Liebesgeschichte 💞
Zum Einstieg
Türkischer Bauernhof – Traditioneller Familienbetrieb
München – Ein modernes Unternehmen im 5. Stock eines
großen Bürogebäudes.
Ali Taşoğlu
Geschäftsname: Talu
Das Unternehmen stellt Tonblumentöpfe und
Holzblumenkästen her. Zusätzlich handelt es mit Bio-Lebensmitteln.
Ali stammt ursprünglich aus der Türkei und
hat das Unternehmen in München aufgebaut.
Seine Tochter heißt Daniela.
Danielas Mutter war Deutsche und starb bei
ihrer Geburt.
Isabell (Deutsche) ist eine enge
Arbeitskollegin und Freundin von Daniela.
Yaman ist der Hauptcharakter der Geschichte.
Sein Vater und Ali waren miteinander
verwandt.
Noch zu Lebzeiten sagte Yamans Vater zu ihm,
dass er nach seinem abgeschlossenen Studium bei Ali Abi im Unternehmen arbeiten
solle.
Yaman studiert Agrarwirtschaft.
Später soll er den Bauernhof übernehmen.
Nach dem Tod seines Vaters, der bei einem
Autounfall ums Leben kam, kümmert sich seine Tante Melek, die Schwester seines
Vaters, um Yaman.
Name
•Yaman•
Fatih (Freund)
Tante Melek
Onkel Hassan
Tante Debra
Susan
Tolga (Freund)
•
Denn Kadir (Gegner)
•
Ali (Vater)
Leyla, Schwester von Ali und Ersatzmutter für
Daniela
Hund Timmy
Haluk (Chauffeur)
Bauernhof am Horizont
Yaman hatte sein Studium erfolgreich
abgeschlossen. Voller Freude kannte er nur ein Ziel: so schnell wie möglich bei
Ali Abi anzukommen.
Schon seit Tagen war er unterwegs. Seine
Kleidung war schlicht und etwas schlapprig. Fast alles war kaffeebraun – nur
seine Krawatte war in einem dunklen Weinrot. Es war die Glückskrawatte seines
Vaters.
Mittlerweile war sein Bart etwas gewachsen.
Dadurch wirkte er ungepflegt, doch für Yaman war das kein Problem.
Auf dem Weg vom Bahnhof zum Unternehmen
begann es zu regnen. Yaman blickte kurz zum Himmel. Kein Grund, deshalb nicht
weiterzugehen.
Etwas durchnässt kam er schließlich vor dem
Firmengebäude an.
Voller Vorfreude betrat er das Gebäude fast
im Laufschritt.
Plötzlich stolperte er beinahe über einen
kleinen Hund, der durch die Empfangshalle lief. Er trug ein Halsband und musste
also jemandem gehören, dachte Yaman.
Kurzerhand bückte er sich zu dem kleinen Kerl
hinunter.
„Du schaust hungrig aus.“
Er nahm ein belegtes Brötchen aus seiner
Tasche, teilte es in kleine Stücke und gab sie dem Hund.
Anschließend stand Yaman wieder auf, streckte
seine Beine und ging, noch etwas steif, zum Empfang.
„Guten Tag. Da ist ein kleiner Hund ...“
Die Dame am Empfang antwortete eher
desinteressiert:
„Ja, der gehört zum Unternehmen Talu.“
Yaman nickte erfreut.
„Ja, genau dort wollte ich hin. Melden Sie
mich bitte an.“
Die Empfangsdame zögerte kurz.
„Beim Personalbüro?“
Yaman hörte gar nicht richtig hin.
„Genau, genau. Wo muss ich hin?“
„Das Unternehmen befindet sich im fünften
Stock. Dritte Tür.“
Yaman eilte zum Fahrstuhl.
Oben angekommen, stand die dritte Tür bereits
offen. Er trat ein, zog seinen nassen kaffeebraunen Mantel aus und hängte ihn
an die Garderobe.
Gerade wollte er sich setzen.
Da betraten zwei Frauen, die sich auf dem
Flur unterhalten hatten, das Büro.
Einen kurzen Moment sahen sie ihn an, danach
blickten sie sich gegenseitig an.
„Guten Tag. Ich bin Daniela Taşoğlu, und das
ist meine Kollegin Isabell. Was können wir für Sie tun?“
Daniela trug eine dunkelbraune
Kurzhaarfrisur. Isabell hatte lange blonde Haare, die zu einem Zopf geflochten
waren. Beide waren schlank und elegant gekleidet.
Sie setzten sich hinter den Schreibtisch und
musterten ihn.
Das lindgrüne Jackett, die kaffeebraune,
etwas schlapprige Hose und dazu diese weinrote Krawatte ...
Innerlich schüttelte Daniela den Kopf.
Aufgeregt holte Yaman seine Aktenmappe
hervor. Mit leicht zitternden Händen legte er seine Unterlagen auf den großen
Schreibtisch.
„Ich bin zu Ali Abi gekommen. Ich habe mein
Studium beendet. Hier sind meine Unterlagen.“
Daniela warf Isabell einen kurzen Blick zu.
Sie sah auf die Mappe, ohne sie zu öffnen.
"Ali Abi?"
Yaman nickte lächelnd.
Daniela erwiderte kühl:
„Wissen Sie was? Ich werde mir Ihre
Unterlagen in Ruhe ansehen und Ihnen dann Bescheid geben.“
Yaman freute sich. Er nahm seinen Mantel,
bedankte sich freundlich und ging zur offenen Glastür. Nur noch wenige Schritte
trennten ihn vom Fahrstuhl.
Die beiden Frauen glaubten bereits, er sei
außer Hörweite.
Isabell bekam einen Lachanfall.
„Hast du gesehen ...?“
Daniela schüttelte grinsend den Kopf.
„Wie der angezogen war! Alles kaffeebraun,
dieses altmodische lindgrüne Jackett ...“
„... und diese weinrote Krawatte“, ergänzte
Isabell lachend. „Zum Weinen!“
Daniela lachte hämisch weiter.
„Und dann noch sein Schuldeutsch ... Das geht
ja gar nicht!“
„Was machen wir mit der Akte?“, fragte
Isabell.
Daniela antwortete kühl:
„•Ab in den Schredder.•“
Draußen hatte Yaman jedes einzelne Wort
gehört.
Ein dumpfer Stich. Er legte die Hand auf sein
Herz. Mit wackligen Schritten ging er zum Aufzug.
Unten in der Lobby verließ er wie benommen
das Gebäude.
Krankenhausbekanntschaft
Bänke, Brunnen – alles verschwamm vor seinen
Augen. Yaman taumelte benommen und wäre fast zu Boden gestürzt, doch plötzlich
fing ihn jemand auf.
Orientierungslos saß er wenig später auf
einer Bank. Er war kaum ansprechbar und bekam nur schwer Luft.
Die junge Frau neben ihm, eine angehende
Medizinstudentin, reagierte sofort und rief einen Krankenwagen. Sie begleitete
ihn sogar ins Krankenhaus.
Dort erhielt Yaman die nötige Versorgung.
Nach einiger Zeit nahm er die junge Frau
bewusst wahr und fragte nach ihrem Namen.
„Susan“, antwortete sie. Sie war ebenfalls
Türkin, studierte hier Medizin und wollte später wieder in die Türkei
zurückkehren.
Yaman erzählte ihr den ganzen Vorfall.
Susan nickte verständnisvoll und drückte
seine Hand.
Leise sagte sie: „Lass solche Leute einfach.
Brauchst du das wirklich? Du erzählst so begeistert von eurem Bauernhof. Mach
lieber etwas daraus. Dort bist du frei und kannst alles so gestalten, wie du es
willst.“
Yaman schaute die junge Frau, die bestimmt
nicht älter war als er selbst, mit großen Augen an.
Innerlich wusste er, dass sie recht hatte.
Er drückte ihre Hand und nickte entschlossen.
„Weißt du was, Susan? Wenn du mit deinem
Studium fertig bist, besuchst du uns auf unserem Hof.“
Susan lächelte.
„Das mache ich bestimmt.“
Yaman nickte überschwänglich.
„Ich gebe dir unsere Adresse. Momentan haben
wir noch keinen Telefonanschluss. Den muss ich erst legen lassen.“
Erschöpft lächelte er.
Beide tauschten ihre Adressen aus. Susan
schrieb auch ihre Handynummer auf den Zettel.
Als Yaman sie fragend ansah, lächelte sie.
„Wenn ihr einen Telefonanschluss habt, ruf
mich an und sag mir, ob es dir gut geht.“
Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu:
„Ich würde dir außerdem empfehlen, dir ein
Handy anzuschaffen. Das wirst du brauchen.“
Yaman nickte, faltete den Zettel sorgfältig
zusammen und steckte ihn in seinen Geldbeutel.
So verabschiedeten sie sich.
Yaman hielt sein Versprechen. Von Zeit zu
Zeit telefonierten sie miteinander, wenn es ihre Zeit zuließ.
Doch im letzten halben Jahr wurde es still.
Susan hatte eine Prüfung nach der anderen zu bestehen, und Yaman arbeitete mehr
denn je, um die Schulden vom Bauernhof abzubezahlen.
Derweil waren sieben Jahre vergangen …
Inzwischen hatte Yaman seinen Bauernhof aufgebaut und die
einzelnen Bereiche gut aufgeteilt.
Sein Onkel Hasan, der Bruder seiner Tante Melek, kümmerte
sich hauptsächlich um die Tiere und die Melonenfelder. Seine Tante Melek führte
die kleinen, gemütlichen Ferienhäuschen und war für die Küche verantwortlich,
unterstützt von Debra, der Frau von Onkel Hasan.
Im offenen Küchenhaus wurden das Frühstück und das
Abendessen für die Gäste zubereitet.
Den Essbereich hatten Yaman, Onkel Hasan und Fatih gemeinsam
um eine großzügige Holzterrasse erweitert. Von dort führte ein Holzweg bis zum
etwa einen Kilometer entfernten Meeresstrand. Am Ende befand sich ein langer,
schmaler Holzsteg, von dem aus man weit über das Meer blicken konnte.
Entlang des Weges, zwischen kleinen Palmen und Bäumen,
standen Holzpfosten, an denen Lichterketten mit verschiedenfarbigen,
ausgehöhlten Melonenlampen hingen.
Am Abend tauchten sie den Weg in ein warmes, stimmungsvolles
Licht und erhellten den langen Holzweg.
Inzwischen war alles bestens eingespielt.
Schlechte Nachrichten bahnten sich an …
Yamans engster Freund Fatih kam außer Puste auf dem
Bauernhof an. Gerade standen alle beisammen.
Völlig atemlos keuchte er:
„Der Bankkredit wurde abgelehnt!“
Yaman hob ungläubig beide Arme und ließ sie wieder fallen.
„Was ist da los? Wir waren uns doch einig!“
Tante Melek legte sich erschrocken eine Hand aufs Herz. Die
anderen schüttelten fassungslos den Kopf.
Fatih rang noch immer nach Luft.
„Neuer Bankdirektor …“
„Ach so, daher weht der Wind …“, murmelte Yaman. „Also
wieder alles von vorn.“
Zur gleichen Zeit tauchte ein schicker Sportwagen auf. Auf
dem letzten Stück beschleunigte der Fahrer noch einmal, nur um anschließend
scharf abzubremsen. Eine große Staubwolke wirbelte über die Feldstraße.
Weil.
Yamans Konkurrent und größter Gegner.
Mert stieg aus, dicht gefolgt von seinem FreundKadir. Mit einem überheblichen Grinsen
schlenderte er auf die kleine Gruppe zu.
Mit kurzem Abstand blieb er stehen und sagte lässig:
„Na, verkauft ihr mir den Hof? Habt ihr euch schon
entschieden?“
Tante Melek stemmte die Hände in die Hüften.
„Das kannst du vergessen!“
Mit einer Hand wischte sie sich den Schweiß von der Stirn.
Yaman trat gefährlich nah an Mert heran.
„Du warst das!“
Mert schmunzelte siegessicher.
„Was soll ich gewesen sein?“
Yaman hob wütend die Augenbrauen.
„Das mit dem Bankdirektor!“
Mert winkte im Weggehen nur lässig ab.
„Was kann ich dafür? Also, ich höre von euch.“
Yaman wollte mit geballter Faust auf ihn zustürmen.
Doch alle hielten ihn zurück.
„Lass! Das bringt doch nichts!“, beschwichtigte Tante Melek.
Die Umstehenden murmelten aufgebracht vor sich hin.
Schließlich ergriff Tante Melek entschlossen das Wort:
„Jetzt machen wir erst einmal Abendessen. Morgen ist ein
neuer Tag, und viel Arbeit wartet auf uns.“
Das
Zusammentreffen
Ein paar Tage später waren Yaman und Fatih
unterwegs, um Pilze zu suchen.
Zur gleichen Zeit machten zwei junge Damen
ganz in der Nähe mit ihrem Auto eine Pause.
Während sie sich angeregt unterhielten,
holten sie ihre Stoffklappstühle und einen kleinen Klapptisch aus dem
Kofferraum.
Nach einigem Hin und Her, bis sie einen
geeigneten geraden Platz gefunden hatten, setzten sie sich endlich.
Gerade wollten sie ihre Picknickbox öffnen,
als ihnen auffiel:
„Timy ist weg!“
Etwas übertrieben hysterisch rief Daniela:
„Wo ist Timy? Immer büxt er aus!“
Die Box wurde sofort wieder abgestellt. Etwas
unbeholfen liefen beide durch das für sie ungewohnte Gelände.
Abwechselnd riefen sie:
„Timy! … Timy!“
Yaman und Fatih hörten die Stimmen.
Fatih blickte auf.
„Hast du das auch gehört?“
Yaman schaute nach vorn.
„Ja. Das kam von da drüben.“
Vor ihnen plätscherte ein kleines Bächlein.
Yaman wollte gerade darüber gehen, während Fatih etwas ungeschickt nach seiner
Wasserflasche suchte.
Plötzlich tauchte auf der gegenüberliegenden
Seite ein kleiner schwarzer Hund auf. Aufgeregt schnüffelte er umher, während
sein Schwanz unaufhörlich hin und her wedelte.
„Wo kommt der denn her?“, fragte Yaman und
erkannte, dass der Hund genau dort zwischen den Pilzen herumlief, nach denen er
gesucht hatte.
Er machte einen Satz nach vorn.
Der Hund erschrak, rutschte in das Bächlein
und begann quietschend zu strampeln.
Im selben Moment tauchten auch die beiden
Damen auf.
