machte Daniela einen Schritt zurück, um nicht noch nasser zu werden.

Für einen kurzen Moment stockte ihr der Atem.

Tolgas sportliche Erscheinung ließ sie sprachlos werden.

Tolga genoss den Augenblick, ließ sich jedoch nichts anmerken.

Mit einem verschmitzten Grinsen hob er seine Sommerhose auf.

„Wir sehen uns bestimmt noch.“

Dann ging er langsam zurück zu seinem Wohnwagen.

Der besondere Abend

Yaman stellte sich das Abendessen auf einem Tablett zusammen und eilte damit zu Susan.

Als Susan Yaman mit dem Tablett kommen sah, rückte sie den kleinen Klapptisch zurecht.

Sie setzten sich.

Wie von selbst berührten sich ihre kleinen Finger.

Sie sprachen nicht viel.

Nach dem Essen bat Yaman Susan, ihn zum Stall zu begleiten. Er winkelte seinen Ellbogen an, und Susan hakte sich lächelnd bei ihm unter. Zärtlich legte sie ihren Kopf an seine breite Schulter.

Am Stall angekommen, führte Yaman die Stute Lena vorsichtig aus der Box. Er legte ihr eine Pferdedecke auf, holte einen Hocker und stieg hinauf.

Susan machte es ihm nach.

Yaman reichte ihr die Hand und zog sie behutsam zu sich nach oben.

Langsam führte Yaman die Stute über einen langen, schmalen Weg. Nach einiger Zeit erreichten sie einen uralten Lindenbaum. Ringsherum war nichts als eine weite Wiese.

Yaman stieg ab und half Susan vom Pferd.

Gemeinsam gingen sie auf den alten Lindenbaum zu.

Jetzt erst bemerkte Susan die vielen kleinen Metallherzen, die an den Ästen hingen.

Ihr Blick traf sofort Yaman.

In seiner Hand hielt er ein kleines Herz.

Fast flüsternd sagte er:

„Das ist ein Liebesbaum.“

Behutsam zog er Susan an sich.

Einen langen Augenblick sahen sie sich tief in die Augen.

Dann küsste Yaman sie – lange und zärtlich.

Überglücklich lächelte Susan ihn an.

Yaman legte ihr das kleine Metallherz in die Hand.

Darauf standen ihre beiden Namen.

Vor Rührung lief Susan eine Träne über die Wange.

Yaman gab ihr einen sanften Kuss auf die Augen und sagte leise:

„Du hängst das Herz auf. Such dir einen schönen Platz aus.“

Nach einer Weile befestigte Susan das Herz an einem Ast.

Beide legten ihre Hände darauf.

Susan küsste das Herz.

Yaman machte es ihr lächelnd nach.

Dann gab Susan Yaman ein Küsschen auf die Wange.

Yaman erwiderte es auf traditionelle Weise mit einem Kuss auf ihre Stirn.

Hand in Hand gingen sie zur Stute.

Yaman half Susan hinauf und stieg anschließend hinter ihr auf den Rücken des Pferdes.

So ruhig und behutsam, wie sie gekommen waren, ritten sie gemeinsam wieder zurück.


Entscheidungen

Mert stand in seinem Büro und strahlte siegessicher.

Kadir kam zur Tür herein und bemerkte sofort sein Grinsen.

„Mert, du hast einen Plan!“

Mert zog die Schultern selbstsicher hoch.

„Ich werde Yamans Fischerkutter in die Luft jagen.“

Dabei hielt er eine geschützte Box in den Händen. Vorsichtig öffnete er sie. Darin befand sich ein spezieller Sprengstab.

Kadir wurde kreidebleich.

„Bist du verrückt geworden? Damit kannst du dich selbst in die Luft jagen! Das ist lebensgefährlich.“

„Mert! Lass die Finger davon!“, schrie Kadir.

Mert schloss die Box wieder sorgfältig und sperrte sie in den Tresor.

An Kadir vorbeigehend drängte er ihn leicht zur Seite.

„Dann eben nicht.“

Doch als er das Büro verließ, huschte ein hämisches Grinsen über sein Gesicht.

