5 Ekim 2026 Pazartesi

🕵️‍♂️Detektiv Bamy – Im falschen Leben

Detektiv- Romanze für Erwachsene Herzen 💗

*

Detektiv Bamy schlief tief und fest, aber unruhig. Er träumte … von einem gefundenen Zettel. Er lief und lief. Wohin, wusste er nicht. Es gab keinen Weg …

Der Zettel verfolgte ihn in seinen Träumen. Er tauchte in einen Tunnel, in dem kein Wasser war … Erschrocken wachte er auf.

Mit nach vorn gebeugtem Oberkörper schnaufte er und schnappte nach Luft …

Nachdem er sich etwas orientiert hatte, sah er ein Stück Papier in seiner rechten Hand, das er fest umklammert hielt. Er öffnete seine Hand. Das durfte doch nicht wahr sein! Das war der Zettel … Wo der herkam und wie dieser zu ihm gekommen war, war ihm einfach schleierhaft …

So etwas war ihm in den ganzen Jahren als Detektiv noch nie vorgekommen.

Und so war er da, dieser Zettel … zerdrückt, die Faltstellen deutlich zu erkennen und die weibliche Schrift darauf:

Hilfe, ich befinde mich im falschen Leben.

Seit einer Woche, seit dieser Zettel bei ihm aufgetaucht war, ließ er ihn nicht mehr los. Es war wie ein unsichtbarer Drang, einer Spur zu folgen, zu suchen, was auch immer. Es machte ihn verrückt …

Wie oder was sollte er finden? Wo …

Er drehte den Zettel in seinen Händen, wie so oft …

Es mussten Fingerabdrücke darauf sein …, schoss es ihm durch den Kopf.

Okay, das war herauszufinden …

Total verrückt … Wohin sollte die Suche führen … zu wem?

Er kannte keine Antwort darauf, nur ein bestimmtes, antreibendes Gefühl, das ihm keine Ruhe ließ. Wenn nicht er, wer dann? Er, Detektiv Bamy!

Also ab zum Labor.

Man kannte sich gut. Es war wie seine zweite Heimat. Wie viele Stunden hatte er hier schon zugebracht und Fälle aufgedeckt.

Zielstrebig steuerte er den Laborraum an.

Dort gab er den Zettel ab, und jetzt hieß es warten. Das war die Detektivarbeit an sich: warten auf Ergebnisse, warten auf den richtigen Zeitpunkt, warten, bis sich etwas ergab …

***

Ein Anruf vom Labor.

Vor Ort erfuhr er, dass die Fingerabdrücke einer Frau Seidel gehörten, die in Diestelhof gelebt hatte und ins Ausland gegangen war.

Das sei aber schon Jahre her.

Interessant, dachte er. Er war hier in Brookfield … und der Zettel stammte von einer Frau, die wahrscheinlich im Ausland lebte und aus Diestelhof kam …

Also musste Bamy nach Diestelhof.

Dort fand er die schwer kranke Schwester vor. Sie hatte schon lange keinen Kontakt mehr zu ihrer Schwester.

Lena hatte geheiratet. Sie war damals mit ihrem Mann und ihrem Kind nach Üsüme gezogen. Ihre Schwester konnte sich erinnern, dass Lena vor Jahren ein Buch geschrieben hatte, das sie an die Adresse ihrer Eltern geschickt hatte. Ob es dort jemals angekommen war, wusste sie nicht, da es ihr unmöglich war, vierhundert Kilometer zu fahren. Seit ihr Vater gestorben war, war das Haus leer geblieben.

Der Schlüssel zum Haus war im Briefkasten, und der Schlüssel zum Briefkasten war im kleinen Holzschuppen unter einem Balken zu finden.

Er war dort für die Nachbarin zum Lüften hinterlegt worden.

Also machte sich Detektiv Bamy auf den Weg und fuhr dorthin. Vor dem Haus hing der Briefkasten. Den Schlüssel dazu fand er unter dem Balken im Holzschuppen …

Er öffnete den Briefkasten. Werbung, alte Zeitungen und der Hausschlüssel kamen zum Vorschein … Nur kein Buch.

Im Haus schaute sich Detektiv Bamy um. Im Wohnzimmer lag schließlich unscheinbar ein Buch. Vielleicht war es das Buch?

Er nahm es auf, las einige Zeilen darin und erkannte, dass er es mitnehmen und in Ruhe zu Hause in Brookfield lesen wollte.

…

In Brookfield.

