Erotische Liebesgeschichte 💞
Wenn das Herz schlägt
*
Wie lange hält man es aus, wenn man jemanden liebt, dass
einem davon das Herz wehtut, frage ich mich, seit ich im Büro der Kanzlei Kune
arbeite…
*****
Ich blicke über meine Brille, eingezwängt in so einen
komischen Hocker im Hotel. Am liebsten würde ich mich in Luft auflösen, oder
besser, ich wäre erst gar nicht hier in diesem Hotelzimmer. Mein Herz pocht wie
verrückt, es schlägt so laut. Ich denke nicht, dass er es hört.
Natürlich nicht, aber es kommt mir so vor, als könne mein
Herzschlag die Wände einreißen. Ich atme langsam ein und wieder aus.
Ich warte auf meinen Chef Johan Kune, den besten
Rechtsanwalt. Das Hotel hatte nur noch ein Zimmer frei.
Für Kune, voll auf Karriere getrimmt, schien es kein Problem
darzustellen.
Aber für mich schon. Beinahe wäre ich im Boden versunken …
ich, die ihr Herz an ihn verloren hatte, in einem Zimmer. Der Gedanke daran
allein ließ mir die Luft wegbleiben.
Als wir unten im Salon eincheckten …
Und jetzt saß ich da und wartete, dass Johan aus dem Bad
kam.
All die Jahre – schon beim ersten Blickkontakt vor sechs
Jahren – war es um mich geschehen. Dieses Lächeln … Ich träumte vor mich hin.
Mit geschlossenen Augen lächelte ich fein vor mich hin …
„Schläfst du, Sibille?“
Wie durch eine Nebelwand hörte ich seine Stimme.
Langsam schlug ich die Augen auf.
Gut, gut, er hatte einen Pyjama an, stellte ich erleichtert
fest.
Ich nickte nur.
„Das Bad ist frei“, singsangte Johan und trat einen Schritt
beiseite.
Ich nahm meine vorbereiteten Sachen und ging ins Bad. Ich
schloss vorsichtshalber die Tür. Ich ging unter die Dusche, tausend Dinge
gingen mir durch den Kopf.
Als ich herauskam, fertig im Schlafanzug und auch mit
geföhnten Haaren dank des montierten Föhns im hochmodernen Bad, hing Johan
schläfrig in einem der Stühle.
Er blinzelte zu mir nach oben.
„Das hat aber lange gedauert.“
Ich entgegnete mit einem entschuldigenden Gesicht.
Dann meinte Johan: „Vielleicht bin ich einfach auch schon zu
müde.
Komm, lass uns ins Bett legen.“
Mir stockte der Atem … „Das … das geht auf keinen Fall“,
stotterte ich.
Johan winkte müde ab …
„Keine Sorge, meine Frau weiß Bescheid. Sie vertraut mir.
Ich habe ihr erklärt, dass es nur die Möglichkeit gab, dass
nur ein Zimmer zur Verfügung stand.
So, ich nehme die linke Seite, du die rechte Seite“, und
machte mit der flachen Hand eine Bewegung übers Bett, nahm ein einzelnes
Kissen, das da auf einem der Sofas lag, und legte es in die Mitte.
„Das wird wohl genügen.“
Ich hielt die Luft an, starrte vor mich auf das Bett. Wie in
Trance ging ich darauf zu.
In meinem Kopf schwirrte es: Ihr vertraut euch, hoffentlich
vertraue ich mir selber.
Johan ist verheiratet, sagte ich mir.
Ich machte schnell die Augen zu, schlüpfte rasch unter die
Decke und drehte mich zur Seite.
Aber mein Herz sprach eine andere Sprache. Das pochte,
schrie. Am liebsten hätte ich Johan umarmt und an mich gedrückt.
Ich zitterte.
Eine prüfende Handbewegung, ein Hinrücken der Bettdecke.
Was soll das?, schoss es mir ins Gehirn.
Johans müde, dunkle Stimme: „Sibille, du frierst.“
Wenn du wüsstest, schoss es weiter durch meinen Kopf.
„Ähm …“ Mehr brachte ich nicht heraus.
Dann wieder die sanfte Stimme von ihm: „Es war ein langer
Tag. Versuchen wir zu schlafen. Morgen ist ein anstrengender Tag.“
Wie wahr, dachte ich und versuchte, mein Herz im Zaum zu
halten.
Ich legte mich auf den Rücken, meinen Blick an die Decke
gerichtet. Es war angenehm dunkel, und die Decke schien, je länger ich sie
ansah, stellenweise weiß zu wirken. Ich drehte meinen Kopf zur Fensterseite.
Durch den Chiffonstoff drang von draußen gedämpftes Licht herein. Wir hatten
vergessen, die Vorhänge zuzuziehen. Jetzt war ich auch zu müde und hatte keine
Lust, extra deswegen aufzustehen.
Die Reklameleuchten drangen sanft durch den feinen Stoff
herein. Lichter wechselten sich ab, und während ich das Lichterspiel verfolgte,
hörte ich auf einmal ein feines, sanftes Schnarchen hinter mir, das mich mit
der Zeit einschlafen ließ.
Der erste Sonnenstrahl kitzelte mich wach. Sofort machte ich
mich fertig. Ich wollte unbedingt vor Johan fertig sein. Schließlich wusste
ich, dass ich viel länger brauchen würde.
Ich schlich mich leise ins Bad. Als ich wieder herauskam,
saß Johan auf einem der schmalen Stühle, mit dem Gesichtsausdruck: Das hat aber
lange gedauert.
Ich ging seitlich an ihm vorbei, ohne ihn anzuschauen, und
machte eine Handbewegung zum Bad.
Unterwegs zum Bad merkte Johan an: „Um 10 Uhr ist der Termin
im Gerichtssaal angekündigt.“
Ich las aufmerksam in den Akten. Gerade, als ich sie in
meine Aktentasche packte, kam Johan aus dem Bad, fertig angezogen im Anzug. Mit
einer Hand hob er den Stoff des Jacketts weg und hob es auf und ab.
„Ich schwitze jetzt schon“, schnaufte er.
Johan setzte sich auf eines der vorderen Sofas und blickte
mich mild prüfend an.
Mit leicht sanfter Stimme sagte er: „Sibille, zieh einen
anderen Rock an. Heute betreten wir das größte Gerichtsgebäude.“
Sein Blick schweifte zu meinem aufgeklappten Koffer, und
seine Augen blieben auf dem fliederfarbenen Rock hängen.
Ich nahm ihn heraus, verschwand ins Bad, um kurze Zeit
später mit dem gewünschten Rock zu erscheinen. Der Dank war sein
unverwechselbares Lächeln.
„Komm, lass uns gehen …“
„Hab ich alles, hast du alles?“, musterte er uns und griff
zur Türklinke.
**
Eine halbe Stunde später saßen wir im Gerichtssaal, ich
ausnahmsweise neben Johan. Still verfolgte ich das Gesagte. Ich wippte mit
meinem Stift auf und ab.
Es ging um Misshandlung in der Ehe und eine
Messerstichattacke aus Affekt oder böser Absicht.
Der Richter sah mich direkt an, wandte das Wort dann an
Johan: „Rechtsanwalt Kune, welche junge Dame sitzt neben Ihnen?“
Johan stand auf, richtete seine Anwaltsrobe zurecht: „Das
ist meine Rechtsanwaltsgehilfin Sibille Blaune.“
Ich musste schlucken. Er ernannte mich zu seiner
Rechtsanwaltsgehilfin. Dabei war ich seine erste Sekretärin und rechte Hand?
Der Richter wandte sich nun an mich: „Frau Blaune, was sagen Sie dazu?“
Sie schüttelten leicht den Kopf.
Ohne zu überlegen, leicht überrumpelt, sagte ich: „Die
Angeklagte ist unschuldig.“
Der Richter nahm es hin, ohne Regung seinerseits.
Der Hammer schnellte herab: „Halbe Stunde Pause!“, rief der
Richter in den Raum.
Draußen bei dem großen, breiten Flur ging Johan zielstrebig
den Flur entlang, bog in einen schmalen, langen Flur ein. Dort standen zwei
Herren der Gegenpartei, der Verteidiger und sein Sekretär.
Johan beschleunigte auf einmal seine Schritte, fast im
Laufschritt. Er umarmte den Verteidiger, klopfte ihm auf die Schulter und sagte
mit lauter Stimme: „Grüß dich, mein alter Freund! Lange nichts mehr von dir
gehört!“
Johan trat einen Schritt zurück, machte eine Handbewegung
und sah zu mir herüber: „Darf ich vorstellen …“
Er kam nicht dazu. Jan übernahm das Wort: „Jan Berger. Zu
meiner Seite, das ist meine zweite Hälfte und beste Sekretär, Herbert Steiner.“
Dieser lächelte verhalten.
Er nickte mir zu. Ich machte dasselbe und nickte den beiden
Herren entgegen.