„Oje!“, riefen sie erschrocken.
Daniela lief voraus und rief im Befehlston:
„Tun Sie doch etwas!“
Dabei sah sie Yaman direkt und auffordernd
an.
Yaman zeigte auf sich selbst, blickte nach
unten, schnitt in aller Seelenruhe seine Pilze ab und verpackte sie sorgfältig.
Dann sagte er gelassen:
„Guten Tag auch.“
„Ja, von mir aus guten Tag. Aber bitte,
können Sie meinen Hund retten?“
Yaman wandte den Blick von ihr ab und
murmelte halblaut:
„Dem passiert nichts. Dort ist es nicht tief.
Der Kleine schwimmt vor Schreck nur auf der Stelle.“
Er warf einen kurzen Blick auf den
strampelnden Hund, trat einen Schritt näher, beugte sich leicht hinunter und
hob ihn mit einer schnellen Armbewegung aus dem Bächlein.
Sofort schleckte der kleine Hund ihm über die
Nase.
Yaman musste lachen.
„So, mein Kleiner …“
Dann setzte er das nasse Wollknäuel
kurzerhand auf Danielas Arme.
Überrumpelt und überrascht streckte sie ihm
die Hand entgegen.
"Daniela Taşoğlu."
Yaman ignorierte ihre ausgestreckte Hand. Er
sah sie nicht einmal an.
Seine wilden Blicke richtete er auf den
Boden.
Daniela bemerkte sofort, wie abweisend er
sich verhielt.
Langsam zog sie ihre Hand wieder zurück.
„Ist etwas?“, fragte sie direkt.
Yaman schüttelte nur den Kopf, ohne
aufzusehen.
Dann drehte er sich zu Fatih um.
„Komm, lass uns gehen.“
Ohne sich noch einmal umzusehen, verließ er
den Ort.
Isabell wiegte nachdenklich den Kopf, legte
Daniela sanft eine Hand auf den Rücken und schob sie leicht in Richtung Auto.
„Komm“, sagte sie ruhig. „Wir fahren wieder.“
Rückfahrt nach München
Am Auto angekommen schimpfte, Daniela
aufgebracht:
„Ich verstehe nicht, wieso ein attraktiver
Mann so grob reden kann.
Hast du seine Muskeln unter dem Achselshirt
gesehen?“
„Vergiss es. Männer eben!“
Daniela warf ihre schönen, langen
dunkelbraunen Haare nach hinten.
„Pech gehabt. So eine Schönheit wie mich
findet er nicht so leicht wieder.“
Mit einem überzeugten Grinsen setzte sie sich
ans Steuer und fuhr in Richtung Hauptstraße.
„Na dann, los nach Hause“, nickte Isabell ihr
zu.
***
Unterwegs auf der Autobahn in Richtung
München lagen nur noch wenige Stunden Fahrt vor ihnen.
Plötzlich klingelte das rote Geschäftshandy.
Daniela stöhnte genervt.
„Die wissen doch, dass ich im Urlaub bin!“
Widerwillig nahm sie den Anruf an.
„Ich, Daniela der Spiele.“
„Mmh … okay. Was ist passiert?“
Sie schaltete den Lautsprecher ein.
Die Stimme des Chauffeurs ihres Vaters und
zugleich seines engsten Mitarbeiters war zu hören:
„Frau Daniela, Sie müssen sofort
zurückkommen. Es gibt eine dringende Sitzung.“
Daniela schüttelte den Kopf.
„Was ist denn passiert? Na gut, wir sind
sowieso schon auf dem Weg.“
Isabell sah sie fragend an und schüttelte
ebenfalls den Kopf.
„Morgen sehen wir uns“, antwortete Daniela
und beendete das Gespräch.
Aufregung in München
Stunden zuvor hatte sich vor dem Unternehmen in München eine
Menschentraube gebildet. Lautstark beschwerten sich die Mitarbeiter.
Ali Taşoğlu stieg angespannt aus seinem Wagen und ging
zielstrebig auf die Menschen zu, die ihn sofort aufgebracht ansprachen.
Beruhigend hob er die Hände.
„Moment mal! Was ist denn los?“
Ein Mann trat einen Schritt auf ihn zu.
„Wir sind alle gekündigt worden! Was sollen wir jetzt
machen? Wir haben Schulden abzubezahlen.“
Eine Frau meldete sich ebenfalls verzweifelt zu Wort.
„Ich habe Kinder. Ich brauche diese Arbeit.“
Ali blieb ruhig, obwohl ihm der Ärger deutlich anzusehen
war.
„Niemand ist gekündigt. Das ist eine falsche Information.
Beruhigen Sie sich bitte. Gehen Sie erst einmal nach Hause und kommen Sie
morgen alle wieder. Diesmal treffen wir uns im neuen Firmenflügel.“
Die Anspannung löste sich langsam.
Erleichtert nickten die Mitarbeiter. Einige murmelten
neugierig:
„Im neuen Firmenflügel?
„Bis morgen, Chef!“, riefen einige, während sie nach und nach
nach Hause gingen.
Als der Platz endlich leer war, drehte sich Ali zu Haluk um.
„Haluk, ruf sofort meine Tochter an!“
„Wird erledigt, Ali Abi.“
***
Am nächsten Morgen saß Daniela frisch und voller Elan ihrem
Vater gegenüber.
Ali begann ohne Umschweife.
„Wie konntest du Menschen einfach kündigen, ohne über die
Folgen nachzudenken? Diese Menschen haben Rechnungen zu bezahlen, Kredite
abzuzahlen und Kinder zu ernähren.“
Er schüttelte enttäuscht den Kopf.
„Es war ein Fehler, dir die Personalabteilung zu
überlassen.“
Daniela lächelte selbstsicher.
„Aber Papalein, das Team hat sich doch nicht mehr gelohnt.“
Ali schwieg einen Moment, um sich zu beherrschen.
„Ja, da muss sich noch eine Lösung finden. Aber nicht so!“
Seine Stimme wurde bestimmt.
„Du gehst wieder in dein altes Büro und machst von jetzt an
nur noch das, was ich dir sage. „Punkt, aus, Pasta!“
Daniela setzte sich leicht trotzig an den riesigen
Bürotisch.
„Aber Papalein …“
„Nichts da! Ich will nichts mehr hören. Und deine Spaßpläne
– London und Paris – sind erst einmal gestrichen.“
Beleidigt verließ Daniela das Büro ihres Vaters.
Isabell wartete bereits.
„Und?“, fragte sie mit großen Augen.
Daniela warf ihren Notizblock auf den Schreibtisch.
„London und Paris sind gestrichen!“
Beide zogen enttäuscht eine Schnute.
Schweigend setzten sie sich an den Schreibtisch, stützten
die Ellbogen auf und blickten bedrückt
drein.
Am Abend klagte Daniela ihrer Tante Leyla, der Schwester
ihres Vaters und zugleich ihrer Ziehmutter, ihr Leid.
„Tante Leyla, was soll ich nur machen? Papalein will nicht
mehr mit mir sprechen.“
Tante Leyla sprach ruhig und beschwichtigend.
„Daniela, denk einmal in Ruhe über das nach, was dein Vater
dir gesagt hat.“
Doch Daniela blieb stur.
„Kann ich nicht noch einmal mit ihm reden?“
Tante Leyla schüttelte leicht den Kopf.
„Er ist jetzt in seinem Arbeitszimmer und möchte nicht
gestört werden.“
Nach einer Weile schlug sie vor:
„Komm, geh erst einmal ins Bett. Es ist schon spät
geworden.“
Beim Bauernhof
Das Frühstück war schon lange vorbei. Zurzeit waren nur
wenige Gäste auf dem Hof. Ein ruhiges, schlankes Ehepaar hatte sich bewusst für
eines der hinteren Ferienhäuschen entschieden, um etwas Abstand und Ruhe zu
haben.
Der andere Gast war ein älterer Pensionär. Er war jeden
Morgen der Erste beim Frühstück, weil ihm Meleks Essen besonders gut schmeckte.
Inzwischen war es später Nachmittag. Eine unangenehme Hitze herrschte.
Alle saßen unter dem großen Holzpavillon, dessen Dach mit Stroh gedeckt war.
Yaman ließ sich auf einen der Stühle fallen, streckte sich
fast liegend aus und blieb eine Weile schweigend sitzen.
Die übrigen Familienmitglieder saßen auf den Bänken des
Pavillons.
Alle blickten bedrückt vor sich hin.
Wie sollte es nur weitergehen?
Die ausstehenden Rechnungen mussten in Kürze bezahlt werden.
Yaman schüttelte den Kopf und überlegte laut:
„Wir bräuchten einen Investor. Aber woher nehmen?“
Plötzlich begannen Meleks Augen zu leuchten.
„Ich weiß da jemanden. Den kann ich bitten.“
Alle sahen sie erwartungsvoll an, doch niemand sagte etwas.
Tante Melek stand auf, ging zu ihrem Häuschen hinüber und
griff zum Handy.
In München klingelte das Geschäftshandy.
Ali hob ab.
Seine Sekretärin teilte ihm mit:
„Eine Frau aus der Türkei möchte Sie sprechen.“
Ali runzelte kurz die Stirn.
„Wer?“
„Sie sagt, sie wäre Melek vom Bauernhof am Horizont.“
Sofort hellte sich sein Gesicht auf.
„Gut, gut. Bitte stellen Sie sie durch.“
Mit einem erfreuten Lächeln sagte er:
„Melek! Wie geht es dir? Kann ich etwas für dich tun?
Brauchst du Hilfe?“
Melek stockte einen Moment.
„Du … ja, du kannst uns tatsächlich helfen. Du weißt doch,
Yaman … wir bräuchten einen Investor. Du erinnerst dich sicher noch – alles
frisch vom Bauernhof.“
Ali nickte eifrig.
„Weißt du was? Das trifft sich gut. Mir fehlt ein neuer
Lieferant.“
Nach kurzem Überlegen fügte er hinzu:
„Schick mir Yaman. Dann setzen wir uns zusammen.“
Einen Moment schwieg er.
„Melek … geht es dir wirklich gut?“
Melek räusperte sich. Ihr Hals war ganz trocken.
„Ja, sicher. Mir geht es gut.“
„Na dann. Bis bald“, sagte Ali.
Melek legte auf.
Sie holte tief Luft, bevor sie zu den anderen zurückging.
Noch bevor sie den Pavillon erreichte, rief sie laut:
„Yaman, du kannst kommen! Das Unternehmen Talu erwartet
dich!“
Mit einem Schlag erhellten sich alle Gesichter.
Yaman lächelte.
„Gut, dann ziehe ich meine rote Glückskrawatte an!“
Die anderen sahen sich kurz erschrocken an.
Fatih warnte vorsichtig:
„Yaman … die ist unmöglich. Ich weiß, sie stammt von deinem
Vater, aber …“
„Kein Aber!“, unterbrach ihn Yaman. „Schwarzer Anzug und
rote Krawatte gehen immer.“
Niemand traute sich, etwas dagegen zu sagen.
„Nicht wahr, Tante Melek?“, fragte er und zwinkerte ihr
erwartungsvoll zu.
Tante Melek fächelte sich mit der Hand Luft zu.
„Hauptsache, du bekommst eine Chance.“
Yaman wandte sich zu Fatih.
„Du kommst auch mit.“
Fatih grinste bis über beide Ohren.
München, Unternehmen Talu
Yaman und Fatih fuhren mit dem Fahrstuhl nach oben. Beide
sahen sich etwas unsicher und nervös an.
„Schauen wir gut aus?“, fragte Yaman.
Fatih rückte ihm die Krawatte zurecht.
„Alles klar.“
„Alles klar“, bestätigte Yaman und umklammerte den
Präsentkorb.
„Bing.“
Der Fahrstuhl öffnete sich.
Gerade bogen sie um die Ecke des Flures, als Ali aus dem
Besprechungsraum trat.
„Yaman! Du siehst deinem Vater wirklich ähnlich.“
Sein Blick fiel auf Fatih.
„Wen hast du denn da mitgebracht?“
„Das ist mein bester Freund Fatih.“
Fatih überreichte Ali den Präsentkorb.
Yaman erklärte:
„Ein kleines Präsent von unserem Bauernhof, zusammengestellt
von Tante Melek, Onkel Hasan und seiner Frau Debra.“
Ali lächelte erfreut und ließ seinen Blick über die
Köstlichkeiten schweifen. Vorsichtig stellte er den Korb an der Seite des
Besprechungstisches ab.
Zwei weitere Herren aus dem Unternehmen saßen ebenfalls mit
am Tisch.
„So …“, sagte Ali und rieb sich die Hände. „Dann legen wir
mal los. Zeig uns deine Unterlagen. Was kannst du uns anbieten? Diese Herren
sind meine Berater. Zurzeit suchen wir einen neuen Lieferanten für unseren
Bio-Lebensmittelbereich.“
Er nickte Yaman zu.
„Da kommst du gerade zur rechten Zeit.“
Eineinhalb Stunden später war alles besprochen.
Yaman unterschrieb den Vertrag.
Man umarmte sich.
„Auf gute Geschäfte!“, sagte Ali strahlend.
Yaman gab ihm noch einmal einen kräftigen Händedruck.
Dann rief Ali einer Sekretärin zu:
„Bitte holen Sie meine Tochter.“
Die Sekretärin eilte davon und kam kurz darauf mit Daniela
zurück.
„Guten Tag“, begrüßte sie die Anwesenden.
Als sich ihre Blicke trafen, erstarrten beide.
Yamans Augen funkelten überrascht und zugleich aufgebracht.
Ali blickte zu seiner Tochter.
„Daniela, das sind ab heute unsere neuen Lieferanten für den
Bio-Bereich.“
Er sah seine Tochter ernst an.
„Und du wirst künftig den Bio-Bereich führen. Es wird Zeit,
Verantwortung zu übernehmen.“
Daniela war alles andere als begeistert.
„Das bringt doch keinen Umsatz. Was soll das mit so einem
kleinen Bauernhof?“
Ali wurde deutlich.
„Du hast keine Ahnung, wie schwer die Arbeit auf einem
Bauernhof ist.“
Daniela trat einen Schritt nach vorn.
„Ich habe keine Ahnung?“
Ali hob die Augenbrauen.
„Nein, Daniela. Du hast keine Ahnung.“
Nach einem kurzen Moment sagte sie:
„Gut. Dann werde ich mir das Ganze vor Ort ansehen.“
Ali sprach weiter:
„Nein. Du wirst es dir nicht nur ansehen – du wirst
mithelfen. Vielleicht lernst du dann, Verantwortung zu übernehmen.