Entscheidungen treffen

Susan war gerade vom Krankenhaus auf dem Bauernhof angekommen. Sie hatte einen Entschluss gefasst und ging zielstrebig zu Danielas Wohnwagen.

Daniela und Isabell saßen auf ihren Liegestühlen unter dem großen weißen Sonnenschirm.

Als Susan bei ihnen ankam, begrüßte sie beide.

„Daniela, ich möchte etwas Wichtiges mit dir klären.“

Daniela nahm Isabell an.

Isabell stand auf.

„Dann gehe ich solange ...“

Susan räusperte sich.

„Das betrifft dich auch.“

Jetzt war das Interesse der beiden geweckt.

Fragend sahen sie Susan an.

Susan erzählte ihnen kurz und ohne Umschweife von damals und weshalb Yaman bis heute so verletzt war.

Betreten blickten Daniela und Isabell zu Boden.

Isabell sagte leise:

„Warum nur Daniela? Ich bin genauso schuld.“

Susan schüttelte den Kopf.

„Weil Daniela seine Akte vernichtet hat.“

Daniela hob erschrocken die Hand.

„Abgelehnte Akten wurden bei uns doch immer in der Personalmappe abgelegt.“

Sie wurde ganz blass.

„Verdammt!“

Susan nickte.

„Ihr beide solltet euch bei Yaman entschuldigen.“

Dann ging sie weiter.

Daniela blieb nachdenklich zurück.

„Wie mache ich das nur? Wie entschuldige ich mich?“, fragte sie leise.

Nach einer ganzen Weile des Grübelns stand Isabell langsam auf und packte ihre Strandtasche.

„Kommst du mit? Ich gehe zum Strand hinunter. Den Kopf frei bekommen.“

Daniela schüttelte den Kopf.

„Nö. Ich gehe noch etwas spazieren.“

Dabei kam sie an Tolgas Wohnwagen vorbei.

Wie immer lümmelte Tolga ganz entspannt in seinem Klappstuhl. Die Beine hatte er auf eine kleine Obstkiste gelegt.

Daniela blieb stehen.

„So sorglos wie du würde ich auch gern dasitzen.“

Tolga sah sie einen Moment aufmerksam an.

„Dann komm. Setz dich.“

Er rückte einen zweiten Klappstuhl zurecht.

Daniela wusste selbst nicht, warum, doch sie setzte sich.

Tolga ging in den Wohnwagen und kam kurz darauf mit einer kalten Limonade zurück.

Er drückte ihr ein Glas in die Hand.

„Hausgemacht.“

Grinsend setzte er sich wieder.

„Was ist los?“, fragte er sanft.

Daniela schwieg lange.

Nachdenklich nippte sie an der kühlen Limonade.

Tolga nickte ihr aufmunternd zu.

Schließlich holte Daniela tief Luft.

Dann sprudelte alles aus ihr heraus.

Sie blickte auf den Boden.

Tolga hob ihr sanft das Kinn an.

„Du bist nicht mehr die Daniela von damals. Du hast gesehen und gespürt, wie hart die Arbeit hier ist. Mit deinen eigenen Händen hast du mit angepackt.“

Er lächelte.

„Das gehört bereinigt. Entschuldige dich bei Yaman.“

Daniela blickte entschlossen auf.

„Ja. Das werde ich heute noch machen.“

„Ich komme mit.“

Gemeinsam gingen sie schweigend den Holzweg Richtung Steg entlang.

Yaman bereitete dort gerade seine Angelsachen vor.

„Yaman!“, rief Daniela und winkte dabei.

Yaman blickte auf.

Dann erkannte er Tolga.

Dieser nickte ihm nur ruhig zu.

Tolga blieb bewusst im Hintergrund stehen.

Daniela ging allein weiter.

Yaman saß inzwischen am Rand des Stegs. Seine Füße hingen über dem Wasser.

Daniela setzte sich im Schneidersitz neben Yaman auf den Steg.

Eine Weile schwiegen beide.

Dann begann sie leise:

„Yaman ... ich muss etwas mit dir bereinigen.“

Ihre Blicke trafen sich.