Um seine Hände freizubekommen, warf er beinahe die zwei
Aktentaschen seinem Sekretär zu, der Mühe hatte, sie an seinen Händen zu
halten, denn er hatte jetzt drei, mit der er sowieso schon trug.
Ich sah deutlich, dass Johan diese Aktion von Jan ihm
überhaupt nicht gefiel.
Jan sah mich direkt streng an: „Dass sie unschuldig ist, das
wissen wir.“
„Das hat sich aber überhaupt nicht so angehört“, sagte ich
bestimmt.
Jan redete weiter: „Sie soll nur sagen: Er wollte auf sie
losgehen, statt: Er ist auf sie losgegangen.“
Er schwieg einen kurzen Moment: „Der Angeklagte hatte eine
schlimme Kindheit. Er dachte, Schläge sind normal.“
Mit wütender Stimme antwortete ich: „Und deshalb ist es
völlig normal, vier Jahre lang seine Frau zu schlagen und am Schluss mit dem
Messer loszugehen!?“
Sie hatte beide Hände voller Schnittwunden.
Als ich dies sagte, fiel mir auf: Moment mal:
Schnittstellen, nicht Schnittstiche …
„Johan, wir sollten noch mal mit unserer Mandantin reden.“
„Gut“, nickte Johan mir zu.
„Na, Jan, nachdem du dich so viel für die Menschlichkeit
eingesetzt hast, würde ich mal sagen, solltest du deinen Sekretär auch
freundlicher behandeln.“
„Sibille, nimmst du bitte meine Aktentasche? Danke dir.“
„Jan, du würdest dich wundern, was unsere Lieben über uns
alles wissen, mehr als wir ahnen und vielleicht mehr als unsere Ehepartner. Ah
…“
„Sorry, du bist ja noch Single.“
Jan nickte nur betreten.
„Komm, lass uns zum Restaurant gegenüber gehen, bis die Zeit
um ist.“
Zusammen gingen wir den großen Flur entlang. Die Tür zum Gerichtssaal öffnete sich. Ein kleiner, stämmiger Mann sprang heraus und rief uns zu:
„Die Gerichtsverhandlung fängt erst in einer Stunde an.“
In normalem Ton fügte er hinzu: „Der Richter hat
beschlossen, in die Mittagspause zu gehen.“
Wir nickten alle.
Vor dem riesigen Gerichtsgebäude überquerten wir einen
großen Platz zu einem Restaurant gegenüber, mit seinen riesigen Fensterfronten.
Endlich saßen wir …
Zwischen den drei langen Männern wirkte ich ziemlich klein
mit meinen eins neunundfünfzig und meiner zierlichen Gestalt. Meinen langen,
blonden, geflochtenen Zopf strich ich nach hinten in meinen Rücken.
„So, jetzt kann das Experiment losgehen“, lächelte Johan in
die Runde.
Johan hob seine Hand, machte eine leichte Winkbewegung, und
schon kam ein Kellner auf uns zu.
„Na, Sibille, willst du für uns bestellen? Du kannst es
immer so wunderbar erraten.“
Ich blickte kurz in die erwartungsvollen Gesichter, dachte
mir: Warum nicht?
„Also, für alle Kaffee schwarz, ein Kännchen Milch dazu.
Zuckerstücke sind schon am Tisch.“
In kürzester Zeit stand der Kaffee schon vor uns.
Ich reichte Johan seine Milch, sah noch mal in die Runde.
„Wir sind per Du, oder, Herr Berger? Also Jan, du magst zwei Stück Zucker,
Herbert einen, so wie ich, und Johan nimmt drei Stück, wie immer.“
Verblüffte Augenpaare schauten mich an.
„So, Sibille, erzähl mal, welche Eigenheiten ich so habe.“
Ich räusperte mich und erzählte einige: „Wenn du deine Arme
gerade herunterhängen lässt, bist du müde geworden, und ich nehme dir
automatisch deine Aktenmappe ab.
Wenn deine Bürotür zu ist, willst du auf keinen Fall gestört
werden.
Wenn du deine Krawatte dreimal faltest, bist du sehr
nervös.“
Johan lächelte nickend.
„Herbert“, forderte Johan ihn auf.
„Herr Berger, also Jan, wenn er nervös ist, trinkt er nur
Kaffee schwarz.
Beim Lesen will er nicht gestört werden.
Er liebt es, in seinem Ledersessel ein Nickerchen zu
machen.“
Jan blickte Herbert mit einer Mischung aus Irritation und
Bewunderung an.
„Okay. Auf euer Du, einen Kaffeegruß“, zwinkerte Johan den
beiden zu.
„Jan, gib mir noch deine Handynummer, damit wir uns
gegenseitig hören können.“ Dabei grinste er Jan an.
Typisch Johan, dachte ich, seine Art, Späße zu machen. Und
lächelte in mich hinein.
*****
Drüben im Gerichtsgebäude angekommen, sagte Johan: „Komm,
wir müssen noch mit unserer Mandantin sprechen.“
Im Gerichtssaal:
Jeder hielt sein Plädoyer.
Beide Parteien konnten sich nicht mehr genau an die
eigentliche Situation erinnern.
Anhand der Handverletzungen hatte sich herausgestellt, dass
die Mandantin zum Schutz ihre Hände gegen das Messer erhoben hatte. Sie dachte,
er wollte auf sie losgehen. Er zog das Messer als Affekthandlung.
Der Verteidiger sprach: „Ich beantrage, dass mein Mandant in
die geschlossene Psychiatrie eingewiesen wird. Dort kann ihm besser geholfen
werden als im Gefängnis.“
Der Richter zum Angeklagten: „Möchten Sie noch etwas sagen?“
Der Angeklagte stand auf, hielt sich am Tischpult fest und
blickte direkt auf seine Frau. Tränen standen ihm in den Augen.
„Entschuldige, es tut mir alles so leid. Ich bin
einverstanden mit der Scheidung.“
Er setzte sich wieder.
Die Frau, sie saß direkt neben Johan, reagierte kaum. Sie
wirkte, als hätte sie einen Tunnelblick und starrte vor sich hin.
Eine unterdrückte Lippenbewegung, ein fast nicht merkliches
Nicken.
Der Richter ließ seinen Hammer schnellen: „Kommen wir zum
Urteil: fünf Jahre geschlossene Psychiatrie.“
Danach ließ der Richter dreimal seinen Hammer
hinunterschnellen.
Eine Frau kam herein, nahm unsere Mandantin am Arm: „Komm,
ich bringe dich zum Frauenhaus.“
In Gedanken wiederholte ich: Frauenhaus.
***
Draußen auf dem Flur verabschiedeten sich Johan und Jan.
Ich konnte hören, wie Johan sagte: „Vielleicht kommst du mal
zu meiner Kanzlei. So einen guten Rechtsanwalt wie dich kann ich gut
gebrauchen.“
Jan klopfte Johan einfach nur auf die Schulter.
Johan drehte sich zu mir um: „Sibille.“
Und schon folgte ich ihm nach draußen.
Er winkte ein Taxi heran.
„Bestimmt wird uns Susanne schon vermissen.
Vielleicht hat sie wieder ihre weltberühmten Plätzchen
gemacht …“
Wir saßen im Taxi. Wir machten es uns gemütlich, so weit das
im Taxi möglich war. Zweihundert Kilometer Fahrt lagen vor uns.
Plätzchen im Sommer, okay, es ging bald in den Herbst
hinein.
Aber bei seiner Frau konnte man nicht wissen. Sie war so ein
herzensguter Mensch, immer ein Ohr offen für andere.
Sie tauchte einfach im Büro auf, tänzelte durch die Reihen
der neunzehn Mitarbeiter, mit mir zwanzig.
Sie kannte jeden Einzelnen und seine Geschichten. Jeden
Geburtstag backte sie dessen Lieblingskuchen.
Ich schloss meine Augen und dämmerte vor mich hin.
Unsere Arme berührten sich. So warm, es elektrisierte mich
innerlich. Plötzlich entstanden Bilder vor meinen inneren Augen: seine Lippen,
meine Lippen, die sich aufeinander zubewegten.
Ich fröstelte. Obwohl es in mir innerlich so heiß war, dass
ich dachte, ich hätte Sonnenbrand von innen.
„Sibille, ist dir kalt?“
Ich spürte, wie Johan mir sein Jackett umlegte.
Ich schlug meine Augen auf und blickte ihn mit liebevoll
schmachtenden Augen an.
„Du bist übernächtigt“, sagte er leise.
Ich bemerkte, dass er auf der Rückbank umherrutschte.
Johan beugte sich vor, sprach mit dem Taxifahrer einige
Worte, im Nu waren sie per Du.
„Ender, lass uns bei einer guten Raststätte anhalten, machen
wir eine kleine Pause.“
Einige Minuten später standen wir dann auch schon im
Restaurantbereich.
„Bestellt ihr euch schon mal was. Ich muss dringend zu den
Waschräumen“, und eilte davon.