Danach kannst du deinen London und Paris-Spaß haben.“
Daniel, bitte.
„Na gut. Wie lange?“
Yaman und Fatih hatten das Wortgefecht ungläubig verfolgt.
Da mischte sich Yaman ein.
„Sechs Wochen. Das halte ich für angemessen.“
Ein listiges Grinsen huschte über sein Gesicht.
Ali sah seine Tochter fragend an.
Daniela nickte widerwillig.
„Gut. Sechs Wochen. Danach bekomme ich aber meine Reise nach
London und Paris.“
Zur Besiegelung der Abmachung reichte sie ihrem Vater die
Hand.
Draußen, in der Parkanlage vor dem Unternehmen, sah Fatih
seinen Freund kopfschüttelnd an.
„Sag mal, bist du noch ganz dicht? Ich dachte, du kannst sie
nicht ausstehen.“
Yaman lächelte genüsslich.
„Sie ist meine Helferin … meine Helferin.“
Ein schelmisches Grinsen huschte über sein Gesicht.
„Für Prinzessin Daniela lasse ich mir schon etwas Schönes
einfallen.
Und er lachte. „Ha, ha …“
Zwei verschiedene Welten
Gleich nachdem Yaman und Fatih auf dem
Bauernhof angekommen waren, freuten sich alle über die gute Nachricht.
Es wurde keine Zeit verloren. Jeder machte
sich wieder an seine Aufgaben.
Drei Tage später war inzwischen auch Daniela
mit ihrem Auto in der Türkei angekommen und unterwegs zum Bauernhof.
Die schmale Straße führte auf der einen Seite
an einer Felswand entlang, auf der anderen eröffnete sich eine wunderschöne
Landschaft. Nach einiger Zeit konnte Daniela zwischen den gedrungenen Bäumen
und Büschen das Meer erkennen.
Sie entdeckte auf der linken Seite eine
kleine Sandbucht, von der aus man weit über das Meer blicken konnte. Sie lenkte
ihren Wagen dorthin, stieg aus und genoss den Ausblick.
Gedankenverloren stand sie da. Der warme Wind
strich sanft über ihre Haut. Die angenehme Wärme ließ sie für einen Moment
alles um sich herum vergessen.
Gerade wollte Daniela wieder zu ihrem Auto
gehen, als ein Sportwagen mit hoher Geschwindigkeit heranraste und abrupt
anhielt.
Sie schob ihre Sonnenbrille hoch.
Das darf doch nicht wahr sein, schoss es ihr durch den Kopf.
•Mert•
Er stieg aus und kam mit großen Schritten auf
sie zu.
„Was für eine süße Überraschung!“, grinste
er.
Daniela war alles andere als begeistert.
„Ja … kommt ganz darauf an.“
Sie verschränkte die Arme.
„Ich sage es dir gleich. Ich will mit dir
nichts mehr zu tun haben. Wir waren einmal verliebt, aber das ist längst
vorbei.“
Mert ließ sich nichts anmerken.
„Was machst du denn hier?“
„Ich fahre zum Bauernhof am Horizont. Mein
Vater investiert dort. Er hat mich dorthin geschickt.“
Leise murmelte Mert vor sich hin:
„Damit kann er also den Kredit decken.“
Unbemerkt ballte er die Hand zur Faust.
Mit abgewandtem Gesicht blickte er einen
Moment finster zu Boden. Dann drehte er sich zu Daniela um und lächelte
freundlich.
„Dann sehen wir uns bestimmt noch.“
Daniela seufzte.
„Wird sich wohl nicht vermeiden lassen. Ich
muss jetzt los. Ich bin schon spät dran.“
Sie stieg in ihren Wagen und fuhr weiter.
Am späten Nachmittag bog sie schließlich auf
den Bauernhof ein.
Melek entdeckte sie als Erste.
„Da kommt sie.“
Yaman schüttelte nur den Kopf.
Daniela stieg aus und kam auf die kleine
Gruppe zu.
„Du bist ziemlich spät dran“, sagte Yaman.
Daniela sah darin kein Problem.
„Tut mir leid. Ich habe die schöne
Meeraussicht genossen.“
Yaman war müde vom langen Tag.
„Gut. Ich zeige dir deine Unterkunft.“
Daniela sah einen Mann mit Strohhut
heranlaufen.
Er verneigte sich leicht und nahm den Hut vor
die Brust.
„Ich bin Hasan.“
Dann deutete er mit dem Kinn zur Seite.
„Und das ist meine Schwester Melek.“
„Freut mich“, sagte Daniela. „Bitte bringen
Sie meine Koffer zu meiner Unterkunft.“
Hasan nickte eifrig.
Yaman ging wortlos voraus. Vor einem der
kleinen Häuschen blieb er stehen.
Daniela verzog sofort das Gesicht.
„Das ist doch nicht dein Ernst. Da gehe ich
nicht rein. Das ist ja ein Schuhkarton.“
Yaman sah sie müde und genervt an.
„Ach so … die Prinzessin braucht wohl etwas
Besseres.“
In diesem Moment kam Tante Melek dazu.
Sie sah die genervten Gesichter der beiden
an.
„Was ist denn mit euch zwei los?“
Daniela lächelte leicht.
„Tut mir leid. Das ist nichts für mich.“
Tante Melek überlegte kurz.
„Zwei neue Häuschen sind bereits geplant,
aber das wird noch etwas dauern.“
Sie lächelte Daniela freundlich an.
„Weißt du was? Du kannst erst einmal in
meinem Gästezimmer übernachten.“
Yaman schüttelte energisch den Kopf.
Doch Tante Melek schob Daniela bereits in
Richtung ihres kleinen, gemütlichen Hauses.
Yaman hielt sich mit beiden Händen den Kopf.
Am besten verschwand er jetzt. Er stieg in
sein einfaches Auto und fuhr zu seinem kleinen, schlichten Haus.
Er wollte einfach nur noch schlafen.
Daniela war mit ihrem Gästezimmer zufrieden.
Es war gemütlich eingerichtet und bot genügend Platz für ihre Kleidung.
Auch sie legte sich schließlich in das weiche
Bett, das angenehm nach frischer Wäsche duftete.
Nächster Tag
auf dem Bauernhof
Nach dem Frühstück zeigte Yaman Daniela die
Stallungen mit den Kühen, Schafen und einem Pferd.
Vor den Stallungen blieb er stehen.
„Du liebst Tiere?“
Daniela trat einen Schritt näher und lächelte
fast belustigt.
„Natürlich liebe ich Tiere. Du kennst doch
meinen Liebling Timy.“
Wie gerufen stand Timy plötzlich
schwanzwedelnd hinter den beiden.
Im nächsten Moment sauste der Hund auf Yaman
zu, lief zwischen seinen Beinen hindurch und setzte sich brav vor ihn auf
seinen Hintern.
Yaman blickte kurz zu ihm hinunter.
„Lauf, Timy! Hier bist du frei!“
Sofort flitzte Timy davon.
Daniela sah ihn verwundert an.
„Was war das denn?“
„So“, sagte Yaman und zeigte auf den Stall.
„Heute stapelst du die Heuballen.“
Er deutete auf einen mittelgroßen Anhänger,
der bis oben hin mit quadratischen Heuballen beladen war.
Mit Leichtigkeit griff Yaman einen der mit
Schnüren zusammengebundenen Heuballen in der Mitte der Schnur, hob ihn hoch und
wuchtete ihn im Stall an die Wand.
„So wird das gemacht. Das ist heute deine
Aufgabe.“
Natürlich wollte Daniela keine Schwäche
zeigen. Sie griff ebenfalls nach einem Heuballen, merkte aber schnell, dass sie
ihn nicht mit einer Hand tragen konnte. Also packte sie die Schnur mit beiden
Händen und schleppte den Ballen mühsam in den Stall.
Gerade als sie ihre Kleidung betrachtete,
reichte Yaman ihr eine altmodische Schürze.
Daniela starrte das hässliche Ding an.
„Das ist doch nicht dein Ernst!“
„Damit schützt du deine Kleidung.“
Yamans Blick wanderte an ihr hinunter.
Daniela trug eine zartrosa Bluse mit Ärmeln bis zu den Ellbogen, einen kurzen
weißen Rock und dazu gelbe Gummistiefel.
Murrend zog sie die Schürze über und band sie
hinter ihrem Rücken zusammen.
Schmunzelnd drehte sich Yaman um und winkte
ihr im Weggehen noch einmal zu.
Etwas weiter entfernt stand sein Traktor.
Gerade wollte er aufsteigen, als Timy angerannt kam und aufgeregt an ihm
hochsprang.
„Na, mein Kleiner …“
Yaman beugte sich zu dem Hund hinunter. Da
fiel sein Blick auf das runde Amulett am Halsband.
Das kannte er doch …
Da erinnerte er sich.
Das war der kleine Hund von damals aus der
Empfangshalle.
Yaman wuschelte durch Timys Fell.
„Na, mein kleiner Kerl, hast du mich nicht
vergessen?“
Er strahlte über das ganze Gesicht.
„Komm, lauf! Lass es dir hier gut gehen und
genieße deine Freiheit.“
Liebevoll gab er Timy einen kleinen Klaps auf
den Hintern.
Schon flitzte der Hund wieder davon.
Yaman fuhr mit dem Traktor hinaus auf die
Felder.
Daniela schleppte Heuballen um Heuballen. So
stur, wie sie war, machte sie keine einzige Pause. Nur eine Wasserflasche stand
neben ihr.
Irgendwann brach ihr bei der Arbeit ein
Fingernagel ab.
Was für eine Tragödie!
Natürlich musste dieser furchtbare „Unfall“
sofort dokumentiert werden. Sie schickte ihrer besten Freundin Isabell ein Foto
davon.
Anschließend ging sie in ihr Zimmer, holte
ihre Notfalltasche, schnitt ein riesiges Pflaster zurecht und versorgte ihren
Finger.
Mit großem Bedauern machte Daniela weiter.
Die Arbeit dauerte bis zum Abend.
Als Yaman müde vom Feld zurückkam, saßen
bereits alle am langen Tisch.
Nach dem Essen fragte er:
„Wo ist Daniela?“
Onkel Hasan und Tante Debra zuckten mit den
Schultern.
Während sie den Tisch abräumte, antwortete
Tante Melek:
„Daniela ist in die Stadt gefahren. Sie
wollte dort zu Abend essen.“
Yaman klopfte mit den Fingerknöcheln auf die
Tischplatte.
Beim
Strandlokal
„Tante Melek, ich fahre noch zu meinem
Lieblingslokal. Ich muss mich ein bisschen erholen.“
Tante Melek nickte verständnisvoll.
Am Strandlokal angekommen, ging Yaman den
Holzweg entlang in das offene Lokal. Vorne erkannte er die halbrunde Theke.
Er wollte gerade darauf zugehen …
Ungläubig blieb er stehen.
Daniela.
Und neben ihr saß ihre Freundin Isabell.
Die beiden hatten sich spontan dort
getroffen. Daniela war bereits leicht angetrunken.
Yaman hatte überhaupt keine Lust, ihr zu
begegnen. Frustriert drehte er sich um und wollte seine Schritte beschleunigen.
Plötzlich hüpfte ihm auf dem Holzweg eine
junge Frau entgegen.
"•Yaman•!"
Mit leuchtenden Augen sah Susan ihn an.
Sie blickte ihn einen Moment nachdenklich an.
„Ist etwas passiert?“
Yaman schaute sie überrascht an.
„Susan?“
Sie lachte.
„Genau. Susan. Ich bin fertig mit meinem
Studium und arbeite seit Kurzem als Ärztin im neuen Aksoy-Krankenhaus.“
„Das freut mich riesig.“
Yaman umarmte sie herzlich.
Gemeinsam setzten sie sich an einen freien
Tisch.
Sie unterhielten sich eine ganze Weile. Yaman
erzählte von der unerwarteten Begegnung mit Daniela und davon, dass sie noch
immer keine Ahnung hatte, wer er wirklich war.
„Und wo wohnst du jetzt?“, fragte Yaman.
Susan hob leicht die Schultern.
„Im Moment noch in den Personalzimmern des
Krankenhauses. Aber auf Dauer ist das nichts für mich.“
Ganz selbstverständlich bot Yaman an:
„Dann komm doch zu uns auf den Bauernhof.“
Susan lächelte erfreut.
„Ja, danke. Das mache ich gern.“
Gerade wollten sie sich verabschieden …
Da schwankte Daniela leicht beschwipst an
ihnen vorbei und redete laut und völlig durcheinander.
Yaman sprang sofort auf den Holzweg.
Kopfschüttelnd hob er Daniela vorsichtig auf
seine Arme und trug sie davon.
Isabell eilte ihnen hinterher.
„Daniela!“, rief sie besorgt.
Ohne sich umzudrehen, sagte Yaman laut:
„Ich bringe sie zurück zum Bauernhof!“
Susan schaute den beiden verwundert
hinterher.
Am Tag
darauf auf dem Bauernhof
Schon vor dem Frühstück saß der ältere
Pensionär Mehmet Bey vor dem Frühstückshaus.
Melek trat hinaus.
„Guten Morgen, Mehmet Bey. Wie immer einen
schwarzen Kaffee? Heute gibt es frischen Ziegenkäse und Tomaten aus dem Garten.
In Kürze bringe ich Ihnen einen Teller.“
Dabei lächelte sie freundlich.
Mehmet Bey war entzückt.
„Alles, was Sie servieren, ist köstlich – und
wunderbar … genauso wunderbar wie Sie.“
Melek hatte sich bereits wieder umgedreht.
Für sie war diese Freundlichkeit nichts weiter als reine Höflichkeit.
Nicht lange danach kamen auch Yaman, Hasan
und Debra dazu. Debra brachte wie gewohnt dem Ehepaar Yılmaz das Frühstück.
Nun saßen alle gemeinsam am Tisch,
frühstückten und besprachen die Arbeiten des Tages.
Yaman fuhr später mit Fatih hinaus auf die
Felder, während Hasan sich wie immer um die Ställe kümmerte und die Tiere
fütterte.
Einige Zeit später erschien auch Daniela und
setzte sich an den Frühstückstisch.
Tante Melek ging sofort zu ihr.
„Daniela, komm und frühstücke erst einmal.
Bevor Yaman zurückkommt. Der ist sowieso noch sauer auf dich.“
Daniela hob müde den Kopf, der noch immer
leicht brummte.
„Uff …“,entfuhr es Daniela
Rasch stellte Melek ihr das Frühstück auf den
Tisch.