Detektiv Bamy legte das Buch erst einmal in seinem Schreibbüro ab, aber so richtig losgelassen hatte es ihn nicht … In der Nacht drehte er sich hin und her. Am nächsten Tag, nach seinem dürftigen Frühstück, schien dieses Buch irgendwie auf ihn zu warten.

Er setzte sich auf sein abgenutztes Sofa und schlug das Buch auf. Da bemerkte er am Buchdeckel eine angeklebte Seite. Vorsichtig löste er sie mit Dampf und sah … sah … den Titel:

Im falschen Leben

Detektiv Bamy holte sofort den Zettel heraus, den er wie eine zweite Haut in seiner Hosentasche trug.

Als seine Augen über den Zettel glitten …

Murmelte er: „Wie hier:  Im falschen Leben.“

Es bestätigte ihm, dass es sich um dieselbe Frau handeln musste.

Darunter stand das Geburtsjahr. Danach wäre sie 65 … Er selber war 68 und machte seine Detektivarbeit nur noch als Beschäftigung …

Nichts hielt Detektiv Bamy mehr zurück. Er fing an zu lesen …

**

Lena saß am Tisch. Die Tischdecke hatte schon bessere Zeiten erlebt. Sie war mehrfach gewendet worden, total vergilbt und deutlich abgetragen. Lena betrachtete sie eine Weile, dann wanderte ihr Blick zum Fenster hinaus.

Wie war ihr Leben eigentlich so geworden?

„Oh, in was für einem Bermuda-Dreieck bin ich nur gelandet?“, murmelte sie vor sich hin.

Ihre Gedanken wanderten zurück zu der Zeit, als sie vor Jahren nach Üsüme gekommen war. Nicht unbedingt aus freien Stücken. Ihr Mann hatte unbedingt in seine Heimat zurückkehren wollen. Und Lena hatte nachgegeben. Sie wollten, dass ihr Kind mit Mama und Papa aufwuchs, dass es eine Familie hatte, in der beide Elternteile für es da waren.

Nun saß sie hier und versuchte, ihr Leben aufzuschreiben.

Dabei dachte sie, dass sie ihre Kindheit und die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens doch eigentlich in eineinhalb Seiten zusammenfassen könnte. Nur wenn sie ehrlich war, reichte das nicht einmal annähernd. Manche Menschen brachten ihr Leben vielleicht tatsächlich in einem einzigen Buch unter. Ihr Leben würde für einen ganzen Bücherband reichen.

Ihre Gedanken wanderten zurück in ihre Kindheit. Damals hatte sie geglaubt, frei zu sein. Sie war viel draußen gewesen, hatte gespielt und die Welt auf ihre eigene Weise entdeckt. Erst viel später hatte sie begriffen, wie ungerecht ihre Kindheit eigentlich gewesen war.

Ihre Mutter hatte sie und ihre Geschwister oft geschlagen, manchmal wohl auch aus Frust. Sie gab den Kindern die Schuld daran, dass sie ihren Lieblingsberuf nicht ausüben konnte. Sie mussten sich anhören, dass ihr niemand half und sie alles allein bewältigen musste. Außerdem schob sie viele ungeliebte Arbeiten den Kindern zu. Wie etwa das Staubsaugen. Der Staubsauger war so schwer, dass Lena ihn nur zusammen mit ihrer Schwester die Treppen nach oben tragen konnte.

Oder das tägliche Abspülen, das Lena aufgetragen worden war und das sie bis heute hasste. Der Mutter war nie alles gut genug. Immer fand sie etwas zum Aussetzen.

Als die Kinder älter wurden, hörten die Schläge auf. Doch an ihre Stelle traten stundenlange Schimpfereien und Geschrei.

Manchmal hatte Lena damals gedacht, es wäre besser, ihre Mutter würde sie einfach einmal schlagen. Dann wäre es wenigstens gleich vorbei. Dieses stundenlange Geschrei war manchmal schlimmer zu ertragen als alles andere. Ihr Vater hatte immer nur gearbeitet, um die Familie zu ernähren, und war, wie Lena fand, viel zu früh einfach weggestorben.

Lena seufzte leise. So vieles lag hinter ihr. Und doch war es noch immer da, irgendwo in ihren Erinnerungen.

Schließlich dachte sie an ihre früheren Beziehungen. An den ersten Mann, mit dem sie zusammen gewesen war. Wenn sie heute daran zurückdachte, war es nichts Besonderes gewesen. Sie hatten sich kennengelernt, waren ein Paar geworden und hatten eine ganz gewöhnliche Beziehung geführt. Sie hatten ihren Alltag miteinander geteilt, und auch die körperliche Nähe hatte selbstverständlich dazugehört.