Jeder hatte eine Tasse Kaffee auf dem Tisch, ich ein
Croissant dazu. Der Taxifahrer Ender saß einen Tisch weiter.
Als Johan zurückkam, machte er schon von Weitem eine
einladende Handbewegung zum Taxifahrer.
Als Johan bei meinem Tisch ankam, sagte er mit etwas außer
Atem geratener Stimme: „Komm, setz dich zu uns. Jetzt, wo wir schon per Du
sind.“
Ender nickte. Schnell kamen wir ins Gespräch, wir lachten,
scherzten sogar miteinander.
Ich dachte mir: Wie schafft Johan das nur?
Ein Blick auf die Uhr, und Johan bezahlte für uns alle.
„Wenn wir uns beeilen, sind wir in einer halben Stunde im
Büro“, meinte Johan.
Ab in die Waschräume, bevor es ins Taxi geht.
*****
Wir kamen eine halbe Stunde nach Büroschluss im Büro an.
Innen im Vorraum stand seine Frau Susanne und erwartete ihn
schon vor der Bürotür.
Ich schlüpfte durch die Bürotür und erhaschte dabei einen
Blick zu den beiden, wie sie sich leidenschaftlich küssten und Johan sanft über
Susannes Rücken strich. Ich dachte: Wie schön es ist, wenn sich zwei Menschen
so sehr lieben.
Hinter der geschlossenen Tür war alles abgedunkelt, die
Jalousien heruntergelassen. An der Wand entdeckte ich meine Kollegen im
Halbdunkel. Einige hielten ihren Zeigefinger auf den Mund. Ich reihte mich mit
ein.
Die Tür ging auf, bunte Lichter blinkten, Wunderkerzen
flackerten. Alle riefen lachend: „Alles Gute zum 15-jährigen Bestehen der
Rechtsanwaltskanzlei!“ Und das Licht ging an.
Johan strahlte: „Danke, danke, meine Lieben“, brachte er
heraus.
Alle umringten ihn, und es wurde mit alkoholfreien Getränken
angestoßen. Gegen halb sieben gingen die Ersten, und ich ging auch.
*****
Nur Johan und seine Frau blieben zurück.
Johan lächelte. Seine Frau lächelte ihn an. „Ich habe noch
eine Überraschung für dich“, sagte sie und zog ihn zu seinem Büro hinüber.
Sie steuerte die zweite Tür an, dahinter befand sich das Bad
mit Dusche, und durch einen kleinen Zwischengang gelangte man zu einer Tür,
hinter der der Erholungsraum lag, von dem niemand außer ihnen wusste.
Johan träumte schon davon, dass Susanne ihn verführen würde,
wie sie es oft schon getan hatte.
Er küsste sie leidenschaftlich. Dabei öffnete Susanne die
separate Tür. Sie wich ein wenig von ihm zurück und machte eine ausladende
Handbewegung. Jetzt sah er es: Der ganze Raum war voller Blumensträuße.
„Alle von deinen lieben Mitarbeitern.“
Johan schluckte. Hatten die etwa den Raum gesehen?
Susanne schien seine Gedanken gelesen zu haben.
„Keine Angst, ich habe die Blumen hierhergebracht. Dein Büro
wäre sonst geplatzt. Nur jetzt sollten wir schnell nach Hause“, schmachtete sie
Johan an, der genau wusste, was dieser Blick bedeutete.
Auch nach zwölf Jahren Ehe – was hatte er nur für ein Glück?
Sie liebten sich immer noch so sehr.
Kaum in ihrem gemütlichen Haus angekommen, zogen sie sich
schon im Gang gegenseitig aus, bis er nur noch mit der Hose dastand. Er blieb
mit seinen Lippen bei ihren Brüsten stehen, betrachtete den aufreizenden BH und
das verführerische Höschen und schnaubte erregt: „Willst du das etwa anlassen
…?“
Susanne streifte ihm flink die beiden Hosen herunter und
schwang ihre beiden Beine um ihn herum. Johan presste sie dichter an die Wand.
Er zog den Slip zur Seite, küsste Susannes Brüste und drang sanft in sie ein.
Ein beiderseitiges, feines Stöhnen war zu hören.
„So lasse ich dich nicht davonkommen“, grinste Johan und
trug Susanne ins Wohnzimmer, um auf der Wohnlandschaft ihre Liebesspiele
weiterzuführen, bis sie beide zusammen halb von der Couch heruntergerutscht
waren. Susanne schlüpfte heraus und lief zum gegenüberliegenden Tisch.
Lachend rief sie: „Du kriegst mich nicht!“
Sie lief um den Tisch, Johan hinterher. Sein Penis wippte
und tänzelte mit. Vor lauter Laufen ruckelten die Stühle, bis Susanne sich
außer Atem an einem festhielt und neckte: „Willst du mir nicht beim Ausziehen
helfen?“
Sie zupfte neckisch an ihrem BH.
Johan hüpfte seitlich herüber, küsste Susanne
leidenschaftlich und entfernte dabei den BH.
„Natürlich“, sagte er und sah sie verführerisch an. Er nahm
ihre Hand, dann liefen beide zusammen kichernd die Treppen hinauf.
Sie ließen sich ins Bett fallen. Johan knabberte und
liebkoste Susannes Brüste.
„Das ist gefährlich, was du da machst“, hauchte sie.
„Ich liebe gefährliches …“, sagte er und glitt mit seinen
Lippen weiter nach unten. Sie erbebte. Johan zog mit seinen Zähnen ihren Slip
nach unten.
Dann küsste er sie zwischen den Beinen, bis beide stöhnten.
Danach drang er in sie ein, Stoß für Stoß, bis sie zum Orgasmus kamen und es
beide zur Ekstase brachte. Nur noch lautes, hemmungsloses Stöhnen war zu hören.
Beide sahen Sterne vor ihren inneren Augen, bis sie zufrieden ineinander
fielen.
****
Ein halbes Jahr später
Uff, gut, dass das Wochenende war, dachte ich, als ich auf
den Wecker schaute. Erst sieben Uhr, dann konnte ich noch liegen bleiben.
Montag, gut ausgeschlafen, im Büro von Johan. So nah bei ihm
zu sitzen, tat einfach gut, auch wenn ich ihn nicht haben konnte. Tröstete ich
mich.
„Sibille, ich habe heute ein privates Treffen mit Jan.
Susanne holt mich ab. Wenn du willst, kannst du mitkommen und Susanne beim
Warten Gesellschaft leisten.“
„Okay“, nickte ich und sammelte meine Sachen zusammen.
Unten vor dem Gebäude kam Susanne mit dem Auto angefahren.
Sie lächelte mich an. „Sibille, du kommst mit mir. Wir
machen einen kleinen Frauenkaffee-Plausch.“
Johan und ich stiegen ein.
Zweihundert Kilometer später traf sich Johan mit Jan in dem
Restaurant PINO, das einige Häuser vom Gerichtsgebäude entfernt lag.
Die beiden Männer saßen sich gegenüber. Johan fragte: „Jan,
hast du es dir überlegt? Kommst du in meine Kanzlei?“
„Johan, ich muss dir erst etwas Wichtiges sagen.“ Jan
blickte erst nach unten, dann erhob er seinen Blick. „Ähm, Johan, ich bin
schwul“, flüsterte er über den Tisch.
„Na und? Willst du mir etwa sagen, du bist in mich
verliebt?“ Johan setzte ein verschmitztes Grinsen auf.
Jan schüttelte den Kopf. „Nein, aber …“
„Du liebst Herbert“, schnitt Johan ihm den Satz ab.
Leicht irritiert und erleichtert fragte Jan: „Woher weißt
du?“
„Jan, ich habe doch Ohren am Kopf. Du hast selbst unbewusst
gesagt: meine zweite bessere Hälfte.
Und so wie es ausschaut, habt ihr euch nach dem Gespräch von
damals ausgesprochen.“
„Ja, wir sind jetzt ein Paar.“
„Wunderbar“, zwinkerte Johan ihm zu.
„Also, wegen deines Angebots, Johan: Ich möchte gerne hier
bleiben. Ich fühle mich hier wohl. Vor einigen Jahren habe ich hier einen
Bungalow gekauft und mit meinem Bruder zusammen renoviert.“
„Gut … dann machen wir es so. Ich richte dir hier ein Büro
ein, und du wirst mein Kompagnon.“
Zeitgleich saßen wir weiter hinten im Restaurant in einer
gemütlichen Nische.
Wir bestellten Kaffee mit Croissants.
Wir nippten an unserem Kaffee. Susanne sprach kaum ein Wort,
was untypisch für sie war. Sie war so ruhig, als wartete sie auf den richtigen
Zeitpunkt.
Als wir fertig waren, schob Susanne das Geschirr beiseite,
und ein vorbeikommender Kellner nahm es mit.
Unruhig legte ich beide Hände auf den Tisch.
Da. Langsam legte Susanne ihre Hände auf meine, ganz sanft.