In diesem Moment stand Timy schwanzwedelnd
vor Daniela.
Lächelnd streichelte sie den Hund. Nach einem
kurzen Bellen lief Timy zielstrebig zu seinem Futternapf.
Gerade erklärte Tante Melek ihr, dass sie
besser ein langärmeliges Oberteil und eine lange Hose anziehen sollte, als
Yaman mit einer verärgerten Miene auf sie zukam.
„So, los geht's. Zieh dir etwas Langärmeliges
an. Es geht zu den Apfelbäumen. Pflücken.“
Daniela wollte protestieren.
Doch Tante Melek griff sofort ein.
„Das habe ich ihr schon gesagt. Komm, mach
schnell.“
Unwillig stieg Daniela auf den Traktor. Sie
hob beide Hände, als wollte sie sagen: Was soll man
machen?
Tante Melek sah die Geste und rief ihr
lächelnd nach:
„Debra ist auch dabei!“
Kurz darauf machten sie sich auf den Weg.
An den Apfelbäumen angekommen, erklärte Debra
Daniela in aller Ruhe, wie die Arbeit ablief.
Yaman arbeitete derweil auf dem
gegenüberliegenden Feld und pflügte den Acker.
Die
unerwartete Überraschung
Unerwartet
tauchte Ali gemeinsam mit seinem Chauffeur Haluk und seiner Schwester Leyla auf.
Der Wagen mit
dem schicken, modernen Wohnwagen blieb am Rand des Feldes stehen.
Ali machte
sich mit schnellen Schritten auf den Weg zu den Apfelbäumen.
Daniela stand
gerade auf einer Leiter zwischen den Ästen und pflückte Äpfel.
Leyla und
Haluk folgten ihm.
Schließlich
blieben die drei nebeneinander stehen. Mit gerunzelter Stirn blickte Ali zu
Daniela hinauf.
Leyla rief
entsetzt:
„Das … das
ist unmöglich! Schau dir nur unsere Daniela an! Mit einem Bauernkopftuch, einem
hellblauen Hemd und einer khakibraunen Hose!“
Daniela
drehte sich überrascht um. Dabei geriet die Leiter ins Wanken.
Debra
reagierte blitzschnell und hielt die Leiter gerade noch rechtzeitig fest.
Vorsichtig
stieg Daniela herunter und nahm ihr Kopftuch ab.
Yaman hatte
den Wohnwagen schon von Weitem gesehen und anschließend die kleine
Menschenansammlung um Daniela bemerkt.
Er fuhr mit
dem Traktor das kurze Stück hinüber und sprang schwungvoll herunter.
Fragend
blickte er in die Runde.
Ali gefiel
das alles überhaupt nicht.
„Was soll
das? Daniela ist noch nie auf einen Baum geklettert!“
Daniela
atmete tief durch.
„Uff … Mir
ist doch nichts passiert. Und diese Kleidung ist nun einmal Arbeitskleidung.“
Ali und Leyla
sahen sie weiterhin besorgt an.
Schließlich
ergriff Ali das Wort.
„Daniela, du
kommst sofort mit.“
Leyla nickte
zustimmend.
„Genau. Du
kommst mit uns.“
Doch Daniela
schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme.
„Das kommt
überhaupt nicht infrage. Wir haben sechs Wochen vereinbart.“
Ali kannte
seine Tochter. Er wusste genau, wie stur sie sein konnte. Gegen ihren Willen
hatte er jetzt keine Chance.
Er trat ein
paar Schritte zur Seite.
Leyla folgte
ihm.
Leise sagte
Ali:
„Eigentlich
gefällt mir das. Sie zeigt endlich einmal Durchhaltevermögen.“
Nachdenklich
fügte er hinzu:
„Wir lassen
den Wohnwagen hier.“
„Dann bleibe
ich ebenfalls hier und kümmere mich um sie“, sagte Leyla.
Ali nickte
und nahm seine Schwester kurz in den Arm.
Anschließend
winkte er Daniela und Yaman zu sich.
„Gut, wir
lassen dir den Wohnwagen hier. Yaman wird bestimmt einen schönen Platz dafür
finden.“
„Stimmt's,
Yaman?“
Yaman nickte.
Was blieb ihm
auch anderes übrig?
Der Wohnwagen
bekam einen schönen Platz zwischen dem Bauernhof und dem Meer.
Alle waren
zufrieden.
Für Yaman
ging die Arbeit am späten Nachmittag ganz normal weiter.
Währenddessen im Wagen überlegte Ali einen Moment.
„Haluk, wir
bleiben ebenfalls hier. Wir fahren zu meinem Anwesen.“
Inzwischen
in der Stadt …
Mert und sein
Handlanger Kadir saßen in dem Restaurant, das Mert gehörte. Doch nicht nur das
Restaurant gehörte ihm, sondern auch das Aksoy-Krankenhaus und das dazugehörige
Gebiet.
Lässig hing
Mert in seinem bequemen Stuhl.
Die beiden
heckten einen Plan aus, wie sie Yaman schaden könnten.
„Zuerst
machen wir ihnen Angst“, grinste Mert.
„Heute Nacht
jagen wir die Hühner aus dem Stall bis hinüber zum Wald. Den Rest erledigen die
Wölfe.“
Ein hämisches
Grinsen breitete sich auf den Gesichtern der beiden aus.
Noch in
derselben Nacht fuhr Kadir mit einem alten Lieferwagen zum Bauernhof.
Leise löste
er ein Holzbrett am Hühnerstall und jagte die Hühner in Richtung Wald.
Zufrieden mit
dem angerichteten Schaden fuhr er beinahe lautlos wieder davon.
Unterwegs
rief Kadir Mert an.
„Ist
erledigt.“
Mehr sagte er
nicht und legte wieder auf.
Mert schenkte
sich in seiner Penthousewohnung, die direkt an das Aksoy-Krankenhaus angrenzte,
ein Glas Wein ein und nahm genüsslich einen Schluck.
***
Aufruhr
auf dem Bauernhof
Auf dem
Bauernhof waren alle auf der Suche nach den Hühnern.
Tante Melek
schimpfte:
„Ich habe
euch schon lange gesagt, dass das Hühnerhaus neue Bretter braucht.“
Yaman suchte
bereits eine ganze Weile nach der Ursache. Doch außer einem zur Seite
gedrückten Holzbrett konnte er keine Beschädigung entdecken.
Aufgebracht
sagte er:
„Also, das
Brett hat sich ganz bestimmt nicht von allein zur Seite geschoben.“
Fatih sah ihn
eindringlich an.
„Denkst du
dasselbe wie ich?“
Yaman nickte.
„Ja, schon.
Aber wir haben keine Beweise.“
Beide sagten
fast gleichzeitig:
„Mert, dieser
Blödmann!“
„Komm, wir
müssen zuerst die Hühner finden“, sagte Yaman.
Gemeinsam
liefen sie ein gutes Stück auf den Wald zu
Plötzlich kam
ihnen Susan entgegen.
Auf ihrem Arm
trug sie ein Huhn, dessen Fuß sorgfältig verbunden war.
Yaman und
Fatih schauten sie erfreut und zugleich verwundert an.
Susan deutete
mit dem Daumen hinter sich.
„Vorne an der
Landstraße liefen die Hühner herum. Dieses hier hat sich anscheinend an Dornen
verletzt. Die anderen sind in meinem Auto. Ich habe sie einfach mitgenommen.“
Yaman trat
vor Freude auf sie zu und umarmte sie seitlich.
„Susan, du
bist … einfach unglaublich!“
Susan
lächelte.
„Na ja, wenn
man auf einem Bauernhof aufgewachsen ist …“
Die Hühner
wurden vorübergehend in einem Steinschuppen untergebracht. Yaman, Hasan und
Fatih errichteten zusätzlich einen stabilen Drahtzaun darum.
Später am
Abend saßen alle gemeinsam am langen Esstisch.
Yaman blickte
in die Runde.
„Darf ich
vorstellen? Das ist Susan. Sie ist Ärztin und arbeitet im neuen
Aksoy-Krankenhaus.“
Dann stellte
er die anderen vor.
„Das ist
meine Tante Melek, mein Onkel Hasan und seine Frau Debra. Fatih hast du ja
bereits kennengelernt.“
Dabei
zwinkerte er Fatih zu.
„Und das sind
Daniela und ihre Tante Leyla.“
Susan nickte
allen freundlich zu.
„Freut mich
sehr.“
Nach dem
Abendessen stand Yaman auf und gab Susan ein Zeichen.
„Komm, ich
zeige dir dein neues Reich.“
Nach wenigen
Minuten erreichten sie das kleine Häuschen.
Es war
schlicht, aber gemütlich und erst vor Kurzem von Yaman hellblau gestrichen
worden.
Susan gefiel
es auf Anhieb.
„Das schöne
Hellblau gefällt mir.“
Gemeinsam
gingen sie hinein.
„Oh, sogar
eine kleine Kochecke.“
Yaman nickte
erfreut.
„Dann wünsche
ich dir eine gute Nacht. Schlaf gut.“
Susan blickte
ihm nach, als er hinausging.
„Gute Nacht!“
Leicht wippte
sie auf den Zehenspitzen.
Alles
läuft schief
Mert hatte
schnell erfahren, dass der Plan nicht aufgegangen war.
Kadir, sein
Handlanger, erzählte:
„Susan, du
weißt schon, die neue Ärztin im Krankenhaus, hat ihm geholfen und die Hühner
eingesammelt.“
Mert
schnaufte wütend und fegte mehrere Gegenstände vom Sideboard.
Auch bei
Daniela lief es nicht gerade perfekt. Zwei Wochen harte Arbeit und zuletzt das
Olivenpflücken hatten ihr den Rest gegeben, obwohl ihr jeder davon abgeraten
hatte. Diese Arbeit bedeutete ständiges Bücken, belastete den Rücken, und die
Körbe waren viel zu schwer. Doch natürlich hatte Daniela sich nichts sagen
lassen und half nach einer Nacht mit Schmerztabletten vorne im Küchenbereich
wieder mit.
Daraufhin
tauchten Ali und sein Chauffeur Haluk wieder auf. Gemeinsam setzten sie sich
mit Yaman und Daniela zusammen.
Mit ernster
Mine sagte Ali:
„So geht das
nicht weiter! Daniela, du kommst sofort mit.“
Daniela stand
energisch auf.
„Das kommt
gar nicht infrage. Jetzt habe ich erst die Hälfte geschafft. Die letzten drei
Wochen schaffe ich auch noch.“
Yaman nickte mürrisch.
„Siehst du,
Ali Abi.“
In diesem
Moment kamen Onkel Hasan und dicht hinter ihm Fatih herbeigeeilt.
Hasan hob
verzweifelt die Hände.
„Yaman, wir
haben ein riesiges Problem! Das Lager platzt vor Erdbeeren. Wir müssen uns
etwas einfallen lassen, sonst verderben sie alle.“
Gemeinsam
schauten sie in das Lager. Tatsächlich war alles bis oben hin überfüllt.
„Was machen
wir nun?“, fragte Yaman.
Zusammen
gingen sie zurück zur Außenküchentheke und überlegten.
Da hob
Daniela plötzlich den Zeigefinger.
"Marmelade!"
Dabei zeigte
sie auf ihre Tante.
Leyla
lächelte.
„Genau! Ich
mache die beste Erdbeer-Orangen-Marmelade.“
Ali runzelte
die Stirn.
„Seid ihr
euch da sicher? Schafft ihr das?“
Auch Yaman
hob nachdenklich die Augenbrauen.
Leyla
verschwand hinter der Theke.
„Kommt,
fangen wir an!“
Tante Melek
winkte Debra herbei.
Sofort
machten sich alle an die Arbeit.
Leyla
lächelte in die Runde.
„Ich mache
meine berühmte Erdbeer-Orangen-Marmelade. Ihr habt doch sicher Orangen?“
Fatih nickte
eifrig.
„Wir haben
ein ganzes Orangenfeld. Ich kümmere mich sofort darum.“
Dabei gab er
Yaman einen Ellenbogenstoß und verschwand mit dem Traktor.
Ali und Haluk
bekamen trotz des ganzen Durcheinanders noch ihr Abendessen.
Ali lächelte
Melek dankbar an.
„Das wäre
doch nicht nötig gewesen. Vielen Dank!“
Melek
schmunzelte ihn nur an.
Nach dem
vorzüglichen Abendessen standen Ali und Haluk auf. Ali wollte nicht länger
stören und verabschiedete sich mit einem Handzeichen aus der Ferne.
„Das Essen
war ausgezeichnet. Vielen Dank noch einmal.“
Dann wandte
er sich an Daniela und Leyla.
„Passt gut
auf euch auf … und viel Glück.“
Anschließend
sagte er zu Daniela:
„Ich bin ein
paar Tage in München. Du kannst mich jederzeit auf dem Handy erreichen.“
Daniela
blickte kurz von ihrer Arbeit auf.
"Okay, Papalein."
Der
Verkauf
Nach drei
Tagen war nun auch der letzte Topfkessel abgefüllt.
Ein Pickup
war voll beladen mit Marmeladengläsern. Sorgfältig von Hand beschriftete
Etiketten zierten jedes einzelne Glas. Einige enthielten Erdbeermarmelade,
andere eine Erdbeer-Orangen-Marmelade.
In den
sozialen Medien hatten sie bereits Werbung gemacht. Nun ging es in die Stadt.
Daniela und
ihre Freundin Isabell waren etwas aufgeregt. Ob wohl alles klappen würde?
Der Verkauf
lief gut an.
Sogar auf
einer Fähre konnten sie einige Gläser verkaufen.
Sie fragten
in vielen Läden nach, handelten geschickt und verkauften ihre Marmelade. Bis
zum Abend hatten sie bereits mehr als die Hälfte geschafft und kehrten
zufrieden zum Bauernhof zurück.
Gemeinsam
wurden die übrigen Gläser wieder im Lager verstaut.
Daniela und
Isabell saßen müde beim Abendessen und stocherten nur noch lustlos in ihrem
Essen herum.
Tante Melek
gab Yaman mit ihren Augen ein Zeichen.
Yaman ließ es
sich nicht nehmen.
„Na, echte
Handarbeit und das Leben auf einem Bauernhof sind eben etwas anderes, als im
Büro zu telefonieren.“
Kaum hatte
Tante Melek ihm einen mahnenden Blick zugeworfen, fügte er schnell hinzu:
„Aber
Daniela, du hast das tatsächlich durchgezogen.“
In diesem
Moment kam Susan dazu.