„Wegen damals ... im Unternehmen. Ich kann mich wieder daran erinnern.“

Yamans Augen wurden groß. Aber er schwieg.

„Deine Akte wurde nie geschreddert. Das war die alte Daniela.“

Sie legte eine Hand auf ihr Herz und streckte ihm die andere entgegen.

„Entschuldige, Yaman. Es tut mir von Herzen leid. Kannst du mir verzeihen?“

Ihre Stimme zitterte.

Yaman stand langsam auf.

Sein Blick wanderte hinüber zu Tolga.

Tolga nickte ihm nur still zu.

Dann machte Yaman einen Schritt auf Daniela zu.

Auch sie stand auf.

Schweigend nahmen sie sich in die Arme.

Als sie sich wieder voneinander lösten, wischten sich beide verstohlen die Tränen aus dem Gesicht.

Isabell, die alles vom Strand aus beobachtet hatte, kam zu ihnen gelaufen.

Vor Yaman blieb sie stehen und streckte ihm ernst die Hand entgegen.

„Yaman ... entschuldige bitte auch mich.“

Yaman nahm ihre Entschuldigung an.

Verlegen griff er sich in den Nacken und blickte zu Tolga hinüber.

„Gut ... dann sind wir Freunde.“

Daniela und Isabell sahen sich kurz an und sprangen gleichzeitig leicht in die Höhe.

„Freunde!“

Jetzt stand auch Tolga bei ihnen.

Lächelnd griffen sich Yaman und Tolga gegenseitig freundschaftlich in den Nacken.

Überraschung für Melek

Ali hatte eine Überraschung für Melek vorbereitet.

Schick angezogen lud er sie zu einem Treffen ein.

Sein Chauffeur Haluk holte Melek ab und brachte sie zu ihrem Lieblingsplatz – einer abgelegenen Wiese.

Unter dem Schatten einiger Bäume wartete Ali bereits mit einem überdimensionalen Blumenstrauß.

Haluk hielt an, stieg aus und öffnete Melek die hintere Wagentür.

Sie stieg aus und schüttelte leicht den Kopf.

Ali gab Haluk ein Zeichen.

Dieser verschwand hinter der Biegung der Kiesstraße.

Ali lächelte.

„Vielleicht können wir Freunde sein.“

Melek blickte mit großen Augen auf den riesigen Blumenstrauß.

„Ali … du weißt, dass wir einmal mehr als Freunde waren.“

Ali hatte den Blumenstrauß inzwischen auf die Motorhaube gelegt.

Dann holte er hinter seinem Rücken einen kleinen Blumenstock mit Meleks Lieblingsblumen hervor und sah sie liebevoll an.

Melek lächelte verlegen.

„Gut. Dann versuchen wir es noch einmal von vorne.“

Ali atmete erleichtert auf und überreichte ihr den Blumenstock.

Ein schöner Abend

Heute war ein besonders heißer Tag gewesen.

Gemeinsam saßen Tante Melek, Fatih, Tante Debra, Onkel Hasan, Daniela, Isabell, Yaman und Susan nach dem Abendessen müde, aber entspannt am Esstisch zusammen.

Yaman nahm Susans Hand, blickte in die Runde und sagte mit ruhiger Stimme:

„Susan und ich werden uns verloben.“

Mit klopfendem Herzen sahen sich Yaman und Susan an.

Yaman holte einen schlichten, schönen Ring hervor und steckte ihn Susan an den Ringfinger.

Anschließend gab er ihr einen zärtlichen Kuss auf die Stirn.

Beide umarmten sich innig.

Ringsum lächelten alle schweigend und gerührt.

Später am Abend begleitete Yaman Susan zu ihrem kleinen Häuschen.

Vor der Tür blieben beide stehen.

Yaman lächelte erleichtert.

Susan bemerkte es sofort.

„Yaman, du lächelst heute so befreit.“

Yaman erzählte ihr, dass Daniela sich von Herzen bei ihm entschuldigt hatte.

Susan freute sich für ihn.