Damals hatte sie sich darüber kaum Gedanken gemacht. Es war einfach ein Teil ihrer Beziehung gewesen.

Lena hatte sich früher vorgestellt, nur eine Beziehung zu führen, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Damals hatte sie sich eine ganz normale Zukunft gewünscht. Einen Mann an ihrer Seite, eine Familie und ein Zuhause, in dem sie sich geborgen fühlen konnte.

Später, an ihrem Arbeitsplatz, hatte es einen Mann gegeben, in den sie sich ein wenig verliebt hatte. Eines Tages hatte er sie beim Aufzug geküsst. Mehr war nicht passiert. Doch Lena war ehrlich gewesen und hatte ihrem damaligen Freund davon erzählt.

Sie hatten damals beschlossen, es noch einmal miteinander zu versuchen. Aber irgendwann stellte sich heraus, dass sich auch eine andere Frau in ihren Freund verliebt hatte. Die beiden kamen zusammen, und schließlich gestand er Lena, was geschehen war. Damit war ihre Beziehung endgültig vorbei. Im verflixten siebten Jahr, wie beide der Meinung waren.

Einige Monate später lernte Lena einen Mann kennen, der weit weg wohnte. Ihre Mutter war davon alles andere als begeistert gewesen.

Viel zu weit weg! Was wollte sie mit einem Mann, der außerdem deutlich älter war als sie? Das würde doch sowieso nichts werden. Ihre Mutter hatte für die Beziehung kaum ein gutes Wort übrig gehabt.

Doch Lena ließ sich nicht davon abbringen. Sie wollte es auch gar nicht hören.

Die Beziehung hielt ungefähr zwei Jahre. Im Nachhinein musste Lena feststellen, dass der Mann ihre Gutmütigkeit ausgenutzt hatte. Schließlich waren sie im Streit auseinandergegangen, und Lena war ohne Geld zurückgekehrt. Sie hatte wieder bei ihrer Mutter wohnen müssen und sich deren Vorwürfe anhören dürfen. Als hätte sie nicht ohnehin schon genug Sorgen gehabt.

Zum Glück fand sie bald eine neue Arbeitsstelle.

Dort gab es einen netten Mann, der sich sehr um sie bemühte. Er machte ihr ständig den Hof, doch zunächst wollte Lena nichts von ihm wissen. Er war eigentlich nicht ihr Typ.

Aber er ließ nicht locker.

Irgendwann schlug er vor, gemeinsam schwimmen zu gehen. Lena dachte sich: Warum eigentlich nicht? Schwimmen konnte man schließlich auch mit jemandem, in den man nicht verliebt war.

Im Schwimmbad kam dann alles anders. Als er sie zu sich zog und küsste, küsste sie ihn zurück. Und plötzlich war da etwas, womit sie selbst nicht gerechnet hatte.                Sie wurden ein Paar.

Dieser Mann war lieb, freundlich und aufmerksam. Er verstand es, Lena zu zeigen, dass er sie schätzte. Oft schien er ihr ihre Wünsche beinahe von den Augen ablesen zu können. Bei ihm fühlte sie sich angenommen, und seine liebevolle Art bedeutete ihr viel.

Seltsamerweise akzeptierte auch ihre Mutter ihn. Er konnte gut mit ihr umgehen.

Doch der Mann hatte im Gefängnis schwere Zeiten erlebt, die ihn geprägt hatten. Körperliche Nähe war zwischen ihnen selten, jedenfalls nicht so, wie Lena es sich gewünscht hätte. An sich hätte sie damit vielleicht leben können. Sie schätzte ihn, und seine Zuneigung war ihr wichtiger als vieles andere.

Aber ein Wunsch blieb unerfüllt: Sie wollte Kinder haben. Auch hier schlug das verflixte siebte Jahr zu.

Mit der Zeit wurde dieser unerfüllte Wunsch zu einer Belastung für sie. So schwer Lena es auch fiel, letztlich trug er dazu bei, dass ihre Beziehung auseinanderbrach.

***

Etwa zwei Jahre später brauchte Lena dringend einen Nebenjob, denn finanziell reichte es einfach nicht. Sie begann, bei anderen Leuten zu putzen. Darunter war ein selbstständiger Lastwagenfahrer, der ursprünglich Elektriker gelernt hatte und nebenbei auch in diesem Beruf arbeitete.

Schon bald bemerkte er, wie klug Lena war. Schließlich stellte er sie für sein Büro ein.