Yaman winkte
sie sofort heran.
„Komm, setz
dich. Du hast bestimmt Hunger.“
Susan
zögerte.
„Es ist schon
spät. Ich bin bestimmt zu spät dran.“
Yaman
schüttelte den Kopf.
Noch bevor
Susan etwas sagen konnte, brachte Tante Melek ihr bereits einen Teller mit
warmem Essen.
„Hoffentlich
schmeckt es dir“, sagte sie freundlich.
Susan
lächelte.
„Das ist
einfach wunderbar.“
Dankbar
begann sie zu essen.
Nach und nach
standen alle auf und wünschten sich einen schönen Abend.
Nur Yaman
blieb noch bei Susan sitzen, während Tante Melek in der offenen Küche
verschwand, um aufzuräumen.
Die beiden
unterhielten sich noch eine Weile.
Als Susan
aufgegessen hatte, begleitete Yaman sie zu ihrem kleinen Häuschen.
Vor der Tür
blieben beide einen Moment unschlüssig stehen.
Yaman zeigte
mit der Hand auf das Häuschen.
„Hast du dich
schon schön eingerichtet?“
Susan nickte
lächelnd.
"Ja."
„Und hast du
dich schon eingelebt?“
„Ja, habe
ich. Es gefällt mir hier sehr gut.“
Yaman
lächelte.
Leise
murmelte er: „Also … gute Nacht.“ und ging langsam davon.
Susan blieb
noch einen Moment draußen stehen und schaute Yaman so lange nach, bis er verschwunden war.
Verkauf im
nächsten Stadtteil
Daniela und
Isabell hatten gemeinsam mit Fatih die restlichen Marmeladengläser auf den
Pickup geladen.
Gerade
wollten sich Daniela und Isabell ins Auto setzen, als Yaman mit einer riesigen
Kühlbox von der Seite kam. Er stellte sie auf die Ladefläche und stieg hinten
ein.
Daniela
blickte fragend nach hinten.
"Reichtum?"
Yaman
antwortete mürrisch:
„Ich muss zum
Fischerhafen. Ihr fahrt sowieso in die Richtung.“
Daniela
passte das irgendwie überhaupt nicht. Leise murmelte sie zwischen den Zähnen:
„Wie man
sieht.“
Schweigend
fuhren sie los.
Niemand
sprach während der Fahrt.
Heute führte
ihr Weg durch die Stadt in den nächsten Stadtteil. Schon nach kurzer Zeit fiel
ihnen auf, dass überall Schilder mit der Aufschrift Aksoy standen.
„Was ist
das?“, fragte Daniela.
„Das gehört
alles Mert“, antwortete Yaman kurz.
In der Nähe
des Hafens stieg Yaman aus. Er winkte einem Mann zu, der ihm einen Handwagen
brachte.
Daniela und
Isabell fuhren noch ein Stück weiter, bis sie einen geeigneten Parkplatz
fanden.
Mit einem
altmodischen Kinderwagen mit großen Rädern, den Tante Melek ihnen mitgegeben
hatte, zogen sie los. Darin standen die Marmeladengläser sorgfältig gestapelt.
Mal
verkauften sie mehr, mal weniger. Doch langsam leerte sich der Wagen.
Schließlich
kamen sie an einem Restaurant vorbei.
Mert bemerkte
die beiden sofort. Neben ihm stand wie immer sein Schatten Kadir.
Mit einem
schiefen Lächeln ging Mert auf sie zu.
„Daniela, was
machst du denn hier?“
Daniela
antwortete frech:
„Ich verkaufe
Marmelade. Siehst du doch.“
Mert hob das
Kinn.
„Und hast du
noch viele Gläser?“
Isabell
überschlug kurz.
„Bestimmt
noch über hundert Stück.“
Mert grinste.
„Die nehme
ich alle.“
Im ersten
Moment freute sich Daniela. Doch sofort stieg ein mulmiges Gefühl in ihr auf.
„Mach ich
nicht!“
Mert hob
überrascht die Augenbrauen.
„Was? Warum
denn nicht?“
„Ganz
einfach. Du willst bestimmt wieder etwas dafür von mir. Essen gehen, einen
Strandspaziergang oder so etwas ähnliches.
Mert grinste.
„Warum nicht?
Gute Idee.“
Daniela
wollte gerade mit ihrer Handtasche auf ihn losgehen.
Doch
plötzlich stand Yaman vor ihr. Er hatte die Szene schon von Weitem beobachtet.
Kadir zog
Mert sofort ein Stück zurück.
Mert schaute
verblüfft.
Isabell
blickte verwundert zwischen den beiden hin und her.
Daniela trat
dicht an Yaman heran, legte ihren Kopf an seine Schulter und flüsterte:
„Nicht
bewegen … bitte beschütze mich.“
Yaman war
zwar etwas irritiert, blieb aber ruhig und ging langsam mit ihr weiter.
Mert blickte
ihnen wütend hinterher.
Kadir schob
ihn zurück in sein Restaurant.
Drinnen ließ
Mert seinen Frust an seinem Personal aus.
Schließlich
schob Kadir ihn in sein Büro.
Wütend ließ
sich Mert in seinen breiten Lederstuhl fallen und schlug mit der Faust auf die
Tischplatte.
„Das gibt
Rache!“
Seine Augen
funkelten gefährlich.
Er leerte ein
Glas Whisky in einem Zug.
Kadir nahm
ihm das Glas aus der Hand.
„Mert, du
brauchst einen klaren Kopf. Wir brauchen einen neuen Plan.“
***
Später, auf
der Rückfahrt, fragte Yaman:
„Was war da
eigentlich los?“
Daniela
seufzte.
„Uff … das
ist schon lange her. Damals, während des Studiums, waren Mert und ich verliebt .
Aber er war viel zu besitzergreifend. Deshalb habe ich Schluss gemacht. Mert
hat das bis heute nicht begriffen.“
Yaman nickte.
„Ja, das
sieht ihm ähnlich.“
Isabell
wechselte das Thema.
„Gut, was
machen wir jetzt mit den restlichen Gläsern?“
Daniela
dachte kurz nach.
„Ich weiß
nicht. Wir haben inzwischen so viele Anfragen bekommen. Wir bräuchten einen …“
Beide sahen
sich an, zeigten mit den Zeigefingern aufeinander und wippten dabei grinsend
hin und her.
„… einen
Laden, wo die Kunden ihre Ware abholen können!“
Beide fingen
an zu kreischen und lachten.
Der Laden
Kurz vor dem
Bauernhof, dort, wo die Landstraße endete und in eine Kiesstraße überging, die
bereits von den ersten Baumgruppen gesäumt wurde, klopfte Daniela auf einmal
auf das Lenkrad.
„Ich hab's!
Genau hier, direkt vor der Einfahrt, machen wir einen Laden. Den können die
Kunden sofort erkennen.“
Alle stiegen
aus.
Begeistert
zeigte Daniela mit den Händen, wie sie sich alles vorstellte.
Yaman zog die
Augenbrauen hoch.
„Und woher
bekommst du den Holzladen?“
Daniela
antwortete entschlossen:
„Yaman, du
und Fatih könnt den doch bauen.“
Yaman
lächelte müde. Die harte Arbeit der letzten Tage steckte ihm noch in den
Knochen.
„Sicher,
sicher, Daniela. Darum musst du dich diesmal aber selbst kümmern. Ich muss
jetzt zu den Olivenfeldern und nachsehen, wie weit die Arbeiter sind.“
Er hob seine
große Kühlbox aus dem Pickup, stellte sie auf seinen Traktor und fuhr davon.
Daniela zog
sofort ihr Handy hervor.
„Papa, wie
geht es dir?“
Isabell sah
sie neugierig an.
„Und?“
Daniela
strahlte.
„Alles klar!“
Zwei Stunden
später stand der kleine Holzladen. In den Regalen standen Marmeladengläser,
Tomaten, Auberginen, Pflaumen, Orangen und weitere Produkte vom Bauernhof.
„So, los
geht's!“
Kurz darauf
ertönte ihr Handy.
Die
Adressdaten des Hofladens waren bereits verschickt.
Schon wenig
später trafen die ersten begeisterten Kunden ein.
Bis zum Abend
waren alle Waren ausverkauft.
Beim
gemeinsamen Abendessen lehnte sich Daniela stolz zurück.
„Ich habe
gewonnen. Na, Yaman? Jetzt sagst du nichts mehr.“
Tante Melek
schüttelte nur den Kopf.
Yaman sprang
wütend auf. Seine Augen funkelten.
„Na klar!
Wenn man nur Papa anrufen braucht! Du bist verwöhnt und verzogen. Was weißt du
schon davon, sich alles selbst aufzubauen?“
Tante Leyla
blickte schweigend auf die Tischplatte.
Yaman drehte
sich um und ging.
Auch Onkel
Hasan und Debra verließen schweigend den Tisch. Isabell folgte ihnen und ging
hinüber zum Wohnwagen.
Yaman stapfte
zu seinem Auto und fuhr aufgebracht davon.
Tante Melek
warf Daniela einen traurigen Blick zu.
„Yaman ist
seit dem Unfall seines Vaters nicht mehr derselbe. Er hat so hart gearbeitet,
um den Bauernhof aufzubauen.“
Daniela
senkte den Blick.
„Entschuldigung
…“
Tante Melek
sah sie ruhig an.
„Bei mir
brauchst du dich nicht zu entschuldigen, sondern bei Yaman.“
Langsam stand
Daniela auf.
Sie ging
hinüber zu den Ställen.
Alle Tiere
schliefen bereits. Nur das Pferd streckte neugierig den Kopf aus der Box.
Daniela trat
näher, streichelte ihm über den Kopf und sagte leise:
„Na, meine
Süße. War das alles wirklich so falsch von mir?“
Das Pferd
wieherte leise.
Erschrocken
zuckte Daniela zusammen.
Plötzlich
stand Yaman neben ihr. Mit einem Heuballen in der Hand verteilte er das Heu im
Futtertrog.
Ohne sie
anzusehen, sagte er:
„Du weißt es
nicht besser.“
Daniela
blickte ihm tief in die Augen.
„Entschuldigung,
Yaman. Habe ich dir irgendwas getan?“
Yaman schwieg
einen langen Moment.
Dann wich er
ihrem Blick aus.
„Es ist schon
spät.“
Daniela
streichelte noch einmal über den Kopf des Pferdes.
„Wie heißt
sie?“
„Lena“,
antwortete Yaman.
„Lena? Ist
das nicht ein deutscher Name?“
Yaman nickte.
„Lena war der
Name von Tolgas Mutter. Als sie starb, kaufte sein Vater ihm dieses Pferd,
damit er etwas Trost fand. Lena gehört meinem besten Freund Tolga. Eigentlich
ist er mehr als ein Freund – er ist wie ein Bruder. Wir sind zusammen
aufgewachsen und haben gemeinsam Agrarwirtschaft studiert. Seit Jahren habe ich
nichts mehr von ihm gehört. Er ist nach Amerika gegangen und wollte sich dort
etwas Eigenes aufbauen.“
Daniela war
verblüfft, dass Yaman ihr das alles erzählt hatte.
Nachdenklich
nickte sie.
Dann
verabschiedete sie sich gähnend und ging schlafen.
Einladung
zum Anwesen
Im
Außenbereich wurden Tische und Stühle zusammengestellt. Ali war mit seinem Chauffeur
Haluk gekommen. Alle saßen zufrieden beisammen und plauderten.
„Morgen lade
ich euch auf mein Anwesen ein. Eine kleine Feier auf euren Erfolg.“
Dabei
lächelte er Daniela und Isabell entgegen und nickte Yaman anerkennend zu.
„Gut, gut“,
stimmte Melek zu, und die anderen nickten lächelnd.
Nach und nach
löste sich die Runde auf.
Spät am Abend
gingen Ali und Melek gemeinsam den langen Holzweg hinunter zum Meer. Am Anfang
des Holzsteges setzten sie sich. Ihre Füße hingen frei über dem Meer.
Ali sprach
leise:
„Ich hatte
ein wenig Angst vor dieser Begegnung.“
Melek drehte
ihr Gesicht leicht zur Seite.
„Doch, doch.
Vor der früheren Melek vielleicht.“
Ali schwieg
und blickte hinaus aufs Meer.
Enttäuscht
fragte Melek ruhig:
„Warum? Warum
hast du das gemacht? Ich habe so lange auf dich gewartet. Du bist nie
zurückgekommen. Anscheinend hast du mich vergessen … und dann hast du auch noch
geheiratet.“
Ali stand
langsam auf, trat vor Melek und kniete sich vor sie.
Mit einem
ehrlichen, verzweifelten Blick sagte er:
„Weil
Menschen Fehler machen. Ich habe einen Fehler gemacht. Weil ich mich falsch
entschieden habe.“
Melek sah ihm
lange in die Augen.
Schließlich
nickte sie.
„Gut. Lassen
wir die Vergangenheit ruhen.“
Sie stand
auf, und beide gingen langsam nebeneinander zurück.
Unterwegs
blieb Ali stehen und ließ seinen Blick über die vielen Melonenlampen schweifen.
„Das habt ihr
schön gemacht mit der Beleuchtung.“
Melek
lächelte leicht.
„Das war
alles Yamans Werk.“
Anerkennend
nickte Ali, und gemeinsam gingen sie den Weg weiter zurück.
Beim
Anwesen
Rund um das
Anwesen standen viele Defneağacı. (Lorbeerbäume)
Vor der
Villa, die Ali einst gemeinsam mit seinem Vater restauriert hatte, trafen sich
alle. Vor dem Pool stand ein langer, weiß gedeckter Tisch. Dort warteten
bereits Ali, seine Tochter Daniela, Isabell und Leyla, die seit dem Vortag
ebenfalls da war.
Ali breitete
die Arme aus.
„Es freut
mich, dass ihr gekommen seid.“
Debra machte
große Augen.
„Wirklich
wunderschön haben Sie es hier, Herr Ali Bey. Und draußen die vielen Defneağacı – die mögen Sie wohl besonders.“
Onkel Hasan
platzte unüberlegt heraus:
„Ja, Melek
liebt Defneağacı auch.“
Melek zuckte
leicht zusammen und drehte sich mit einem verlegenen Lächeln zur Seite.
Schnell
setzte sie sich neben Yaman. Haluk saß bereits am Tisch.
Alle nahmen
Platz und genossen auf ihre Weise die besondere Atmosphäre.
Beim
Nachtisch konnte Debra sich nicht mehr zurückhalten.
