Märchenwelt 🌟
Er war lang, er war schlank und trug einen langen, blauen
Lockenbart, der ihm bis zu den Knien reichte. Deshalb wurde er von allen
Blaubart genannt.
Wenn Blaubart etwas mit seinem Bart berührte, wurde es
sofort farbig, was Blaubart manchmal freute, ihn manchmal aber auch traurig
stimmte.
Blaubart ging gerne spazieren. Vor ihm lag eine wunderschöne
Gänseblumenwiese, so weiß, dass man meinen konnte, kleine Schneeflocken und
Sterne leuchteten dort.
Blaubart bewunderte das Blumenmeer. Da bemerkte er ein
Eichhörnchen und folgte ihm. Dabei berührte sein Bart einige der Gänseblumen,
und im Nu waren diese farbig geworden. Eine große Fläche voller verschiedener
Farben leuchtete nun dort.
Es erfreute Blaubart zugleich, doch oft war er auch traurig
darüber. Er blieb stehen und haderte mit sich selbst.
Die Vögel, die ihn gerne begleiteten, zwitscherten ihm zu:
„Das ist gut so, das schaut schön aus.“
Etwas erleichtert folgte er dem Weg weiter. Von Weitem sah
er ein kleines Häuschen. Als er näher kam, erkannte er, dass die Fensterläden
die Form von Karotten hatten. Neugierig klopfte er an die Tür. Niemand machte
auf. Er klopfte noch einmal, diesmal kräftiger. Nichts!
Blaubart trat näher heran und klopfte noch schneller und
kräftiger. Dabei berührte er mit seinem blauen Bart die Tür, die sich
unweigerlich sofort rosa färbte. Aber nicht nur das: Das gesamte Häuschen wurde
farbig. Sogar jede Seite bekam eine andere Farbe – eine wurde rot, eine gelb,
eine orange und die Vorderseite lila.
„Oh, Schreck!“, dachte Blaubart.
Und wie er das dachte, öffnete sich die Tür. Eine Häsin
stand verschlafen davor, mit einer Nachtmütze auf dem Kopf.
Erschrocken schaute Blaubart drein. Die Vögel über ihm gaben
ein feines „Schip“ von sich.
Die Häsin blinzelte Blaubart an und erkannte im nächsten
Moment ihr farbiges Haus.
Sie rieb sich die Augen und fragte etwas ungläubig: „Träume
ich, oder ist mein Haus neu gestrichen?“
Blaubart verbeugte sich höflich. „Entschuldigen Sie bitte,
aber jedes Mal, wenn ich mit meinem Bart etwas berühre, wird es farbig.“
Die Häsin rieb sich noch einmal die Augen, trat auf Blaubart
zu und umarmte ihn.
Die Vögel hielten den Atem an. „Oooh …“
Als sie Blaubart wieder losließ, rief sie: „Wie herrlich!
Endlich schaut mein Haus schön aus.“
Erleichtert stellten Blaubart und seine Vogelfreunde fest,
dass die Häsin nicht farbig geworden war.
„Komm herein, ich bin Gerda.“
Unschlüssig und vorsichtig trat Blaubart durch die Tür.
Dabei hielt er seinen Bart zusammen.
Die Häsin bemerkte es, lächelte ihn an und sagte: „Setz
dich.“
Blaubart überlegte, ob er dies machen sollte, und sah
unsicher auf die Couch.
Die Häsin Gerda sah ihn an und fragte: „Was hast du gedacht,
als ich dich umarmt habe?“
„Na, hoffentlich bleibt sie, wie sie ist.“
Die Häsin lächelte. „Dann lass deine Gedanken sprechen.“
Und sie machte eine Handbewegung zur Couch.
Achtsam und langsam setzte er sich, ließ seinen Bart los und
blickte vorsichtig um sich. Es funktionierte. Alles blieb, wie es war.
Ein leichter Hauch der Erleichterung – „Wuu“ – entwich ihm.
Seine Vogelfreunde, die draußen auf einem Baum vor dem
Fenster auf den Ästen saßen, zwitscherten vor Freude für ihn.
Die Häsin Gerda lud ihn zum Abendessen ein. Danach war er
müde geworden, zudem war es schon sehr spät.
Somit bot ihm Häsin Gerda an, auf der Couch zu übernachten,
und brachte ihm eine bunt gehäkelte Decke, die Blaubart gerne annahm.
Am frühen Morgen roch es schon nach Frühstück, nach frischem
Karottenkaffee und Karottenbrötchen dazu.
Vom süßen Duft wach geworden, bedankte sich Blaubart.
Nach dem Frühstück bekamen die Vögel die Krümel von der
Tischdecke.
Draußen im Garten vor dem Haus stand nun Häsin Gerda.
Blaubart hatte seine Vogelfreunde auf den Schultern.
Blaubart machte eine leichte Verbeugung. „Danke, Häsin
Gerda, für deine Gastfreundlichkeit und deine Hilfe wegen meines blauen Bartes.
So schön die Farben auch manchmal waren, manchmal haben sie mich auch traurig
gemacht.“
Häsin Gerda verstand ihn und nickte ihm wohlwollend zu.
Blaubart setzte einen Fuß zum Abschied voraus.
„Wo willst du hin?“, fragte Häsin Gerda kopfschüttelnd.
Etwas irritiert schwieg Blaubart. Er wusste keine Antwort
darauf …
Seine Vogelfreunde senkten ihre Köpfe und zwitscherten:
„Bleiben wir hier.“
Blaubart setzte sich auf die Holzbank vor dem Haus und
nickte schweigend.
Blaubart saß einfach nur da und beobachtete die Umgebung.
Ohne Hast, ohne ewig auf Wanderschaft zu sein … Er spürte, dass er glücklich
war.
Später am Nachmittag gab es bei Häsin Gerda Karottenkaffee,
Karottenkuchen und Kartoffelkekse dazu.
Wie herrlich war es, hier zu sitzen.
Später räumten Blaubart und Häsin Gerda zusammen auf.
Zwischen ihnen entstand eine wunderbare Freundschaft. Jeden
Tag freuten sie sich aufs Neue auf gemeinsame Unternehmungen. Und so saßen sie
jeden Abend vor dem farbigen Häuschen, während die Vogelfreunde ihr Abendlied
sangen.
Wie glücklich war er doch zwischen seinen Lieben.
Blaubart strich sich über seinen blauen Bart und lächelte.