„Komm, wir setzen uns noch in unsere gemütliche Ecke.“

Als sie dort saßen, küssten sie sich leidenschaftlich.

Kopf an Kopf aneinandergelehnt schliefen sie schließlich ein.


Tief in der Nacht

Mert war mit seiner Yacht allein unterwegs. Den gefährlichen Sprengkörper hatte er in der geschützten Box mit dabei.

Im Schneckentempo und fast lautlos steuerte er seine Yacht auf die andere Seite des Hafens, dort, wo Yamans Fischkutter lag.

Als er nah genug heran war, holte er die Box hervor.

Vorsichtig nahm er den gefährlichen Spezialsprengstab heraus und murmelte:

„Daran ziehen … und zielen.“

Ungeschickt hantierte Mert damit herum. Hastig zog er daran.

Erst im nächsten Sekundenbruchteil warf er ihn.

Zu spät.

Ein dumpfer Wumms.

Ein greller Lichtblitz.

Dann war alles vorbei.

Von der Yacht war nichts mehr zu sehen.

 

Die Hafenpolizei rückte sofort aus.

Doch in der Dunkelheit konnten die Taucher nichts entdecken.

Außer einigen Trümmerteilen war nichts zu finden.

Der Tag danach

Am nächsten Tag führten Hafenpolizei und Polizei ihre Befragungen durch und suchten auch Yaman auf dem Bauernhof auf.

Es lag der Verdacht nahe, dass Mert Aksoy einen Anschlag auf Yamans Fischkutter geplant hatte.

„Hat Mert Aksoy Ihnen jemals gedroht?“, fragte der Hauptkommissar.

Yaman erzählte den gesamten Vorfall.

„Beweise hatten wir allerdings nie. Er wollte unseren Bauernhof und auch das Anwesen unbedingt kaufen.“

Nachdenklich fragte Yaman:

„Was ist eigentlich mit seinem Helfer Kadir?“

Der Hauptkommissar schüttelte den Kopf.

„Bisher konnte weder Merts Leiche noch die seines Helfers gefunden werden.“

In diesem Moment klingelte das Handy des Hauptkommissars.

Er trat einige Schritte zur Seite und nahm den Anruf entgegen.

Als er zurückkam, sagte er:

„Mert Aksoy ist tot. Sein Handlanger ist geflohen. Der Tresor stand offen, und sämtliche Konten wurden leergeräumt. Um den Rest wird sich Interpol kümmern.“

Susan, die gerade dazugekommen war, fragte besorgt:

„Was passiert jetzt mit dem Krankenhaus?“

Der Hauptkommissar beruhigte sie.

„Darum wird sich die Gemeinde kümmern.“

Er gab seinen Kollegen ein Zeichen zum Aufbruch.

Hafenpolizei und Polizei stiegen wieder in ihre Dienstwagen und fuhren davon.

Yaman blickte ihnen lange nach.

„Dann wird es hier wohl endlich etwas ruhiger werden.“

Die Anwesenden blickten sich an und atmeten erleichtert auf.


 Herzen der Liebe

Yaman und Tolga schlenderten am Strand entlang und ließen sich die Füße vom Wasser umspülen.

Herzlich scherzten sie miteinander.

Nach einer Weile wurde Yaman nachdenklich.

„Bleibst du jetzt hier, Tolga?“

Tolga hob einen Stein vom Strand auf und warf ihn weit hinaus ins Meer.

Dann blickte er Yaman an.

„Ich bin zurückgekommen. Ich bin inzwischen Teilhaber meines eigenen Unternehmens in Amerika.“

Er schaute aufs Meer hinaus.

„Das Leben ist voller Überraschungen. Yaman … mich hat die Liebe voll getroffen. Daniela lässt mein Herz schneller schlagen.“

Yaman lächelte.

Gemeinsam blickten sie aufs Meer hinaus.

„Gegen die wahre Liebe ist man machtlos.“

Mit einem verträumten Lächeln stupsten sie sich gegenseitig leicht mit den Schultern an.

Oben auf dem Weg lief Fatih vorbei.