Ich spürte ihre warme, weiche Haut.
Susanne sah mich an. „Sibille …“ Sie holte leicht Luft.
„Kannst du dich erinnern, damals, als du kurze Zeit bei uns gearbeitet hast,
wie wir zusammen geredet haben? Du hast mir erzählt von deinen Stiefeltern, die
bei einem Urlaub ums Leben gekommen waren und du dann bei der Tante, der
Schwester deiner Stiefmutter, aufgenommen wurdest.
Dass du gerne wüsstest, wer deine echte Mutter ist.“
Ich nickte und wartete, was da jetzt kam.
„Mich ließ das nicht mehr los. Ich habe angefangen, deine
echte Mutter zu suchen.“
Ruhig.
„Ich fand sie.“
„Sie ist tot“, antwortete ich.
Susanne senkte ihren Kopf. „Ja.
Ich fand sie vor ungefähr zwei Monaten im Krankenhaus. Sie
war schwer krank. Sie wollte nicht, dass du sie so siehst … Ich musste ihr
versprechen, dass ich dir nichts sage, aber ich hielt es nicht mehr aus.“
„Da gibt es noch was.“
Ich horchte auf.
„Sie erzählte mir von einem kleinen Kästchen, das sie mit
dir beim Kinderheim abgegeben hat. Darin hatte sie etwas für dich reingelegt.“
Unsere Augen wurden ganz glasig.
„Sibille, bevor sie starb, hat sie mir ein Geheimnis
anvertraut.“
Ich stockte. Susanne hielt meine Hände.
„Sibille, … du hast einen Bruder.“
Stille. Ich schwieg.
In meinem Inneren hallte es nach. Einen Bruder.
„Sibille, wenn du willst, können wir zum Grab deiner Mutter
gehen.
Ich habe alles organisiert.“
Lange schaute ich sie an.
Wie in einem Nebeltunnel hörte ich mich von Weitem sagen:
„Okay.“
Ich bekam mit, dass Susanne mit Johan sprach.
Wir fuhren zum Friedhof. Durch die schmalen Gänge folgte ich
Susanne. Wirklich ein schönes Grab. Auf dem Holzkreuz las ich den Namen Rita
Schmitt.
Im Auto hielt Susanne meine Hand. „Sibille.“
Ich antwortete nicht. Susanne streichelte mir leicht über
die Schulter. Ich spürte, ich wusste, das hieß: Ich bin da.
Wir holten Johan ab.
Die ganze Fahrt sprach ich nicht.
In der Nacht konnte ich nicht wirklich schlafen.
Am nächsten Tag kam ich dementsprechend gerädert im Büro an.
Ich war ruhig, zu ruhig. Johan sagte nichts. Er wusste es.
Sicher wusste er es. Susanne würde es ihm gesagt haben.
Susanne rief an. Ich hob ab.
„Sibille, darf ich bei dir in deiner Wohnung vorbeikommen?
Du weißt schon, wegen des kleinen Kästchens.“
„Weiß nicht“, antwortete ich knapp.
„Gut. Morgen ist Samstag. Kommst du vorbei?“
Samstagnachmittag, kurze Mail von Susanne: „Bin da.“
Ich öffnete die Tür. Unschlüssig stand ich an der Tür, bis
ich sie hereinbat.
Wir suchten zusammen dieses Kästchen. Sie beschrieb es mir
detailgenau … nur ich konnte mich nicht an so ein Kästchen erinnern. Vielleicht
ist es verlorengegangen, dachte ich bei mir.
Es blieb nur noch das Schlafzimmer. Auf einem Sideboard
lagen Lieblingsstücke von mir und ein Schuhkarton, den meine Tante mal gebracht
hatte. Darin waren verschiedene Dinge aus meiner Kindheit.
Susanne ging zielstrebig darauf zu.
„Darf ich?“
Ich öffnete den Deckel, legte den Schuhkarton auf das Bett,
und wir setzten uns aufs Bett.
Beim Blick hinein sah ich meine damaligen
Lieblingshaarklammern mit Hasenmotiv. Ein Spielzeugauto aus Metall.
Verschiedener Kinderschmuck.
Ein Kinderbild mit gekritzelter Sonne und vielen hellblauen
Wolken. Ich nahm es heraus.
Darunter das Kästchen. Susanne nahm es heraus. Wir blickten
uns gegenseitig an. Langsam öffnete sie es.
Darin waren rosa gehäkelte Babysöckchen.
Susanne nickte. „So, wie sie gesagt hat. Zwei gehäkelte
Söckchen.“
Ich sah, wie ihre Finger leicht zitterten.
Ich nahm es ihr ab. Anscheinend nahm es sie mehr mit, als
sie selber dachte.
„Jetzt hast du ein schönes Geschenk von deiner Mutter.“
Als Susanne das sagte, löste sich in mir etwas auf. Ich
umarmte sie. Auch wenn ich meine Mutter nicht gekannt und nie gesehen hatte,
war sie durch dieses kleine Kästchen irgendwie da.
„Danke, Susanne.“
Sie nickte mit glasigen Augen.
*****
Beim Vorbeigehen am Bad stand die Tür offen. Susanne blieb
kurz stehen, ging hinein und sagte: „Sag mal, brauchst du diese abgenutzte
Zahnbürste noch?“ Sie hob sie hoch.
„Nö, die habe ich vergessen …“
„Kann ich die haben? Manchmal brauche ich die zum
Saubermachen.“
„Sicher, brauche ich nicht mehr.“
Ohne viele Worte verabschiedeten wir uns.
Vielleicht eine Woche später. Susanne rief an. Ich hob ab.
„Sibille, ich möchte mich gerne mit dir zum Kaffeeplausch
treffen.“
„Gut, warum nicht.“ Lächelnd legte ich auf.
Wir trafen uns in einem Restaurant.
In einer ruhigen Ecke des gemütlichen Restaurants nahmen wir
Platz.
Wir saßen uns gegenüber. Meine Hände lagen auf dem Tisch.
Sie streckte ihre Hände zu mir aus, schob sie sanft zusammen
und legte ihre Hände darauf.
Eine Zeit lang saßen wir so.
Dann sagte sie ganz ruhig: „Du liebst Johan.“
Ich zuckte in mich zusammen, blickte auf den Tisch und
nickte, ohne es zu wollen.
Ich blickte nach oben.
Ich wartete.
Wieder Stille.
Dann, fast lautlos: „Ich weiß auch warum. Johan ist dein
Bruder.“
Mir stockte der Atem.
Mein Herz machte einen Rückwärtsruck, ein lösender Druck,
Wärme stieg mir hoch.
„Woher weißt du das?“
Da erinnerte ich mich an das Kästchen, an die Zahnbürste.
„Die Zahnbürste“, schnellte es aus mir heraus.
Susanne erzählte, Johan habe genau so ein Kästchen und darin
hellblaue, gehäkelte Babysöckchen. Sie ließ einen DNA-Test machen, und
tatsächlich: Wir waren Geschwister.
„Weiß Johan davon?“
Susanne lächelte freudig. „Ja, er ist bestimmt schon am
Durchdrehen.“
„Komm, wir erlösen ihn.“
Wir liefen lachend zum Büro zurück.
Johan war inzwischen allein im Büro, es war schon spät
geworden.
Übermütig stürmten wir hinein. Johan wartete, umrundete, zog
Schleifen um die Sitzpulte, als wir hineinstürzten.
Sofort kam er auf mich zu. Ich bekam eine so herzliche
Umarmung. Eine gefühlte Ewigkeit ließ er mich nicht los. Ich gab ihm einen Kuss
auf die Wange und ließ all die Gefühle dort bei ihm.
Er schwankte leicht. Susanne kam auch dazu, und zu dritt
hielten wir uns fest.
Ich hörte Johans dunkle Stimme: „Nie wieder lassen wir uns
los.“
Jeder von uns hatte Tränen in den Augen.
In kürzester Zeit waren wir ein Herz und eine Seele. Wir
redeten viel, erzählten uns gegenseitig von unserer Kindheit.
Johan erzählte: „Ich bin mit drei Jahren adoptiert worden.
Ich dachte, das Kinderheim ist ein großer Kindergarten. Frühzeitig haben meine
Zieheltern mir erzählt, dass sie mich aufgenommen haben. Sie waren immer für
mich da, haben fast alles für mich ermöglicht, aber so richtig warm bin ich
nicht mit ihnen geworden. Die einzige Zuneigung war, dass meine Ziehmutter mir
gerne über den Kopf gestreichelt hat.
Meine Eltern hatten zwei Haushälterinnen. Eine war seine
Nene, die für ihn da war, wenn er sich verletzte, ihn verarztete, abends aus
einem Buch vorlas und seine Erziehermutter im Türrahmen stand und zuschaute.
Mit achtzehn erklärten sie ihm, dass sie ein Kind aus dem
Kinderheim wollten, um ihm im Leben eine Chance zu geben.