Er machte ihr Komplimente, besonders über ihr Aussehen. Immer wieder sagte er ihr, dass sie einen sexy Po und eine tolle Figur habe. Lena fühlte sich geschmeichelt. Es gefiel ihr, begehrt zu werden und solche Komplimente zu hören.

Mit der Zeit entwickelte sich daraus mehr. Sie verliebten sich ineinander und wurden ein Paar.

In den ersten vier Jahren hatten sie eine wilde Zeit zusammen. Sie liebten sich, teilten ihren Alltag und bauten sich ein gemeinsames Leben auf. Dieser Mann wurde zu ihrem Herzensmenschen.

Und schließlich ging auch Lenas größter Wunsch in Erfüllung: Sie bekamen ein Kind.

Damit schien ihr Glück vollkommen.

Als das Kind noch klein war, lief vieles gut. Sie taten alles, um ihm ein schönes Leben zu ermöglichen. Lena genoss die Zeit als Mutter, und für eine Weile schien ihre kleine Familie genau das zu sein, was sie sich immer gewünscht hatte.

Aber gleichzeitig saß sie zwischen zwei Stühlen. Ihre Mutter machte ihre Beziehung immer wieder madig. Lena sei ihm hörig, und wie sie es überhaupt mit einem bestimmenden Mann aushalten könne …

Lena hatte gedacht, dass ihre Mutter sich ändern würde, da Selma ihr einziges Enkelkind war. Aber ihre Mutter konnte ihre Art, alles bestimmen zu müssen, nicht ablegen. Und so blieb das Verhältnis angespannt.

 

Detektiv Bamy blickte kurz über sein Teeglas hinweg und atmete tief durch, bevor er weiterlas.

 

Als das Kind älter wurde, kam ein Wunsch ihres Mannes immer stärker zum Vorschein. Er wollte unbedingt in seine Heimat zurückkehren.

Schon lange hatte ihn die Sehnsucht nach seinem Land begleitet. Vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass seine eigene Mutter damals unbedingt nach Diestelhof hatte ziehen wollen, um dort zu arbeiten. Nun, da er selbst eine Familie hatte, wollte er zurück. Zurück in das Land, aus dem er stammte.

Seine Mutter hatte nach dem frühen Tod seines Vaters einen anderen Mann geheiratet. Dadurch trug er auch dessen Nachnamen Seidel, was ihm nie gefallen hatte. Denn er fühlte sich nicht als Diestelhofer … Er war Üsümer …

Mit Sack und Pack ging es ab nach Üsüme. Da ihr Mann selbst Lastwagenfahrer war, übernahm er selbstverständlich den Transport.

So saß Lena jetzt da und schaute noch einmal aus dem Fenster. Wie konnte das alles nur so kommen?

In diesem Land, Üsüme. Nur ein langweiliges, eintöniges Leben … Das konnte doch nicht sein. Sie sehnte sich nach Diestelhof. Nur gab es kein Zurück. Also blieb ihr nur das unendliche Gefühl der Machtlosigkeit.

Wieder sah sie zum Fenster hinaus. Immer derselbe Blick ins Freie, Gefängnis …

Am Anfang fühlte sich alles noch wie ein Abenteuer an. Das gekaufte Grundstück war mit dem Erlös aus dem Verkauf der kleinen Firma bezahlt worden. Es war klein. Zumindest befand sich ein Häuschen darauf, das sie herrichten würden. Zumindest war das der Plan. Aber irgendwie übernahm ihr Mann die Mentalität der Einheimischen: „Was kann man heute besorgen? Schieb auf morgen!“

Im Haus wurden die Stromleitungen nur provisorisch verlegt. Überall am Boden lagen Kabel. Türen gab es keine, stattdessen nur Vorhänge …

Wasser aus Quellleitungen war hier ganz normal.

Beim Dachstuhl waren die Balken nicht richtig geschlossen. Wie alle anderen machten sie ihn nur mit Werbeplanen zu.

Holz wurde aus dem nahe gelegenen Wald geholt.

Am Anfang hatte Lena sich viel aufgeregt, da es anscheinend zur Normalität gehörte, unzuverlässig zu sein. Aber nach zwei Jahren gab Lena auf und nahm es einfach hin.

Lena fühlte sich dort nie wohl, geschweige denn angekommen. Die Sprache fiel ihr auch schwer. Zumindest konnte sie sich inzwischen im normalen Leben, etwa beim Einkaufen, verständigen.

Nach drei Jahren wollte Lena dort weg, aus diesem abgelegenen Teil der Ortschaft, für den sich so recht keiner zu interessieren schien.

Das nächste Dorf, Üsemekum, war nur mit einem Fahrzeug zu erreichen.