Yaman rief hinauf:

„Fatih, wohin so eilig?“

„Yaman, du weißt doch – Fischzeit!“

Schon lief Fatih weiter.

Nächsten Tag

„Guten Morgen!“, trällerte Tolga.

Daniela lag gerade entspannt in ihrer Hängeliege.

Sie blinzelte ihn an.

„Was heißt hier guten Morgen? Es ist schon Nachmittag.“

Tolga schmunzelte.

„Wo ist denn deine hübsche Begleitung?“

„Isabell ist im Hofladen. Ich war heute Vormittag schon dort.“

Tolga grinste locker.

„Dann hast du ja Zeit. Komm, ich lade dich zum Shoppen ein.“

Daniela setzte ihre Sonnenbrille auf und nahm ihren Sonnenhut.

Mit einem kleinen Ruck zog Tolga sie aus der Hängeliege.

Plötzlich standen sie ganz nah voreinander.

Sie glaubte sogar, seinen Herzschlag zu spüren.

Ehe Daniela sich versah, waren sie schon unterwegs.

Tolga fuhr mit ihr in die Stadt und steuerte zielstrebig eine exklusive Boutique an.

Drinnen gab es Badebekleidung.

Daniela sah sich erstaunt um.

„Woher kennst du dich hier so gut aus?“

Tolga lächelte verschmitzt.

„Ich hatte viel Zeit.“

Gemütlich rückte er sich einen der bequemen Sessel zurecht.

„So ... das ist die beste Boutique. Hier findest du bestimmt den schönsten Bikini.“

Dabei zwinkerte er ihr zu.

Geduldig wartete Tolga.

Mal trank er einen Tee, mal einen türkischen Kaffee und beobachtete schmunzelnd Daniela.

„Eine Modenschau gibt es aber nicht“, rief sie ihm lachend im Vorbeigehen zu.

Als es fast Abend war, hatte Daniela zwei Bikinis, passende Handtücher, einige Strandkleider und neue Sonnenbrillen für sich und Isabell ausgesucht.

An der Kasse stellte sie überrascht fest, dass bereits alles bezahlt war.

Sie fuhr erschrocken herum.

Tolga stand dicht hinter ihr.

Für einen kurzen Moment waren ihre Gesichter ganz nah beieinander.

Daniela brachte kein Wort heraus.

Schweigend fuhren sie zurück.

Vor dem Wohnwagen wartete Isabell bereits.

Tolga verabschiedete sich.

„Bis heute Abend“, raunte er Daniela zu.

„Bis später“, antwortete sie lächelnd.

Tolga winkte noch einmal und schlenderte davon.

Daniela machte einen kleinen Hüpfer auf Isabell zu.

Beide fassten sich an den Schultern.

Dann begannen sie gemeinsam vor Freude zu hüpfen.

„Isabell! Ich bin schwer verliebt!“

Aufgeregt kreischten beide los.

Isabell nahm Daniela in den Arm.

„Ich freue mich so für dich!“

Beim Abendessen saßen sich Tolga und Daniela gegenüber.

Bei jeder Gelegenheit flirtete Tolga mit ihr.

Daneben saßen Yaman und Susan, die sich verliebte Blicke schenkten.

Auch Ali, Leyla und Haluk waren an diesem Abend dabei.

Nach und nach verabschiedeten sich Hasan, Debra, Susan und Yaman.

Unbemerkt verschwand Daniela.

Tolga sah Isabell fragend an.

„Wo ist Daniela?“

Isabell lächelte.

„Sie wollte noch zum Pferd.“

Tolga nickte und machte sich auf den Weg zu den Stallungen.

Zum Schluss blieb nur noch Ali am Tisch zurück.

Melek war inzwischen in der Küche.

Leyla trat zu ihr und entdeckte auf der Außentheke den Blumenstock.

Sie lächelte.

„Schöne Blumen.“

Zufrieden nickte sie Melek zu.

Melek blickte auf und flüsterte:

„Ja ... meine Lieblingsblumen.“

Dabei schweifte ihr Blick zu Ali.

Leyla ging an Haluk vorbei und gab ihm unauffällig ein Handzeichen.