Sie finanzierten das Studium und später einen großen Teil
seiner Kanzlei. Einen Teil hatte er sich als Kellner selbst erarbeitet.
Vor einigen Jahren erfüllten sie sich ihren Traum und gingen
auf Weltreise. Wo es ihnen gefiel, blieben sie. Zurzeit waren sie auf Hawaii.
Mit dem Laptop war es heutzutage kein Problem mehr, sich zu erreichen.“
„Und Susanne?“, fragte ich neugierig.
„Oho, sie hat eine große Familie. Da brauchst du eine
Schutzweste und Ohrschützer“, witzelte Johan.
„Und wie waren deine Eltern so?“, wollte Johan wissen.
„Eigentlich, wie normale Eltern so sind. Sie waren für mich
da und kümmerten sich um mich. Allerdings adoptierten sie mich schon als Baby.
Auch sie sagten mir frühzeitig, dass sie mich aufgenommen
hatten.
Sie wollten einfach, dass ich es weiß. Ich war immer für sie
wie ihr eigenes Kind.“
*****
Oft war ich bei ihnen. Jetzt stand ich hier am Wochenende
und schnippelte mit Susanne in der Küche.
Ich schaute zu Johan rüber und sah ihn liebevoll an. Ich war
glücklich darüber, dass ich das ohne schlechtes Gewissen machen konnte.
Deshalb, genau deshalb hatte mein Herz so wehgetan. Es
wusste, es spürte, dass er mein Bruder war.
Johan kam zu uns rüber. „Na, meine Lieben.“ Und stellte sich
zwischen uns.
Susanne und ich lehnten beide unsere Köpfe an seine
Schulter.
*****
Mindestens einmal in der Woche kam Jan vorbei, um mit Johan
wichtige Termine zu besprechen.
Nach einigen Wochen war es ruhig. Es war Mittagszeit.
Ich saß draußen bei meinem Schreibpult, ganz nah an der
Bürotür. Ein weißes Blatt Papier lag vor mir. Ich wollte mir gerade Notizen
machen.
Jan schlenderte mit einem langen, schmalen Mann, der
vielleicht einen halben Kopf kleiner war als er selbst, auf die Bürotür zu. Er
blieb kurz bei mir stehen.
„Sibille, darf ich vorstellen? Das ist mein Bruder Bruno“,
sagte er und grinste mich dabei an.
Ich nickte, sah zu Bruno hoch. Seine Augen waren auf mich
gerichtet, aber nicht auf diese Art von „Verschling-dich“, sondern so, als
hätte er ein Engelsgesicht gesehen.
Sein Bruder gab ihm einen Rempler.
Bruno schnappte nach Luft.
„Setz dich. Du, es ist wohl okay. Wir duzten uns alle hier.
Ich bin es schon so sehr gewöhnt“, sagte ich freundlich.
Sein Bruder Jan bot ihm auch an: „Setz dich, ich habe was
mit Johan zu besprechen.“
Bruno schielte auf den Stuhl. „Lieber nicht“, sagte er und
trat einen Schritt zurück.
Jan machte eine Handbewegung. „Du kannst in die Kaffeeküche
gehen und dir einen Kaffee machen.“
Bruno verschwand dann in Richtung Kaffeeküche.
Jan zwinkerte mir zu. „Bruno braucht einen Schubs.“
Ich versuchte, mich auf das weiße Blatt vor mir zu
konzentrieren.
Die Tür vom Büro war offen. Ich hörte die beiden lachen und
Scherze machen. Ich spähte zur Tür …
Johan rief nach mir: „Sibille, kommst du bitte?“
Ich stand ganz nah bei Johan, beugte mich zwischen die beiden und fragte: „Kommt ihr überhaupt dazu, eure Arbeit zu machen?“
„Oho, Frau Streng“, grinste Johan und schmunzelte dabei.
„Sibille, bitte leg eine Akte an“, sagte er und reichte mir
die Blätter.
******
Ich setzte mich wieder hinter mein Schreibpult.
Ich wippte mit meinem Stift hin und her … als es mir eiskalt
einfiel: Hoffentlich hatte er nicht die rechte Taste der Kaffeemaschine
gedrückt. Die war ja kaputt, da kam nur Wasser heraus … Ich eilte zur
Kaffeeküche.
Bruno stand neben der Kaffeemaschine. Als ich hereinkam,
drehte er sich seitlich, und ich sah vor ihm zwei große Teetassen.
Eine war ganz mit Kaffee gefüllt, die andere nur halb voll.
Ich schielte hinter ihm weg und bemerkte, dass der
Geschirrspüler blinkte.
Ah, deswegen, dachte ich.
Bruno sah es auch und machte wie selbstverständlich den
Deckel auf.
Dann schauten wir beide auf das Tablett. Mit freundlicher
Stimme meinte Bruno: „Die Kleine ist für dich.“
Ich nippte daran. Noch heiß.
„Okay, ich mache mir mal ausnahmsweise einen Milchkaffee“,
sagte ich und lächelte ihn an.
Wir setzten uns an den kleinen Tisch vor der Kaffeeküche.
Wir tranken unseren Kaffee. Aber nur das.
Die Tassen waren leer und von Bruno abgespült, als sein
Bruder Jan kam.
Bevor sie hinausgingen, wippte Bruno mit dem Zeigefinger zu mir rüber und sagte:
„Das nächste Mal lade ich dich zum Kaffee ein.“
Lächelnd nickte ich.
In Gedanken wiederholte ich:
Er lädt mich zum Kaffee ein.
Die Woche ging schnell vorbei. Wieder zur Mittagszeit kam
Jan, und wie selbstverständlich war Bruno dabei.
Jan hatte ein Sandwichpaket für sich und Johan dabei.
Mit einem verschmitzten Lächeln kam Bruno zu mir.
„Es kann losgehen“, sagte er und winkelte dabei seinen Arm
an.
Ich hängte mich daran. Lange war es her, Arm in Arm mit
einem Mann zu gehen. Was für ein warmes Gefühl.
Jan ging ins Büro von Johan.
Draußen schlenderten wir an den Läden, Restaurants und den
vielen kleinen Cafés und Eisdielen entlang. Am Ende der breiten Straße bogen
wir in eine Gasse ein. Mir fiel auf, dass dort viele ältere Läden standen.
Bruno steuerte auf eine kleine Eisdiele zu, deren
Schildschrift erkennen ließ, dass sie sehr alt war. Auf der kleinen Front des
Ladens war ein riesiger Eisbecher gemalt. Ich dachte noch: Da hatte jemand
seine kreative Seite ausgelebt.
Im Inneren standen kleine runde Tische. Ein sehr alter Mann,
bestimmt an die neunzig, stand an der Theke. Dahinter war ein Mädchen, sicher
ein Enkelkind. An einem der Tische setzte ich mich.
Ich beobachtete, wie Bruno sich mit Zeichensprache mit dem
alten Mann verständigte.
Bruno setzte sich, ein wenig nervös.
„Enzo kommt gleich.“
Ich schaute Bruno an. „Du kannst Zeichensprache!“
„Ja, das brauche ich in meinem Beruf. Ich arbeite in einer
Betreuungsstätte.“ Ein breites Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab.
„Ich koche dort mit meinen Lieben, bastle, helfe beim
Anziehen, wenn nötig.
Oder wir machen ein Malprojekt, wie hier …
Meine Lieben, ich mein Bruder und Klaus und Gido, die mit
mir die Gruppe betreuen.“
Ich blickte ihn erstaunt an.
Enzo kam zu uns hergeschlurft, hinter ihm das Mädchen.
„Das ist die Enkelin von Enzo“, stellte Bruno sie vor.
„Das habe ich mir schon fast gedacht“, antwortete ich.
Die beiden Eisglasbecher standen auf dem Tisch.
In beiden war eine Kugel Vanilleeis und auf meinem Eis lagen
schwarze kleine Schokoladenherzen.
Ich überlegte: Ob die für mich waren …
Ich fragte: „Woher wusstest du, dass ich Vanilleeis mag?“
Bruno deutete auf Enzo. „Er wusste es.“
Mit einem freundlichen Lächeln nickte ich ihm zu.
Enzo lächelte ebenso freundlich zurück.
Obwohl es nur eine kurze Pause war, kam es mir vor, als wäre
die Zeit stehen geblieben.
Bruno begleitete mich wieder zurück, mit dem Versprechen,
nächste Woche wiederzukommen.
Er kam regelmäßig und dann immer öfter. Das machte mich
stutzig, und ich fragte, als wir uns im Park aufhielten:
„Bruno, sag mal, fährst du jedes Mal zweihundert Kilometer,
um mich zu sehen?“
Bruno antwortete: „Meine Arbeitsstätte ist hier in der
Stadt, und ich habe das Glück, meine Pause mit dir zu verbringen.“
Und strich mir sanft am Rücken entlang, um bei meiner Hüfte
anzulangen. Eine Zeit lang gingen wir so eingehängt.