„Wirklich
wunderschön ist es hier. Wie in einem Traum. Was für ein besonderer Ort.“
Ali lächelte
traurig.
„Ja … das hat
mein Vater auch immer gesagt.“
***
Unterdessen
wollte Mert seinen Plan, Yaman und seinem Bauernhof zu schaden, in die Tat
umsetzen.
„Kadir, du
weißt Bescheid.“
Kadir grinste
schief.
„Strom
abschalten. Ohne Strom bekommen sie Probleme.“
Beide lachten
hämisch.
„Du weißt, wo
der letzte Strommast hinter den Olivenfeldern steht. Er steht auf seinem
Grundstück. Dort kommt niemand vorbei“, sagte Mert hinterhältig grinsend.
„Mach die
Sicherung kaputt.“
Kadir nickte
gierig.
Vor Ort
kletterte er auf den Strommast. Es war stockdunkel. Seine Taschenlampe
flackerte ständig, und außerdem hatte er keine Ahnung. Brummelnd tastete und
klopfte er am Schaltkasten herum.
„Wo ist denn
diese verdammte Sicherung?“
Plötzlich
entdeckte er einen Hebel.
„Ah! Ein
Hebel. Super!“
Er legte ihn
um.
Ein lautes
Klacken war zu hören.
Zufrieden
grinste Kadir.
„Geschafft!“
Wenig später
traf er wieder bei Mert ein.
„Mert,
erledigt!“
Mert rieb
sich zufrieden die Hände.
***
Auf dem
Anwesen war es inzwischen still geworden.
Daniela blieb
noch zwei Wochen auf dem Bauernhof. So hatten sie es gemeinsam beschlossen. In
dieser Zeit sollte sie im Küchenbereich oder im Hofladen mitarbeiten.
Damit waren
alle einverstanden.
Am frühen
Morgen
Melek und Yaman suchten nach der Ursache,
warum es keinen Strom gab. Auch die Gäste standen unruhig vor dem Küchenhaus
und fragten nach.
Onkel Hasan kam angelaufen.
„Ich habe schon bei der Stromversorgung
angerufen. Von deren Seite ist alles in Ordnung. Das Problem liegt anscheinend
bei uns.“
Debra, die gerade im Küchenbereich das
Frühstück vorbereitete, schüttelte den Kopf.
„Gut, dass wir hier einen Gasherd haben.“
Yaman und Melek sahen sich fragend an.
Susan kam dazu, sah die fragenden Gesichter
und bemerkte sofort, dass alle nervös waren.
„Was ist los?“
Yaman antwortete knapp:
„Wir haben keinen Strom. Die
Versorgungsstelle sagt, von ihrer Seite gäbe es keine Probleme.“
Susan nahm zwei Frühstücksteller und setzte
sich.
„Komm, Yaman. Mit leerem Magen lässt es sich
schlecht denken.“
Yaman trank nachdenklich seinen Tee.
Susan fragte:
„Habt ihr keinen Strommast in der Nähe?“
Da fiel es Yaman plötzlich ein.
„Doch! Der Strommast hinter den
Olivenfeldern. Es gibt zwar einen Weg dorthin, aber der gehört zu unserem
Grundstück. Da kommt normalerweise niemand hin.“
Susan sprang auf, stellte die Teller an die
Außentheke und drehte sich zu Yaman um.
„Okay, komm. Ich begleite dich.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, lief sie
voraus in Richtung Traktor. Yaman folgte ihr.
Schweigend fuhren sie zu den Olivenfeldern.
Vor dem Feld hielt Yaman an.
„Wir müssen zu Fuß weiter. Der Weg kommt erst
weiter vorne und ist kaum noch zu erkennen.“
Gemeinsam gingen sie durch das Feld.
Eine ganze Weile liefen sie schweigend, bis
Susan leise sagte:
„Diese Olivenbäume erinnern mich an meine Oma
und ihren Bauernhof. Sie hat mich großgezogen.“
Yaman sah sie lange an.
„Tante Melek hat sich um mich gekümmert. Mein
Vater ist mit seinem besten Freund bei einem Autounfall gestorben. Sein Sohn
Tolga war wie ein Bruder für mich. Wir sind hier zusammen aufgewachsen. Das ist
alles schon lange her.“
Er schwieg kurz.
„Tolga ist nach Amerika gegangen. Seitdem
habe ich nichts mehr von ihm gehört.“
Eine Weile sagten beide nichts.
Dann nahm Susan Yamans Hand und drückte sie
tröstend. Yaman ließ ihre Hand nicht mehr los.
So gingen sie wie selbstverständlich Hand in
Hand weiter.
Endlich erreichten sie den Strommast.
Susan löste ihre Hand aus seiner, kletterte
hinauf und überprüfte den Kasten. Sie erkannte sofort die Ursache und legte den
Hebel wieder um.
Im Inneren entdeckte sie an der Seite Kratzer
und Schrammen.
Als Susan wieder herunterkam, sagte sie:
„Jemand war hier.“
Yaman ballte seine Faust.
„Ich kann mir schon denken, wer das war.
Mert!“
Kurz sahen sie sich an.
Dann gingen sie gemeinsam Hand in Hand
zurück.
Kurz bevor sie den Traktor erreichten, blieb
Susan stehen. Sie blickte auf ihre Hände und sah anschließend Yaman an.
Vorsichtig sagte sie:
„Yaman, du solltest das zwischen dir und
Daniela aufklären.“
Yaman fuhr sich mit der Hand über den Nacken.
„Oder es soll einfach so bleiben, wie es
ist.“
Schweigend gingen sie weiter.
Am Bauernhof angekommen, hob Yaman Susan vom
Traktor herunter. Dabei standen sie so dicht beieinander, dass sich ihre
kleinen Finger berührten.
Melek kam ihnen entgegen.
„Und? Was war los? Ist alles wieder in
Ordnung?“
Yaman nickte.
„Alles ist wieder in Ordnung.“
Susan trat nach vorne.
„Ich kenne jemanden bei der Stromversorgung.
Sie ist mir noch etwas schuldig.“
Alle waren erleichtert und gingen wieder
ihrer Arbeit nach.
***
Am Abend nach dem Essen suchten sich die
beiden immer wieder verstohlene Blicke.
Niemand schien es zu bemerken, denn am
Frühstückshaus war dank Daniela viel Betrieb. Viele Besucher waren gekommen und
neue Gäste eingetroffen.
Melek, Debra, Leyla und Daniela wechselten
sich ab, um die Gäste zu bewirten.
Hasan stellte zusätzlich noch Strohschirme
auf und setzte sich später zufrieden hin, um das Geschehen zu beobachten.
Susan stand langsam auf.
Yaman folgte ihr.
„Komm, ich begleite dich.“
Er lächelte ihr entgegen.
Am kleinen Häuschen angekommen, berührten
sich ihre kleinen Finger.
Susan flüsterte leise:
"Reichtum..."
Ruhig.
Yaman trat näher, strich ihr sanft über die
Haare, blickte ihr in die Augen und flüsterte:
„Susan, ich bin verliebt in dich.“
Susan hauchte:
„Ich auch.“
Ihr Herz fühlte sich an, als würde es ihr bis
zur Zunge schlagen. Schnell legte sie ihren Kopf an Yamans Schulter.
Dort standen sie nun. Es schien wie eine
Ewigkeit.
***
Am nächsten Morgen kam Susan mit winkendem
Handy schnellen Schrittes auf sie zu.
„Alles erledigt! Morgen kommt ein Mitarbeiter
und nimmt den Strommast offiziell auf. Er bekommt eine Nummer und wird
eingetragen.“
Sie hob einen Finger.
„Das Einzige ist: Der Weg dorthin muss
freigemacht werden.“
Yaman strahlte Susan an und blickte dann in
die Runde.
„Kein Problem. Das wird erledigt.“
„Komm her und frühstücke mit uns“, winkte
Yaman Susan zu.
Susan überlegte kurz.
„Okay, aber nur kurz. Ich muss danach noch
zur Arbeit.“
Sie setzte sich zu den anderen.
Alle waren da: Tante Melek, Fatih, Onkel
Hasan, Tante Debra, Daniela, Isabell, Leyla, Ali und Haluk saßen gemütlich
zusammen und genossen das Frühstück.
Bevor das Frühstück beendet war, nahm Yaman
Susans Hand und sah sie sanft an.
Jeder bemerkte es.
Fatih nickte Yaman mild lächelnd zu.
Niemand sagte etwas. Alle lächelten nur und
gingen ohne Worte.
Auch Yaman und Susan verließen schweigend den
Tisch.
Bei Mert's
In seinem Büro in der Stadt kochte Mert vor
Wut.
Sein Gesicht war hochrot. Wütend warf er
Dartpfeile auf die Dartscheibe. Auch andere Gegenstände waren vor seinem Zorn
nicht sicher.
Kadir stand hinter ihm und sagte:
„Vielleicht sollten wir erst einmal etwas
Zeit verstreichen lassen.“
Mert drehte einen Dartpfeil gefährlich
zwischen seinen Fingern und fauchte bedrohlich:
„Das weiß ich auch! Das weiß ich auch!“
Ein weiterer Pfeil flog durch den Raum.
„Der nächste Plan muss sitzen.“
Beide blickten sich verschwörerisch an und
lächelten überlegen.
Neuanfänge
Daniela und Isabell saßen vor dem Wohnwagen.
Isabell bemerkte:
„Hast du gesehen? Yaman und Susan.“
Daniela zuckte nur mit den Schultern.
Eine Überraschung bahnte sich an.
Yamans Handy klingelte.
„Yaman, Bauernhof am Horizont. Guten Tag.“
Aus dem Hörer erklang eine freundliche Stimme.
„Hallo. Ich habe aus den Medien erfahren, dass es einen
Paradies-Bauernhof gibt. Genau das Richtige, um mich von meinem
Auslandsaufenthalt zu erholen.“
Yaman schmunzelte.
Daniela hatte wohl ganz schön Werbung gemacht.
„Mmh. Mmh. Im Moment sind wir leider ausgebucht. Ich könnte
Ihnen nur noch einen Wohnwagen anbieten. Auf welchen Namen?“
Aus dem Hörer ertönte ein Lachen.
„Na, für Bruder Tolga.“
Yaman hielt überrascht inne.
„Was? Tolga? Du?“
„Genau. Ich komme heute vorbei.“
Ungläubig legte Yaman auf und lief sofort zu Tante Melek.
Schon von Weitem rief er:
„Tante Melek! Weißt du, wer nach all den Jahren kommt?“
Melek drehte sich um.
"Tolga!"
Überrascht lächelte sie.
„Es wird höchste Zeit. Er soll kommen.“
Vor Freude umarmten sich Yaman und Tante Melek.
Spät am Abend war das Abendessen längst beendet.
Gemütlich saßen alle beisammen.
Daniela und Isabell blätterten auf ihren Handys durch die
neuesten Modetrends.
Yaman und Susan ließen ihre Blicke füreinander sprechen.
Hasan und Debra genossen die bequemen Stühle, während Melek
und Leyla sich über neue Kochrezepte unterhielten.
Plötzlich waren dumpfe Schritte zu hören.
„Hallo!“
Yaman drehte sofort den Kopf, drückte Susan kurz die Hand,
sprang auf und schloss Tolga fest in die Arme.
Kurz darauf kamen auch Melek, Fatih, Hasan und Debra dazu
und begrüßten Tolga herzlich.
Gerührt wischte sich Tolga eine Träne aus dem Gesicht.
„Gut, gut … lasst mir erst einmal etwas Luft.“
Langsam ließen ihn alle wieder los.
Auch Yaman wischte sich die Tränen aus den Augen.
Dann stellte er Tolga den anderen vor.
Als Tolga Daniela sah, lächelte er.
„Oh, sehr erfreut, meine Süße.“
Daniela warf Isabell einen kurzen Blick zu, schüttelte
leicht den Kopf und verabschiedete sich wenig später.
„Gute Nacht“, nickten sie allen zu.
Yaman räusperte sich.
„Es ist schon spät. Ich zeige dir deinen Wohnwagen.“
Nachdem Yaman Tolga alles gezeigt und erklärt hatte, ging er
kurze Zeit später zu Susans kleinem Häuschen
Draußen saßen sie gemeinsam auf der alten, geborstenen
Holzbank, lehnten sich aneinander und genossen schweigend ihre gemeinsame Zeit.
Tolga-Typ
Tolga lehnte lässig an seinem Wohnwagen. Er trug ein
Achselshirt und eine typisch amerikanische, bunt gemusterte Sommerhose. Seine
dunkelblonden, kurzen Wuschelhaare standen leicht zerzaust ab. Groß und schlank
summte er mit amerikanischem Akzent ein türkisches Liebeslied vor sich hin.
Ein leises Klopfen war zu hören.
Tante Melek brachte ihm das Frühstück.
„Danke, Tante Melek.“
Tolga nahm das Tablett entgegen und stellte es auf den
kleinen Klapptisch.
Melek umarmte ihn herzlich.
„Ich freue mich so, dass du da bist. Bleibst du länger?“
Tolga lächelte verschmitzt.
„Es wird wohl ein längerer Aufenthalt werden.“
„Na, dann komm erst einmal richtig an. Ich freue mich, dass
du da bist.“
Strahlend sah sie ihn an und ging wieder.
Am späten Nachmittag ging Tolga den Holzweg hinunter in
Richtung Steg.
Als er an Danielas Wohnwagen vorbeikam, entdeckte er sie.
Unter einem Sonnenschirm lag sie auf einem Klappliegestuhl.
Eine Sonnenbrille verdeckte ihre Augen. Ihre langen dunkelbraunen Haare fielen
offen über ihre Schultern. Sie trug ein kurzes orangefarbenes Oberteil und eine
kurze Hose.
Tolga blieb direkt vor ihr stehen.
„Oh, meine Süße … Daniela.“
Daniela schob die Sonnenbrille hoch.
„Gehst du nicht ins Meer? Herrliches Wetter heute.“
Sie blinzelte gegen die Sonne.
„Mir ist das Wasser zu nass.“
Tolga lachte.
„Ach so. Prinzessin will ihre Haare nicht nass machen.“
Mit einem breiten Grinsen fragte er:
„Wo ist eigentlich deine hübsche Begleitung?“
Daniela zog die Sonnenbrille wieder auf die Nase.
„Isabell? Die ist shoppen.“
Tolga ging weiter zum Steg.
Er zog seine Sommerhose aus. Darunter trug er bereits eine
Badeshorts. Das Achselshirt ließ er an.
Er suchte sich eine geeignete Stelle und sprang mit einem
Satz ins Meer.