Als schließlich alles ruhig geworden war, schlenderten Ali und Melek gemeinsam hinunter zum Meeresstrand.

Inzwischen standen Tolga und Daniela vor der Box der Stute Lena.

Daniela streichelte ihr liebevoll über den Hals.

Tolga führte die Stute heraus.

Gemeinsam ritten sie langsam der Dämmerung entgegen.

Am alten Lindenbaum angekommen, blieb Daniela begeistert stehen.

Tolga holte ein kleines, feines Metallherz hervor.

Darauf standen ihre beiden Namen.

Liebevoll sagte er:

„Das ist ein Liebesbaum.“

Daniela betrachtete das Herz.

Dann bemerkte sie die vielen kleinen Herzen, die bereits am Baum hingen.

Als sie wieder zu Tolga aufsah, küsste er sie ohne ein Wort.

Liebevoll erwiderte sie seinen Kuss.

Überwältigt hauchte Daniela:

„Dann werde ich unser Herz gleich aufhängen.“

Als sie es befestigte, entdeckte sie ganz in der Nähe ein weiteres Herz.

Darauf stand: Ali & Angel

Nachdenklich lächelte sie.

Vor dem Lindenbaum nahm Tolga ihre Hand.

Er blickte ihr tief in die Augen, ging auf die Knie und holte einen wunderschönen Ring hervor.

Behutsam schob er ihn ihr an den Ringfinger.

„Willst du mich heiraten?“

Daniela brachte kein Wort heraus.

Sprachlos blickte sie erst auf den Ring, dann in Tolgas Augen.

Schließlich lächelte sie.

„Du verlierst wirklich keine Zeit.“

Tolga lächelte sanft.

„Mein Vater hat immer gesagt: Bei der wahren Liebe gibt es keine Zeit zu verlieren.“

Daniela spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen.

Langsam nickte sie.

„Ja ... ich liebe dich. Und ja – ich will dich heiraten.“

Mit glänzenden, verträumten Augen sahen sie sich an.

Dann verloren sie sich in einer innigen Umarmung und einem langen Kuss.


Alles geht seinen Weg

Unten am Strand saß Isabell in einem Klappstuhl. Sie trug eines der neuen Strandkleider und ließ ihre Füße ins Wasser hängen.

Im Meer alberten die beiden Paare fröhlich herum.

Yaman zwinkerte Susan zu und flüsterte ihr lächelnd ins Ohr:

„Tolga hat uns überholt.“

Dabei zog er sie ganz nah an sich und küsste sie innig.

Daniela schaute zu den beiden hinüber, dann zu Tolga.

„Ihr beide seid echt verrückt.“

Lächelnd schmiegte sie sich an Tolga.

Die beiden Männer sahen sich verschmitzt und glücklich an.

Später nahm Tolga Yaman am Strand beiseite.

„Yaman, ich werde zusammen mit Daniela nach München gehen.“

Er lächelte.

„Aber versprochen – ich komme oft zurück, Bruder.“

Beide hielten sich gegenseitig am Unterarm fest und besiegelten ihr Versprechen.

Bei der großen Holzterrasse beim Küchenbereich hatte Yaman einen festlich gedeckten Tisch vorbereitet.

Neugierig und aufgeregt waren alle versammelt: Ali, Leyla, Haluk, Tante Melek, Onkel Hasan, Debra, Fatih, Daniela und Tolga sowie Susan.

Alle Blicke richteten sich auf Yaman.

Ruhig sagte er:

„Ali Bey, Tolga möchte Ihnen etwas Wichtiges mitteilen.“

Tolga stand feierlich auf.

„Ali Bey, wie Daniela Ihnen schon erzählt hat, lieben wir uns.“

Einen Moment hielt er inne.

„Daniela und ich werden heiraten.“

Ali wirkte glücklich überrascht.

Daniela war ebenfalls aufgestanden und hielt Tolgas Hand fest umschlungen.

Lange sah Ali die beiden schweigend an.

Dann sagte er mit rauer Stimme:

„Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr beide glücklich werdet.“

Mit glänzenden Augen setzte er sich wieder.