*****
Heute trafen wir uns im Kino. Ich war ein wenig aufgeregt.
Wie lange war ich nicht mehr in einem Kino und mit einem Mann, in den ich
verliebt war …
In dem kleinen, ältesten Kino angekommen. Typisch für Bruno,
der ein Faible für alte Dinge hatte.
In dem kleinen, überschaubaren Kino setzten wir uns ziemlich
in die Mitte des Raumes, unsere große Tüte Popcorn und ein Getränk dazu.
Langsam wurde es dunkel, und ich hörte das leise Rattern der
Filmbänder …
Und der kleine Kinosaal blieb leer.
Die ersten Bilder und die Musik waren zu sehen und zu hören.
Ich flüsterte leise: „Sind wir ganz alleine hier?“
Ich sah Brunos verschmitztes Lächeln.
„Ich habe alle Plätze genommen.“
Ich grinste wie ein Honigkuchenpferd.
Ich dachte: Was für eine glückliche Frau ich doch bin.
Bruno legte seinen Arm um mich und strich meinen Arm auf und
ab, und ich rutschte an seine Brust. Wir genossen die Zweisamkeit in vollen
Zügen.
Danach fuhr Bruno mich nach Hause.
Bei meiner Wohnung angekommen, lud ich ihn ein, noch auf
einen Kaffee mit reinzukommen.
Stille von seiner Seite. Er schien nachdenklich.
Ich stieg aus.
Bruno überlegte: So viele Jahre war er mit keiner Frau mehr
allein zusammen gewesen. Er fühlte sich auf einmal unsicher. Gut, dachte Bruno,
wir sind zwei erwachsene Personen, und stieg aus.
Im Wohnzimmer bat ich Bruno, sich zu setzen.
„Kaffee?“, fragte ich.
„Eigentlich wäre mir um die Uhrzeit ein Tee lieber.“
„Tatsächlich! Dann hast du Glück. Ich habe eine ganze
Teesammlung. Ich trinke zu Hause gerne Tee.“
„Egal welchen? Hibiskus?“
„Ja, ist mir recht.“
Mit der dampfenden Tasse kuschelten wir eng aneinander.
Bruno räusperte sich. „Sibille, es ist schon ziemlich spät.
Ich fahre dann.“
Spontan sagte ich: „Du kannst auch hier auf der Couch
schlafen.“
Bruno runzelte die Stirn.
Bevor er es sich anders überlegte, flitzte ich in mein
Schlafzimmer und holte eine Wolldecke.
Überrumpelt nickte er.
„Vorne im Gang ist das Bad“, erklärte ich kurz. „Also, gute
Nacht.“
Ich beugte mich zu ihm, und wir küssten uns. Es fühlte sich
so schön weich an und so selbstverständlich.
Ich ging und ließ Bruno zurück und zog die Wohnzimmertür zu.
Bruno fuhr sich mit seiner Hand über seine Lippen. War das
jetzt wirklich geschehen, oder wenn er aufwachte, war alles nur ein Traum?
Beide schliefen irgendwann ein, und jeder träumte vom
anderen.
*****
Am Morgen klopfte ich an die Wohnzimmertür. Bruno hatte sich
längst fertig gemacht. Er hatte ja nur mit seinem T-Shirt und seiner
Boxershorts geschlafen und stand jetzt fertig angezogen in der Küche.
Ich kam herein. Es duftete nach Kaffee. Bruno hatte
Frühstück gemacht.
Wie herrlich.
*******
Beim Frühstück flirteten wir, was das Zeug hielt, und
scherzten miteinander.
Bevor wir hinausgingen, standen wir ganz dicht im Gang.
Bruno zog mich zu sich, wir küssten uns Innig. Es fühlte sich so echt an.
Langsam ließen wir uns
wieder los, und Brunos Stimme zitterte leicht: „Sibille, ich will, dass
wir immer zusammenbleiben.“
Ich blickte ihm tief in die Augen. „Ich auch.“
*****
Im Büro erwischte ich mich immer wieder dabei, wie ich vor
mich hinträumte.
Das Handy riss mich aus meinen Träumen. Susanne.
„Hallo, Sibille. Du lässt dich ja überhaupt gar nicht mehr
blicken!“
„Ähm, entschuldige.“
Hat Johan nichts gesagt, dachte ich.
„Gut, treffen wir uns bei einem Kaffee.“
Wir kicherten und lachten albern. Ich erzählte von Bruno,
mit einem glücklichen Grinsen.
Susanne beugte sich vor und flüsterte: „Und liebt ihr euch?“
Ohne zu überlegen, flüsterte ich zurück: „Ja. Es ist total
verrückt.“ Mein Herz machte dabei Purzelbäume.
„Wie schön sich das nach all den Jahren anfühlt, wieder
einen Mann an der Seite zu haben“, schwärmte ich.
Susanne schenkte mir ein glückliches Lächeln und nickte mir
zu.
Nach Feierabend ging ich schon mal vor. Johan hatte noch ein
Telefongespräch.
Kaum stand ich draußen, kam auch schon Bruno angefahren.
Ich stieg ein. „Bruno, ich bin heute bei Susanne und Johan
eingeladen.“
Mit verständnisvollen Augen blickte er mich an. „Das kann
ich verstehen, dass dein neugewonnener Bruder und Susanne dich gerne bei sich
haben wollen.
Außerdem trifft sich das gut. Ich muss sowieso bei mir in
der Wohnung klar Schiff machen.“
Ich lächelte.
Am Abend war ich bei den beiden. Wir machten uns einen
gemütlichen Fernsehabend.
Es fühlte sich so schön an. Später übernachtete ich auf der
Wohncouch und schlief selig ein.
*****
Wie so oft trafen wir uns bei mir zu Hause. Zusammen machten
wir Abendessen, beziehungsweise ich schnippelte und Bruno kochte.
„Also wirklich“, schwärmte ich, „du hast wirklich lecker
gekocht. Woher kannst du so gut kochen?“
Bruno schmunzelte: „Mein Vater war ein alleinerziehender
Vater. Wir waren ein Drei-Männer-Haushalt.
Mein Vater meinte, ein Mann sollte sich wenigstens ein
warmes Essen kochen können.“
Ich grinste ihn an. „Schmeckt echt lecker.“
Wir machten es uns etwas später auf der Couch bequem.
Bruno rückte mir näher, und ich kuschelte meinen Kopf an
seine Schulter. Er streichelte über meinen Kopf. Ich fing an zu schnurren, denn
ich liebte dieses Gefühl sehr. Eine Hand strich über meine Brust, und ein
Seufzer entfuhr mir.
Bruno hielt inne. „Sibille, ich muss dir was sagen. Ich war
schon so lange mit keiner Frau mehr zusammen …“
Innerlich hielt ich die Luft an.
„Bruno, bei mir ist es auch schon eine Ewigkeit her, dass
ich mit einem Mann zusammen war.“
Erleichtert lächelten wir uns an.
Der Knoten war geplatzt. Wir kuschelten, streichelten uns,
küssten uns … und jedes Mal, wenn wir zusammen waren, kamen wir uns noch näher.
Immer entdeckten wir neue Stellen, an denen wir uns
streichelten und verwöhnten. Wir konnten gar nicht mehr die Hände voneinander
lassen.
Es steigerte sich immer mehr, sodass wir, wie wir es
nannten, beim Kuschelsex gelandet waren.
*****
Heute Abend hatte Bruno mich in ein Restaurant in seiner
Stadt eingeladen. Ich war ein wenig aufgeregt. Ein Abendessen mit dem Mann, den
ich liebte … Vielleicht sagte ich es ihm heute oder er mir.
Ich zog mein kleines Schwarzes an. Na, eigentlich war es ein
langes schwarzes Abendkleid, das mit vielen kleinen goldfarbenen Fäden
durchzogen war, die glitzerten, wenn ich mich bewegte. Es gefiel mir sehr. Ich
hatte es extra für den Anlass gekauft. Es stand mir echt gut. Ich drehte mich
noch einmal vor dem Spiegel und strich über das Kleid. Es saß einfach perfekt.
Nach dem Essen fuhren wir zu ihm. Ich packte meine Tasche:
Wäsche zum Wechseln, Zahnbürste, Kulturtasche. Mein Lieblingslippenstift war
auch drin.
Erstes Mal … Ich wippte mit meinen Zehen schon vor
neugieriger Aufregung, weil ich bei Bruno übernachten würde.
Ich war total gespannt, wie seine Wohnung aussah.
Ich träumte vor mich hin … „Sibille“, ermahnte ich mich
selbst und packte fertig ein.
Gefühlte x-mal blickte ich aus dem Fenster und hypnotisierte
die Uhr.
Gut, ich setzte mich. Vom Hin- und Herlaufen vor dem Fenster
wurde es auch nicht besser.
Ich musste eingenickt sein. Ein Hupen, und ich erschrak
kurz.
Bruno. Sofort packte ich meine Sachen zusammen.