Insgeheim wusste er, dass Daniela ihn beobachtete.
Mit kräftigen, eleganten Zügen schwamm er zum Anfang des
Steges zurück.
„Das ist gar keine schlechte Idee mit dem Shoppen. Daniela,
dann kannst du dir gleich einen Bikini kaufen und mit mir schwimmen gehen.“
Daniela sprang von der Liege auf.
Neben dem Steg stand ein Eimer.
Kurzerhand füllte sie ihn mit Wasser und schüttete den
Inhalt über Tolgas Kopf.
Zuerst prustete er.
Dann fing er laut an zu lachen.
Mit einer schnellen Bewegung strich er sich das Wasser aus
dem Gesicht, sprang auf den Holzsteg und blieb direkt vor Daniela stehen.
Sein nasses Achselshirt klebte an seinem muskulösen
Oberkörper.
Nur wenige Zentimeter trennten die beiden.
Erschrocken machte Daniela einen Schritt zurück, um nicht
noch nasser zu werden.
Für einen kurzen Moment stockte ihr der Atem.
Tolgas sportliche Erscheinung ließ sie sprachlos werden.
Tolga genoss den Augenblick, ließ sich jedoch nichts
anmerken.
Mit einem verschmitzten Grinsen hob er seine Sommerhose auf.
„Wir sehen uns bestimmt noch.“
Dann ging er langsam zurück zu seinem Wohnwagen.
Der
besondere Abend
Yaman stellte sich das Abendessen auf einem
Tablett zusammen und eilte damit zu Susan.
Als Susan Yaman mit dem Tablett kommen sah,
rückte sie den kleinen Klapptisch zurecht.
Sie setzten sich.
Wie von selbst berührten sich ihre kleinen
Finger.
Sie sprachen nicht viel.
Nach dem Essen bat Yaman Susan, ihn zum Stall
zu begleiten. Er winkelte seinen Ellbogen an, und Susan hakte sich lächelnd bei
ihm unter. Zärtlich legte sie ihren Kopf an seine breite Schulter.
Am Stall angekommen, führte Yaman die Stute
Lena vorsichtig aus der Box. Er legte ihr eine Pferdedecke auf, holte einen
Hocker und stieg hinauf.
Susan machte es ihm nach.
Yaman reichte ihr die Hand und zog sie
behutsam zu sich nach oben.
Langsam führte Yaman die Stute über einen
langen, schmalen Weg. Nach einiger Zeit erreichten sie einen uralten
Lindenbaum. Ringsherum war nichts als eine weite Wiese.
Yaman stieg ab und half Susan vom Pferd.
Gemeinsam gingen sie auf den alten Lindenbaum
zu.
Jetzt erst bemerkte Susan die vielen kleinen
Metallherzen, die an den Ästen hingen.
Ihr Blick traf sofort Yaman.
In seiner Hand hielt er ein kleines Herz.
Fast flüsternd sagte er:
„Das ist ein Liebesbaum.“
Behutsam zog er Susan an sich.
Einen langen Augenblick sahen sie sich tief
in die Augen.
Dann küsste Yaman sie – lange und zärtlich.
Überglücklich lächelte Susan ihn an.
Yaman legte ihr das kleine Metallherz in die
Hand.
Darauf standen ihre beiden Namen.
Vor Rührung lief Susan eine Träne über die
Wange.
Yaman gab ihr einen sanften Kuss auf die
Augen und sagte leise:
„Du hängst das Herz auf. Such dir einen
schönen Platz aus.“
Nach einer Weile befestigte Susan das Herz an
einem Ast.
Beide legten ihre Hände darauf.
Susan küsste das Herz.
Yaman machte es ihr lächelnd nach.
Dann gab Susan Yaman ein Küsschen auf die
Wange.
Yaman erwiderte es auf traditionelle Weise
mit einem Kuss auf ihre Stirn.
Hand in Hand gingen sie zur Stute.
Yaman half Susan hinauf und stieg
anschließend hinter ihr auf den Rücken des Pferdes.
So ruhig und behutsam, wie sie gekommen
waren, ritten sie gemeinsam wieder zurück.
Entscheidungen
Mert stand in seinem Büro und strahlte
siegessicher.
Kadir kam zur Tür herein und bemerkte sofort
sein Grinsen.
„Mert, du hast einen Plan!“
Mert zog die Schultern selbstsicher hoch.
„Ich werde Yamans Fischerkutter in die Luft
jagen.“
Dabei hielt er eine geschützte Box in den
Händen. Vorsichtig öffnete er sie. Darin befand sich ein spezieller Sprengstab.
Kadir wurde kreidebleich.
„Bist du verrückt geworden? Damit kannst du
dich selbst in die Luft jagen! Das ist lebensgefährlich.“
„Mert! Lass die Finger davon!“, schrie Kadir.
Mert schloss die Box wieder sorgfältig und
sperrte sie in den Tresor.
An Kadir vorbeigehend drängte er ihn leicht
zur Seite.
„Dann eben nicht.“
Doch als er das Büro verließ, huschte ein
hämisches Grinsen über sein Gesicht.
Entscheidungen
treffen
Susan war gerade vom Krankenhaus auf dem
Bauernhof angekommen. Sie hatte einen Entschluss gefasst und ging zielstrebig
zu Danielas Wohnwagen.
Daniela und Isabell saßen auf ihren
Liegestühlen unter dem großen weißen Sonnenschirm.
Als Susan bei ihnen ankam, begrüßte sie
beide.
„Daniela, ich möchte etwas Wichtiges mit dir
klären.“
Daniela nahm Isabell an.
Isabell stand auf.
„Dann gehe ich solange ...“
Susan räusperte sich.
„Das betrifft dich auch.“
Jetzt war das Interesse der beiden geweckt.
Fragend sahen sie Susan an.
Susan erzählte ihnen kurz und ohne Umschweife
von damals und weshalb Yaman bis heute so verletzt war.
Betreten blickten Daniela und Isabell zu
Boden.
Isabell sagte leise:
„Warum nur Daniela? Ich bin genauso schuld.“
Susan schüttelte den Kopf.
„Weil Daniela seine Akte vernichtet hat.“
Daniela hob erschrocken die Hand.
„Abgelehnte Akten wurden bei uns doch immer
in der Personalmappe abgelegt.“
Sie wurde ganz blass.
„Verdammt!“
Susan nickte.
„Ihr beide solltet euch bei Yaman
entschuldigen.“
Dann ging sie weiter.
Daniela blieb nachdenklich zurück.
„Wie mache ich das nur? Wie entschuldige ich
mich?“, fragte sie leise.
Nach einer ganzen Weile des Grübelns stand
Isabell langsam auf und packte ihre Strandtasche.
„Kommst du mit? Ich gehe zum Strand hinunter.
Den Kopf frei bekommen.“
Daniela schüttelte den Kopf.
„Nö. Ich gehe noch etwas spazieren.“
Dabei kam sie an Tolgas Wohnwagen vorbei.
Wie immer lümmelte Tolga ganz entspannt in
seinem Klappstuhl. Die Beine hatte er auf eine kleine Obstkiste gelegt.
Daniela blieb stehen.
„So sorglos wie du würde ich auch gern
dasitzen.“
Tolga sah sie einen Moment aufmerksam an.
„Dann komm. Setz dich.“
Er rückte einen zweiten Klappstuhl zurecht.
Daniela wusste selbst nicht, warum, doch sie
setzte sich.
Tolga ging in den Wohnwagen und kam kurz
darauf mit einer kalten Limonade zurück.
Er drückte ihr ein Glas in die Hand.
„Hausgemacht.“
Grinsend setzte er sich wieder.
„Was ist los?“, fragte er sanft.
Daniela schwieg lange.
Nachdenklich nippte sie an der kühlen
Limonade.
Tolga nickte ihr aufmunternd zu.
Schließlich holte Daniela tief Luft.
Dann sprudelte alles aus ihr heraus.
Sie blickte auf den Boden.
Tolga hob ihr sanft das Kinn an.
„Du bist nicht mehr die Daniela von damals.
Du hast gesehen und gespürt, wie hart die Arbeit hier ist. Mit deinen eigenen
Händen hast du mit angepackt.“
Er lächelte.
„Das gehört bereinigt. Entschuldige dich bei
Yaman.“
Daniela blickte entschlossen auf.
„Ja. Das werde ich heute noch machen.“
„Ich komme mit.“
Gemeinsam gingen sie schweigend den Holzweg
Richtung Steg entlang.
Yaman bereitete dort gerade seine Angelsachen
vor.
„Yaman!“, rief Daniela und winkte dabei.
Yaman blickte auf.
Dann erkannte er Tolga.
Dieser nickte ihm nur ruhig zu.
Tolga blieb bewusst im Hintergrund stehen.
Daniela ging allein weiter.
Yaman saß inzwischen am Rand des Stegs. Seine
Füße hingen über dem Wasser.
Daniela setzte sich im Schneidersitz neben
Yaman auf den Steg.
Eine Weile schwiegen beide.
Dann begann sie leise:
„Yaman ... ich muss etwas mit dir
bereinigen.“
Ihre Blicke trafen sich.
„Wegen damals ... im Unternehmen. Ich kann
mich wieder daran erinnern.“
Yamans Augen wurden groß. Aber er schwieg.
„Deine Akte wurde nie geschreddert. Das war
die alte Daniela.“
Sie legte eine Hand auf ihr Herz und streckte
ihm die andere entgegen.
„Entschuldige, Yaman. Es tut mir von Herzen
leid. Kannst du mir verzeihen?“
Ihre Stimme zitterte.
Yaman stand langsam auf.
Sein Blick wanderte hinüber zu Tolga.
Tolga nickte ihm nur still zu.
Dann machte Yaman einen Schritt auf Daniela
zu.
Auch sie stand auf.
Schweigend nahmen sie sich in die Arme.
Als sie sich wieder voneinander lösten,
wischten sich beide verstohlen die Tränen aus dem Gesicht.
Isabell, die alles vom Strand aus beobachtet
hatte, kam zu ihnen gelaufen.
Vor Yaman blieb sie stehen und streckte ihm
ernst die Hand entgegen.
„Yaman ... entschuldige bitte auch mich.“
Yaman nahm ihre Entschuldigung an.
Verlegen griff er sich in den Nacken und
blickte zu Tolga hinüber.
„Gut ... dann sind wir Freunde.“
Daniela und Isabell sahen sich kurz an und
sprangen gleichzeitig leicht in die Höhe.
„Freunde!“
Jetzt stand auch Tolga bei ihnen.
Lächelnd griffen sich Yaman und Tolga
gegenseitig freundschaftlich in den Nacken.
Überraschung
für Melek
Ali hatte eine Überraschung für Melek
vorbereitet.
Schick angezogen lud er sie zu einem Treffen
ein.
Sein Chauffeur Haluk holte Melek ab und
brachte sie zu ihrem Lieblingsplatz – einer abgelegenen Wiese.
Unter dem Schatten einiger Bäume wartete Ali
bereits mit einem überdimensionalen Blumenstrauß.
Haluk hielt an, stieg aus und öffnete Melek
die hintere Wagentür.
Sie stieg aus und schüttelte leicht den Kopf.
Ali gab Haluk ein Zeichen.
Dieser verschwand hinter der Biegung der
Kiesstraße.
Ali lächelte.
„Vielleicht können wir Freunde sein.“
Melek blickte mit großen Augen auf den
riesigen Blumenstrauß.
„Ali … du weißt, dass wir einmal mehr als
Freunde waren.“
Ali hatte den Blumenstrauß inzwischen auf die
Motorhaube gelegt.
Dann holte er hinter seinem Rücken einen
kleinen Blumenstock mit Meleks Lieblingsblumen hervor und sah sie liebevoll an.
Melek lächelte verlegen.
„Gut. Dann versuchen wir es noch einmal von
vorne.“
Ali atmete erleichtert auf und überreichte
ihr den Blumenstock.
Ein schöner
Abend
Heute war ein besonders heißer Tag gewesen.
Gemeinsam saßen Tante Melek, Fatih, Tante
Debra, Onkel Hasan, Daniela, Isabell, Yaman und Susan nach dem Abendessen müde,
aber entspannt am Esstisch zusammen.
Yaman nahm Susans Hand, blickte in die Runde
und sagte mit ruhiger Stimme:
„Susan und ich werden uns verloben.“
Mit klopfendem Herzen sahen sich Yaman und
Susan an.
Yaman holte einen schlichten, schönen Ring
hervor und steckte ihn Susan an den Ringfinger.
Anschließend gab er ihr einen zärtlichen Kuss
auf die Stirn.
Beide umarmten sich innig.
Ringsum lächelten alle schweigend und
gerührt.
Später am Abend begleitete Yaman Susan zu
ihrem kleinen Häuschen.
Vor der Tür blieben beide stehen.
Yaman lächelte erleichtert.
Susan bemerkte es sofort.
„Yaman, du lächelst heute so befreit.“
Yaman erzählte ihr, dass Daniela sich von
Herzen bei ihm entschuldigt hatte.
Susan freute sich für ihn.
„Komm, wir setzen uns noch in unsere
gemütliche Ecke.“
Als sie dort saßen, küssten sie sich
leidenschaftlich.
Kopf an Kopf aneinandergelehnt schliefen sie
schließlich ein.
Tief in der Nacht
Mert war mit seiner Yacht allein unterwegs.
Den gefährlichen Sprengkörper hatte er in der geschützten Box mit dabei.
Im Schneckentempo und fast lautlos steuerte
er seine Yacht auf die andere Seite des Hafens, dort, wo Yamans Fischkutter
lag.
Als er nah genug heran war, holte er die Box
hervor.
Vorsichtig nahm er den gefährlichen
Spezialsprengstab heraus und murmelte:
„Daran ziehen … und zielen.“
Ungeschickt hantierte Mert damit herum.
Hastig zog er daran.
Erst im nächsten Sekundenbruchteil warf er
ihn.
Zu spät.
Ein dumpfer Wumms.
Ein greller Lichtblitz.
Dann war alles vorbei.
Von der Yacht war nichts mehr zu sehen.
Die Hafenpolizei rückte sofort aus.
Doch in der Dunkelheit konnten die Taucher
nichts entdecken.
Außer einigen Trümmerteilen war nichts zu
finden.
Der Tag danach
Am nächsten Tag führten Hafenpolizei und
Polizei ihre Befragungen durch und suchten auch Yaman auf dem Bauernhof auf.
Es lag der Verdacht nahe, dass Mert Aksoy
einen Anschlag auf Yamans Fischkutter geplant hatte.