Dann wandte sich Yaman Susan zu.

Er kniete vor ihr nieder. Seine Augen glänzten vor Aufregung.

Langsam nahm er eine kleine Schatulle aus seiner Jackentasche.

„Susan, die Liebe meines Lebens … willst du mich heiraten?“

Einen Moment war es ganz still.

Allen standen Tränen in den Augen.

Susan nickte unter Freudentränen.

„Ja … Ja, ich will.“

In diesem Moment stimmte Onkel Hasan auf seiner Mundharmonika ein Liebeslied an.

Was für ein Abend.

Etwas später sprachen Daniela und Tolga noch mit Ali.

Sie erzählten ihm, dass sie gemeinsam nach München zurückkehren würden.

Ali nickte zustimmend.

„Das ist eine gute Entscheidung. Ich selbst werde lieber hierbleiben. Dafür werdet ihr beide künftig mein Unternehmen führen. So wie ich gehört habe, kennst du dich bestens aus, Tolga.“

Tolga nickte.

„Ja. Darüber haben Yaman und ich schon gesprochen. Zusammen mit meinem Kompagnon aus Amerika werden wir das Unternehmen unterstützen. Zurzeit werden dort besonders Orangen gebraucht.“

Dabei nickte er Yaman zu.

Yaman erwiderte das Nicken lächeln


Finale: Rückkehr

Einige Tage später, nach dem gemeinsamen Kaffee und Kuchen, machten sich Daniela und Tolga auf den Heimweg.

Vor ihnen hatte sich ein Halbkreis gebildet.

Yaman blickte nachdenklich zu Fatih hinunter, der neben ihm stand.

„Und? Bleibst du?“

Fatih ist der Spitzname.

„Ich war nie weg. Du weißt doch, dass ich immer wieder zurückkomme.“

Lächelnd fuhr Yaman ihm durch die kurzen Locken und drückte ihn kurz an sich.

Direkt neben Yaman stand Susan. Die beiden hielten sich an den Händen.

Melek stand neben Ali.

Debra und Hasan verkündeten voller Freude, dass sie ein Baby erwarteten. Glückliche Blicke gingen durch die Runde.

Daneben standen Isabell, Leyla und Haluk.

Vor dem Halbkreis blieben Daniela und Tolga stehen.

Daniela kämpfte mit den Tränen.

„Ich werde euch vermissen.“

Dabei streichelte sie Timy, der auf dem Bauernhof bleiben würde.

Tolga lächelte.

„Wir kommen bestimmt wieder.“

Daniela nickte zustimmend.

Tolga trat einen Schritt nach vorn und sah Yaman an.

„Beim nächsten Mal gibt's eine Doppelhochzeit.“

In diesem Moment berührte Ali Melek leicht mit dem Arm.

Melek schüttelte lächelnd den Kopf.

Während die anderen nach vorn gingen, um Daniela und Tolga zu verabschieden, blieb Yaman noch einen Augenblick stehen und flüsterte Susan zu:

„Wir heiraten erst einmal nur wir zwei.“

Susan lächelte.

„Genau … und danach machen wir die Doppelhochzeit.“

Die beiden gaben sich einen innigen Kuss.

Dann gingen auch sie zu den anderen hinüber und umarmten Daniela und Tolga.

Langsam gingen Daniela und Tolga zum Auto.

Isabell saß bereits auf dem Beifahrersitz.

Alle winkten ihnen nach und blieben noch lange stehen, bis das Auto hinter der nächsten Kurve verschwunden war.

Schließlich standen nur noch Yaman und Susan unten am Holzweg, direkt am Meer.

Susan legte ihre Arme um Yamans Hals.

Ihre Blicke trafen sich.

Sie küssten sich – ein Kuss, der sich wie ein Versprechen für die Ewigkeit anfühlte.

Ende

 

 

🕵️‍♂️Detektiv Bamy – Im falschen Leben

Detektiv- Romanze für Erwachsene Herzen 💗 * Detektiv Bamy schlief tief und fest, aber unruhig. Er träumte … von einem gefundenen Zettel. Er...