Vor der Tür kam mir Bruno entgegen und nahm mir die Tasche
ab.
„Wow, Sibille, du siehst klasse aus, einfach umwerfend.“
Er stellte meine Tasche auf dem Rücksitz ab.
Ich brachte kein Wort heraus. Bruno trug einen eleganten
Anzug. Er sah darin einfach umwerfend aus.
Mit einem breiten Grinsen stieg ich ein.
Drinnen im Auto hielten wir während der ganzen zweihundert
Kilometer Fahrt unsere Hände.
********
Vor dem Eingang las ich die riesige, geschwungene Schrift
„Restaurant PINO“. Das ist doch das Restaurant, in dem sich Johan und Susanne
kennengelernt haben. Mir lief ein kleiner Schauer den Rücken hinunter. Ich
drückte die Hand von Bruno ein wenig.
Bruno erwiderte seinerseits den Händedruck und lächelte mich
zuckersüß an.
Drinnen im Restaurant folgten wir einem stilvoll gekleideten
Kellner durch den großen Saal, vorbei an den Tischen, bis wir weiter hinten an
einer versteckten Nische ankamen.
Ein Blumen-Paravent, eine Breitseite offen, dahinter ein
liebevoll hergerichteter runder Tisch. Wir setzten uns. Auf dem Tisch stand ein
handgroßes Teelicht in Herzform.
Wir schauten uns gegenseitig liebevoll an.
„Weißt du“, fängt Bruno an, „das ist unser aller
Lieblingsrestaurant. Hier haben sich Johan und Susanne kennengelernt.“
Ich nickte. „Ja, ich weiß.“
„Hier haben wir gefeiert, wenn in unserem Leben etwas
Besonderes geschehen ist.“
Stille lag in der Luft.
„Sibille, du bist mein Leben. Du sitzt da mit deinem
schwarzen, umwerfenden Abendkleid, deine offenen blonden Haare – wie ein Engel
siehst du aus …“
Ich reichte meine Hände zu ihm rüber.
Und hauchte: „Du bist auch mein Engel.“
Schmachtend schaute ich Bruno an, mit seinen dunkelbraunen,
schimmernden, kurzen Locken, sein Hemd drei Knöpfe offen und einige seiner
Brusthaare schauten heraus. Wie süß er ausschaut, dachte ich.
Wir schmachteten uns liebevoll an.
Bruno räusperte sich. „Bestellen wir?“
Beim Essen konnten wir die Augen nicht mehr voneinander
lassen.
Inzwischen hatte ich meine Stöckelschuhe abgestreift, und
auch Bruno hatte heimlich seine Schuhe entledigt, und wir füßelten herum.
Oberhalb des Tisches lachten und scherzten wir miteinander.
Nach dem leckeren Schokodessert saßen wir einfach nur da,
und ein angenehmes Schweigen umhüllte uns.
Als ich eine zarte Musik bemerkte, spitzte ich die Ohren.
Ich reckte den Kopf. Wo die wohl herkam?
Bruno deutete auf unsere Schuhe. „Komm, tanzen wir.“
Er kam um mich herum, führte mich auf eine freie Fläche. Ich
bemerkte die leicht überraschten Blicke der anderen Gäste.
Eng an ihn geschmiegt: „Sag mal, hast du die Musiker
bestellt?“
Mit einem verschmitzten Lächeln: „Ich kenne den Besitzer. Er
ist ein Schulfreund von uns.“
Ich schüttelte leicht den Kopf.
Wir tanzten einen Tanz nach dem anderen, bis uns ganz
schwindlig wurde.
Bruno strich mir über meine Schulter. „Komm, wir setzen uns
wieder.“ Er gab den Musikern ein kleines Zeichen.
Am Tisch setzte sich Bruno ganz nah neben mich.
„Willst du noch etwas trinken oder sollen wir nach Hause
fahren?“, fragte mich Bruno sanft.
„Lass uns nach Hause fahren“, murmelte ich und stand auf.
Beim Hinausgehen lehnte ich meinen Kopf an seine Brust. Er
legte seinen Arm um mich. Ich blickte nach oben und sah sein zufriedenes
Lächeln.
Langsam schlenderten wir zum Auto.
*****
Etwas außerhalb der Stadt sah ich einen großen Bungalow,
eingebettet in ein Gartengrundstück.
„Da sind wir“, meinte Bruno und holte meine Tasche aus dem
Auto.
Im Gang entledigten wir uns unserer Schuhe, und wir
schlüpften in flauschige Socken. Bruno ging voraus, mit mir an der Hand.
Er zeigte mir die Wohnung, die in einer angenehmen
Cremefarbe gestrichen war, stellte die Tasche in seinem Schlafzimmer ab. Ein
ziemlich breites Doppelbett und ein Sideboard, warme Deckenleuchten waren am
Rand entlang der Decke eingefasst. Daneben ein weiterer Raum, einfach traumhaft
– ein Ankleidezimmer. Ich tänzelte hinein.
Er zog mich ins Wohnzimmer weiter. Dort ließen wir uns auf
die Wohnlandschaft fallen. Meine Blicke schweiften umher. In dem großen
Wohnzimmer war die Küche durch eine hohe und lange Theke getrennt, davor zwei
Hocker.
„Bruno, du hast es dir wirklich wunderbar eingerichtet“,
bewunderte ich.
„Ja, mein Bruder hat den Bungalow damals gekauft, und wir
haben dann zwei separate Wohnungen daraus gemacht. Ich glaube, das ist uns ganz
gut gelungen.“
„Ja, das ist euch mehr als gut gelungen.“
Wir unterhielten uns über das Essen, wie vorzüglich es
geschmeckt hatte.
Dabei erwähnte Bruno: „Mein Bruder kann auch ausgezeichnet
kochen“, und strich sich über sein kleines Bäuchlein.
„Ich liebe dein Bäuchlein“, und ich schob sein Hemd hoch und
küsste seinen Bauch.
Um dann mir einen Kuss abzuholen. Dabei strich Bruno mit
seiner Hand über meine Brust. Ein sanftes Stöhnen entwich mir. Er streichelte
mir über die Haare, was ich so sehr mochte, und ich fing an zu schnurren.
Ich sprang auf. „Ich hab eine Idee. Hast du eine leere
Flasche?“
„Na, sicher“, meinte Bruno und schaute mich mit dem Blick an: Was wird da wohl kommen?
Im Wohnzimmer saßen wir auf dem weichen Flauschteppich am
Boden.
Die Flasche lag am Boden. „Also, wenn die Flasche auf einen
von uns zeigt, soll derjenige ein Kleidungsstück ausziehen.“
9. *****
„Gut, Ladies first“, grinste Bruno. Der Flaschenkopf zeigte
in die Küche.
„Dann komme ich wohl dran“, lächelte Bruno.
Der Flaschenkopf kam bei mir zum Stoppen.
„Okay, bevor du dein Kleid ausziehst, möchte ich dich etwas
fragen: Wann war dein erstes Mal?“
„Mit achtzehn. Wir waren so verliebt. Er entschied aber
dann, im Ausland zu studieren. Ich kann mich noch erinnern, wie wir uns am
Flughafen einen Abschiedskuss gaben, mit dem Versprechen, wiederzukommen. Aber
als er hinter dem Eingang verschwand und ich dort alleine stand, das
Stimmengewirr hörte und das Aufblinken der Anzeigetafeln sah, wusste ich, dass
ich ihn nicht mehr sehen würde.“
Ich zog mein Kleid aus. Danach drehte ich die Flasche. Ich
hatte den Dreh heraus. Der Flaschenhals hielt direkt bei Bruno an.
„Wann war dein erstes Mal?“
„Also, gegen dich bin ich direkt ein Spätzünder. Erst mit
einundzwanzig.“
„Es hielt nicht lang. Es ging irgendwann von selber
auseinander.“
Bruno zog sein Hemd aus und drehte die Flasche erneut. Bevor
er mich fragte, flitzte er hinaus, um zwei modische, farbige Morgenmäntel zu
holen. Einen davon legte er mir auf die Schulter und den anderen zog er selbst
an.
Er lächelte mild. „Damit dir nicht kalt wird.“
„Lieb von dir. Danke dir, Bruno.“
„So, ich komme dran“, erinnerte Bruno. „Deine erste feste
Beziehung?“
Ich neigte meinen Kopf. „Das ist bestimmt schon über zehn
Jahre her. Nur ohne Sex. Er konnte es sich nicht mehr vorstellen, da er so
viele Jahre alleine war, und bei mir war es zu dem Zeitpunkt ähnlich. Nach drei
Jahren sagte er mir, er könne das nicht mehr. Er habe festgestellt, dass er
lieber alleine leben will und er fühle, dass ich mehr brauche, was er mir nicht
geben kann.“
Dann nahm ich meinen BH ab.
Dann, nach einem Dreh der Flasche, kam Bruno wieder dran.
„Deine letzte feste Beziehung?“
Bruno schwieg einen Moment. „Lange, sehr lange, zu lange …“
Und schob seine schwarze Hose hinunter.