„Hat Mert Aksoy Ihnen jemals gedroht?“,
fragte der Hauptkommissar.
Yaman erzählte den gesamten Vorfall.
„Beweise hatten wir allerdings nie. Er wollte
unseren Bauernhof und auch das Anwesen unbedingt kaufen.“
Nachdenklich fragte Yaman:
„Was ist eigentlich mit seinem Helfer Kadir?“
Der Hauptkommissar schüttelte den Kopf.
„Bisher konnte weder Merts Leiche noch die
seines Helfers gefunden werden.“
In diesem Moment klingelte das Handy des
Hauptkommissars.
Er trat einige Schritte zur Seite und nahm
den Anruf entgegen.
Als er zurückkam, sagte er:
„Mert Aksoy ist tot. Sein Handlanger ist
geflohen. Der Tresor stand offen, und sämtliche Konten wurden leergeräumt. Um
den Rest wird sich Interpol kümmern.“
Susan, die gerade dazugekommen war, fragte
besorgt:
„Was passiert jetzt mit dem Krankenhaus?“
Der Hauptkommissar beruhigte sie.
„Darum wird sich die Gemeinde kümmern.“
Er gab seinen Kollegen ein Zeichen zum
Aufbruch.
Hafenpolizei und Polizei stiegen wieder in
ihre Dienstwagen und fuhren davon.
Yaman blickte ihnen lange nach.
„Dann wird es hier wohl endlich etwas ruhiger
werden.“
Die Anwesenden blickten sich an und atmeten
erleichtert auf.
Herzen der Liebe
Yaman und Tolga schlenderten am Strand
entlang und ließen sich die Füße vom Wasser umspülen.
Herzlich scherzten sie miteinander.
Nach einer Weile wurde Yaman nachdenklich.
„Bleibst du jetzt hier, Tolga?“
Tolga hob einen Stein vom Strand auf und warf
ihn weit hinaus ins Meer.
Dann blickte er Yaman an.
„Ich bin zurückgekommen. Ich bin inzwischen
Teilhaber meines eigenen Unternehmens in Amerika.“
Er schaute aufs Meer hinaus.
„Das Leben ist voller Überraschungen. Yaman …
mich hat die Liebe voll getroffen. Daniela lässt mein Herz schneller schlagen.“
Yaman lächelte.
Gemeinsam blickten sie aufs Meer hinaus.
„Gegen die wahre Liebe ist man machtlos.“
Mit einem verträumten Lächeln stupsten sie
sich gegenseitig leicht mit den Schultern an.
Oben auf dem Weg lief Fatih vorbei.
Yaman rief hinauf:
„Fatih, wohin so eilig?“
„Yaman, du weißt doch – Fischzeit!“
Schon lief Fatih weiter.

Nächsten Tag
„Guten Morgen!“, trällerte Tolga.
Daniela lag gerade entspannt in ihrer
Hängeliege.
Sie blinzelte ihn an.
„Was heißt hier guten Morgen? Es ist schon
Nachmittag.“
Tolga schmunzelte.
„Wo ist denn deine hübsche Begleitung?“
„Isabell ist im Hofladen. Ich war heute
Vormittag schon dort.“
Tolga grinste locker.
„Dann hast du ja Zeit. Komm, ich lade dich
zum Shoppen ein.“
Daniela setzte ihre Sonnenbrille auf und nahm
ihren Sonnenhut.
Mit einem kleinen Ruck zog Tolga sie aus der
Hängeliege.
Plötzlich standen sie ganz nah voreinander.
Sie glaubte sogar, seinen Herzschlag zu
spüren.
Ehe Daniela sich versah, waren sie schon
unterwegs.
Tolga fuhr mit ihr in die Stadt und steuerte
zielstrebig eine exklusive Boutique an.
Drinnen gab es Badebekleidung.
Daniela sah sich erstaunt um.
„Woher kennst du dich hier so gut aus?“
Tolga lächelte verschmitzt.
„Ich hatte viel Zeit.“
Gemütlich rückte er sich einen der bequemen
Sessel zurecht.
„So ... das ist die beste Boutique. Hier
findest du bestimmt den schönsten Bikini.“
Dabei zwinkerte er ihr zu.
Geduldig wartete Tolga.
Mal trank er einen Tee, mal einen türkischen
Kaffee und beobachtete schmunzelnd Daniela.
„Eine Modenschau gibt es aber nicht“, rief
sie ihm lachend im Vorbeigehen zu.
Als es fast Abend war, hatte Daniela zwei
Bikinis, passende Handtücher, einige Strandkleider und neue Sonnenbrillen für
sich und Isabell ausgesucht.
An der Kasse stellte sie überrascht fest,
dass bereits alles bezahlt war.
Sie fuhr erschrocken herum.
Tolga stand dicht hinter ihr.
Für einen kurzen Moment waren ihre Gesichter
ganz nah beieinander.
Daniela brachte kein Wort heraus.
Schweigend fuhren sie zurück.
Vor dem Wohnwagen wartete Isabell bereits.
Tolga verabschiedete sich.
„Bis heute Abend“, raunte er Daniela zu.
„Bis später“, antwortete sie lächelnd.
Tolga winkte noch einmal und schlenderte
davon.
Daniela machte einen kleinen Hüpfer auf
Isabell zu.
Beide fassten sich an den Schultern.
Dann begannen sie gemeinsam vor Freude zu
hüpfen.
„Isabell! Ich bin schwer verliebt!“
Aufgeregt kreischten beide los.
Isabell nahm Daniela in den Arm.
„Ich freue mich so für dich!“
Beim Abendessen saßen sich Tolga und Daniela
gegenüber.
Bei jeder Gelegenheit flirtete Tolga mit ihr.
Daneben saßen Yaman und Susan, die sich
verliebte Blicke schenkten.
Auch Ali, Leyla und Haluk waren an diesem
Abend dabei.
Nach und nach verabschiedeten sich Hasan,
Debra, Susan und Yaman.
Unbemerkt verschwand Daniela.
Tolga sah Isabell fragend an.
„Wo ist Daniela?“
Isabell lächelte.
„Sie wollte noch zum Pferd.“
Tolga nickte und machte sich auf den Weg zu
den Stallungen.
Zum Schluss blieb nur noch Ali am Tisch zurück.
Melek war inzwischen in der Küche.
Leyla trat zu ihr und entdeckte auf der
Außentheke den Blumenstock.
Sie lächelte.
„Schöne Blumen.“
Zufrieden nickte sie Melek zu.
Melek blickte auf und flüsterte:
„Ja ... meine Lieblingsblumen.“
Dabei schweifte ihr Blick zu Ali.
Leyla ging an Haluk vorbei und gab ihm
unauffällig ein Handzeichen.
Als schließlich alles ruhig geworden war,
schlenderten Ali und Melek gemeinsam hinunter zum Meeresstrand.
Inzwischen standen Tolga und Daniela vor der
Box der Stute Lena.
Daniela streichelte ihr liebevoll über den
Hals.
Tolga führte die Stute heraus.
Gemeinsam ritten sie langsam der Dämmerung
entgegen.
Am alten Lindenbaum angekommen, blieb Daniela
begeistert stehen.
Tolga holte ein kleines, feines Metallherz
hervor.
Darauf standen ihre beiden Namen.
Liebevoll sagte er:
„Das ist ein Liebesbaum.“
Daniela betrachtete das Herz.
Dann bemerkte sie die vielen kleinen Herzen,
die bereits am Baum hingen.
Als sie wieder zu Tolga aufsah, küsste er sie
ohne ein Wort.
Liebevoll erwiderte sie seinen Kuss.
Überwältigt hauchte Daniela:
„Dann werde ich unser Herz gleich aufhängen.“
Als sie es befestigte, entdeckte sie ganz in
der Nähe ein weiteres Herz.
Darauf stand: Ali & Angel
Nachdenklich lächelte sie.
Vor dem Lindenbaum nahm Tolga ihre Hand.
Er blickte ihr tief in die Augen, ging auf
die Knie und holte einen wunderschönen Ring hervor.
Behutsam schob er ihn ihr an den Ringfinger.
„Willst du mich heiraten?“
Daniela brachte kein Wort heraus.
Sprachlos blickte sie erst auf den Ring, dann
in Tolgas Augen.
Schließlich lächelte sie.
„Du verlierst wirklich keine Zeit.“
Tolga lächelte sanft.
„Mein Vater hat immer gesagt: Bei der wahren
Liebe gibt es keine Zeit zu verlieren.“
Daniela spürte, wie ihr Tränen in die Augen
stiegen.
Langsam nickte sie.
„Ja ... ich liebe dich. Und ja – ich will
dich heiraten.“
Mit glänzenden, verträumten Augen sahen sie
sich an.
Dann verloren sie sich in einer innigen
Umarmung und einem langen Kuss.
Alles geht seinen
Weg
Unten am Strand saß Isabell in einem
Klappstuhl. Sie trug eines der neuen Strandkleider und ließ ihre Füße ins
Wasser hängen.
Im Meer alberten die beiden Paare fröhlich
herum.
Yaman zwinkerte Susan zu und flüsterte ihr
lächelnd ins Ohr:
„Tolga hat uns überholt.“
Dabei zog er sie ganz nah an sich und küsste
sie innig.
Daniela schaute zu den beiden hinüber, dann
zu Tolga.
„Ihr beide seid echt verrückt.“
Lächelnd schmiegte sie sich an Tolga.
Die beiden Männer sahen sich verschmitzt und
glücklich an.

Später nahm Tolga Yaman am Strand beiseite.
„Yaman, ich werde zusammen mit Daniela nach
München gehen.“
Er lächelte.
„Aber versprochen – ich komme oft zurück,
Bruder.“
Beide hielten sich gegenseitig am Unterarm
fest und besiegelten ihr Versprechen.

Bei der großen Holzterrasse beim
Küchenbereich hatte Yaman einen festlich gedeckten Tisch vorbereitet.
Neugierig und aufgeregt waren alle
versammelt: Ali, Leyla, Haluk, Tante Melek, Onkel Hasan, Debra, Fatih, Daniela
und Tolga sowie Susan.
Alle Blicke richteten sich auf Yaman.
Ruhig sagte er:
„Ali Bey, Tolga möchte Ihnen etwas Wichtiges
mitteilen.“
Tolga stand feierlich auf.
„Ali Bey, wie Daniela Ihnen schon erzählt
hat, lieben wir uns.“
Einen Moment hielt er inne.
„Daniela und ich werden heiraten.“
Ali wirkte glücklich überrascht.
Daniela war ebenfalls aufgestanden und hielt
Tolgas Hand fest umschlungen.
Lange sah Ali die beiden schweigend an.
Dann sagte er mit rauer Stimme:
„Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr beide
glücklich werdet.“
Mit glänzenden Augen setzte er sich wieder.
Dann wandte sich Yaman Susan zu.
Er kniete vor ihr nieder. Seine Augen
glänzten vor Aufregung.
Langsam nahm er eine kleine Schatulle aus
seiner Jackentasche.
„Susan, die Liebe meines Lebens … willst du
mich heiraten?“
Einen Moment war es ganz still.
Allen standen Tränen in den Augen.
Susan nickte unter Freudentränen.
„Ja … Ja, ich will.“
In diesem Moment stimmte Onkel Hasan auf
seiner Mundharmonika ein Liebeslied an.
Was für ein Abend.

Etwas später sprachen Daniela und Tolga noch
mit Ali.
Sie erzählten ihm, dass sie gemeinsam nach
München zurückkehren würden.
Ali nickte zustimmend.
„Das ist eine gute Entscheidung. Ich selbst
werde lieber hierbleiben. Dafür werdet ihr beide künftig mein Unternehmen
führen. So wie ich gehört habe, kennst du dich bestens aus, Tolga.“
Tolga nickte.
„Ja. Darüber haben Yaman und ich schon
gesprochen. Zusammen mit meinem Kompagnon aus Amerika werden wir das
Unternehmen unterstützen. Zurzeit werden dort besonders Orangen gebraucht.“
Dabei nickte er Yaman zu.
Yaman erwiderte das Nicken lächeln
Finale:
Rückkehr
Einige Tage später, nach dem gemeinsamen
Kaffee und Kuchen, machten sich Daniela und Tolga auf den Heimweg.
Vor ihnen hatte sich ein Halbkreis gebildet.
Yaman blickte nachdenklich zu Fatih hinunter,
der neben ihm stand.
„Und? Bleibst du?“
Fatih ist der Spitzname.
„Ich war nie weg. Du weißt doch, dass ich
immer wieder zurückkomme.“
Lächelnd fuhr Yaman ihm durch die kurzen
Locken und drückte ihn kurz an sich.
Direkt neben Yaman stand Susan. Die beiden
hielten sich an den Händen.
Melek stand neben Ali.
Debra und Hasan verkündeten voller Freude,
dass sie ein Baby erwarteten. Glückliche Blicke gingen durch die Runde.
Daneben standen Isabell, Leyla und Haluk.
Vor dem Halbkreis blieben Daniela und Tolga
stehen.
Daniela kämpfte mit den Tränen.
„Ich werde euch vermissen.“
Dabei streichelte sie Timy, der auf dem
Bauernhof bleiben würde.
Tolga lächelte.
„Wir kommen bestimmt wieder.“
Daniela nickte zustimmend.
Tolga trat einen Schritt nach vorn und sah
Yaman an.
„Beim nächsten Mal gibt's eine
Doppelhochzeit.“
In diesem Moment berührte Ali Melek leicht
mit dem Arm.
Melek schüttelte lächelnd den Kopf.
Während die anderen nach vorn gingen, um
Daniela und Tolga zu verabschieden, blieb Yaman noch einen Augenblick stehen
und flüsterte Susan zu:
„Wir heiraten erst einmal nur wir zwei.“
Susan lächelte.
„Genau … und danach machen wir die
Doppelhochzeit.“
Die beiden gaben sich einen innigen Kuss.
Dann gingen auch sie zu den anderen hinüber
und umarmten Daniela und Tolga.
Langsam gingen Daniela und Tolga zum Auto.
Isabell saß bereits auf dem Beifahrersitz.
Alle winkten ihnen nach und blieben noch
lange stehen, bis das Auto hinter der nächsten Kurve verschwunden war.
Schließlich standen nur noch Yaman und Susan
unten am Holzweg, direkt am Meer.
Susan legte ihre Arme um Yamans Hals.
Ihre Blicke trafen sich.
Sie küssten sich – ein Kuss, der sich wie ein
Versprechen für die Ewigkeit anfühlte.
Ende