Jetzt blieb nur noch die Boxershorts.
Er drehte die Flasche erneut.
„Dein erster Liebling?“
„Johan, bevor ich wusste, dass er mein Bruder war. Mein Herz
wusste es.“
Nun streifte ich auch mein Höschen herunter.
Ich drehte die Flasche nochmal.
„Dein erster Liebling.“
Bruno sah mich an wie eine verführerische Praline, die er
gleich verspeisen will.
„Man schweigt und genießt.“ Bruno grinste verschmitzt,
streifte seine Boxershorts ab. Zwischen dem Morgenmantel erspähte ich seinen
schönen langen Penis.
Bruno erhob sich, nahm mich auf seine starken Arme, und wir
gaben uns lange, leidenschaftliche Küsse. Bruno trug mich ins Schlafzimmer und
legte mich ins Bett. Ich drehte mich seitlich, und Bruno legte sich dicht
hinter mich. Ich spürte seine weiche, warme Haut, seine Arme umarmten mich. Er
liebkoste meinen Hals. Seine Hände zeichneten meine Brüste ab, zärtlich
streichelte er sie. Es erregte mich. Er streichelte immer weiter, bis ich leise
anfing zu stöhnen. Ich spürte, wie sein Penis von hinten in mich eindrang. Ein
weiteres Stöhnen entwich mir. Er strich meine Brüste weiter. Meine Muschi wurde
ganz feucht. Kleine Stöße spürte ich, die mich ganz verrückt machten.
„Och“, stöhnte ich. In dem Moment war er auf mir und stieß
sanft zu und noch einmal. Ich warf meinen Kopf hin und her. Er fuhr zurück,
noch einmal ein Stoß, noch mal. Ich war laut. Ich bäumte mich auf. Er küsste
meine Brüste. Im Inneren schrie ich: „Nimm mich!“ Er stieß noch einmal zu. Ich
stöhnte so laut, dass ich in der Sekunde dachte: Nicht, dass die Fenster
zerbersten. Ich hielt den Atem an. Ich hörte ihn erregt röcheln, das machte
mich so scharf … Ich spürte noch einen Stoß, wie sein Penis anschwoll. „Och.“
Ich schwebte. Ich fühlte mich nicht mehr. Unser Orgasmus
holte uns ein. Wir fielen wie zwei Seile ineinander. Keiner ließ den anderen
los. Erschöpft schmiegten wir uns eng aneinander.
Wir nickten ein. Halb wach spürte ich, wie Bruno erst ganz
sacht mit Daumen und Zeigefinger meine Brustwarzen hin und her wippte und
drehte. Das erregte mich so sehr, dass ich mich aufbäumte. Ich merkte, dass er
auch total erregt war. Meine Muschi war total nass. Ich spürte, wie sein Penis
hart wurde. Er machte einen starken Stoß. Ich klammerte mich an seine Schulter.
Ich war laut, so laut. Er machte weiter. Innerlich wurde mir heiß. Ich warf
meinen Kopf hin und her. Ein befreiendes Gefühl breitete sich in mir aus. Ich
horchte Bruno. Er röchelte zufrieden. Ich bäumte mich auf, hielt mich an ihm
fest. Er holte mich ab, trieft zufrieden sanken wir zusammen. Sein Penis
rutschte aus mir. Wir lagen dicht zusammen, blickten uns tief in die Augen.
Zärtlich streichelte Bruno mir über meine Haare und dann über mein Gesicht.
Wir lagen einfach so eine Zeit lang, bis Bruno langsam
aufstand.
„Ich gehe duschen.“
Ich folgte ihm mit meinen Augen. Wenig später stand ich mit
ihm unter der Dusche, und wir seiften uns gegenseitig ein.
Danach schlüpften wir wieder in die Morgenmäntel, darunter
trug ich nur meinen Slip und er seine Boxershorts.
10.
Ab in die Küche. Frühstücken.
Bei dem kleinen Tisch berührten sich unsere nackten Beine.
Dieser weiche, ergreifende, feste Blick von ihm, den ich erwiderte.
Bruno nahm meine Hände, schob sie sacht zusammen und legte
seine große Hand darauf. Fast ehrfürchtig bedacht sagte er: „Sibille, ich liebe
dich.“
Mir blieb leicht der Mund offen. Mein Herz schlug
Purzelbäume. Er kam rüber, zog mich zu sich hoch, küsste mich und setzte mich
wieder ab. Ich sah zu ihm hoch, meine Augen wurden ganz glasig. Fast lautlos
kam über meine Lippen: „Bruno, ich liebe dich so sehr.“
Und hielt seine Hand an mein Herz. Wir hielten uns einfach
nur fest.
Langsam ließen wir uns wieder los.
*****
„Sibille, wir grillen heute. Wenn du willst, kannst du
bleiben. Mein Bruder Jan, sein … Freund, er übernimmt das heute. Normal lässt
mein Bruder niemanden so leicht in seine Küche, aber so, wie es ausschaut, hat
Herbert seine Küche erobert und nicht nur das, auch meinen Bruder.“
„Sag mal, ist dir das peinlich, dass dein Bruder schwul
ist?“
„Das nicht.“ Er verneinte leicht. „Aber ich hab meinen
Bruder noch nie so nah gesehen. Zwei Männer, die sich küssen, es fühlt sich
einfach ungewöhnlich an.“
Fast forsch platzte ich heraus: „Was spielt das für eine
Rolle – Frau, Frau – Mann, Mann oder Frau und Mann? Zwei Menschen lieben sich
und fertig. Jeder hat es verdient, mit dem Menschen, den er liebt, zusammen zu
sein“, sagte ich überzeugt.
„Was heißt hier überhaupt, ich kann bleiben? Eigentlich
dachte ich …“, und schob seinen Morgenmantel oben ein wenig zur Seite und
strich über seine Brustwarzen und grinste ihn an: „Dass du möchtest, dass ich
für immer bleibe.“
Bruno verstand sofort.
„Sibille, bleib bei mir. Ich …“
Wir küssten uns leidenschaftlich. Als sich unsere Lippen
lösten, hauchte Bruno: „Ich liebe dich so sehr.“
Ich hauchte zurück: „Ich erst“, und streckte keck meinen Po
ihm entgegen.
„Ich ziehe mich lieber an, damit wir dann grillen können“,
sagte ich lachend.
Draußen im Garten stand schon der Grill. Ich setzte mich auf
einen der Klappstoffstühle und versank darin.
Ich beobachtete Jan und Herbert, wie sie abwechselnd hin und
her liefen und jedes Mal, wenn die beiden sich am Grill trafen, sich ein
Küsschen gaben, wie Jan an der Terrasse stand, als Herbert hineinwollte, und
Jan ihm beim Vorbeigehen den Po streichelte.
Dachte ich: Ach, wie schön, wenn man sich so liebt.
Die beiden bemerkten mich gar nicht, als sie sich hinter dem
Grill küssten. Als sich ihre Blicke auf mich trafen, formte ich mit meinen
Lippen einen Kussmund und schickte ihnen einen Kuss zu.
Sie strahlten mich beide glücklich an.
In dem Moment spürte ich Brunos starke Hände auf meiner
Schulter. Er beugte sich von hinten zu mir vor und küsste mich.
Danach ging er mit großen Schritten auf Jan und Herbert zu.
Er umarmte seinen Bruder, dann Herbert und gab ihm spontan
einen Schmatzer auf dessen Mund. Seine Augen weiteten sich. Jan fragte irritiert: „Sag mal, willst du
mich eifersüchtig machen?“
„Nö, ich will, dass Herbert und ich Freunde sind“, lächelte
er beide an.
Danach umarmten sich alle drei Männer.
Sie schauten zu mir rüber. Ich machte mit den Händen ein
Herz.
Wir rückten zusammen. So, jetzt konnte es mit dem Grillen
losgehen.
Wir lachten, quatschten, scherzten. Dann meinte Jan: „Das
nächste Mal laden wir Johan und Susanne ein.“
Ich nickte glücklich.
Das war wirklich ein schöner Tag, dachte ich für mich.
*****
Auch fünf Jahre später liebten wir uns noch so sehr.
In der Wohnung jagten wir uns gegenseitig. Wir sprangen,
hüpften, schrien herum, völlig aufgedreht von den vielen Liebesspielen, grölten
und polterten mit den Stühlen.
Ein lauter Ruf von draußen: „Bruno, sag mal, seid ihr total
besoffen?“, fragte Jan bedenklich.
Einen Spalt weit öffnete Bruno die Terrassentür. Ich spitzte
zur Tür hinaus.
„Ja, ja, wir sind total liebestrunken“, grinste ich Jan
frech an.
Von hinten packte mich Bruno. Ich hörte nur noch das
Zuschieben der Gardinen und das Klacken der Tür. Er verwickelte uns in einen
stürmischen, leidenschaftlichen Kuss.
Ende