Nur ihren Mann schien es nicht zu stören. Zumindest hatte Lena diesen Eindruck.

Dann kam das Virus, und alles veränderte sich. Die Rente reichte nicht mehr, alles wurde zu teuer, das Motorrad spielte verrückt und das Gesundheitssystem wurde komplizierter.

Im Endeffekt blieb alles an ihrem Mann hängen. Der wiederum ließ mit der Zeit seinen Frust an ihr aus.

Was sie am Anfang noch entschuldigt hatte und wofür sie Verständnis gehabt hatte …

Dazwischen wurde gestritten, geliebt und sich entschuldigt.

Es steigerte sich immer mehr.

Er schimpfte unbedacht über Situationen, für die er selbst verantwortlich war und die er selbst verursacht hatte.

Es gab Diskussionen ohne Wirkung, Streit ohne Wirkung …

Und obwohl er sie so oft verletzt, so viel Schlechtes gesagt und sie oft enttäuscht hatte, blieb er trotzdem Lenas Herzensmensch.

Der Grundgedanke blieb all die Jahre derselbe: dass es besser werden könnte.

****

Was Lena und ihren Mann am meisten freute, war jedoch, dass sich ihre Tochter hier wohlfühlte, klug war und in der Schule hervorragende Leistungen erbrachte.

Das führte dazu, dass ein Förderer den vier besten Schülern der Schule das Studium finanzierte. Ihre Tochter Selma war mit dabei.

Dadurch konnten sie nach Londale mitkommen.

Selma war Papas Liebling, und sie wusste schon früh, wie sie ihn um den kleinen Finger wickeln konnte.

Selma und ihr Vater waren nach Londale hingeflogen. Wie er es geschafft hatte, wusste Lena nicht. Außerdem bekamen sie eine Hausmeisterwohnung. Ihr Mann würde dort als Hauselektriker arbeiten, und Lena könnte in der Mensa, also in der Studentenkantine, mitarbeiten.

Die Hausmeisterwohnung war klein: eine Wohnküche, ein Schlafzimmer und ein recht geräumiges Bad.

Für sie war das vollkommen ausreichend. Selma wohnte im Studentenheim.

Dadurch konnten sie sich oft sehen.

Die Zeit war sehr angenehm. Sie waren wieder als Paar zusammen, zumindest fühlte es sich für Lena so an.

Im letzten Semester kam dann auch ein junger Mann öfter zu Lena. Er unterstützte sie häufig und fuhr sie zum Arzt. Ganz uneigennützig war das nicht, denn er hatte sich in Selma verliebt. Ob sie zu diesem Zeitpunkt auch schon wusste, was er für sie empfand?

Vor ihrem Mann wurde es geheim gehalten, denn er hielt überhaupt nichts davon, dass seine in seinen Augen noch kleine Tochter einen Mann heiraten sollte. Für sie wäre sowieso nie einer gut genug gewesen.

Dass die beiden zusammenzogen, konnte er nicht verhindern. Lena konnte ihn damit beschwichtigen, dass er nur ihr Freund sei.

Natürlich wusste Lena, dass da mehr war.

Als die für Lena entspannte Zeit vorüber war, war es wieder an der Zeit, zurückzukehren.

 

Detektiv Bamy wirkte nachdenklich. Er rieb Daumen und Zeigefinger auf dem Zettel hin und her. Von Brookfield aus waren es etwa hundertfünfzig Kilometer.

Wie war dieser Zettel dann zu ihm gekommen? Das würde wohl vorerst ungeklärt bleiben, dachte Detektiv Bamy.

 

Auch Selma kehrte mit ihrem Freund zurück, denn er hatte sich entschieden, bei Selma zu bleiben.

Ihr Freund Ryan war ein sehr kluger Kopf. Beide hatten Technologie studiert. Ryan war bereits vor Ort gewesen und hatte alles in Insbur organisiert.

Für Lena und ihren Mann ging es wieder zurück in das unfertige Haus. Das dachte Lena ebenfalls.

Doch dann hatte Ryan, wie auch immer, gemeinsam mit ihrem Mann tatsächlich jemanden beauftragt, das Haus herzurichten. Das Einzige, was noch übrig blieb, war der Garten.

Ryan schaffte es mit seiner höflichen, bestimmten Art meistens, das zu erreichen, was er wollte.

Lena war mehr als überrascht. Sie freute sich so sehr und bedankte sich vielmals bei Ryan.

Ihr Mann plusterte sich auf. Schließlich habe auch er dazu beigetragen.

Natürlich bekam er dafür einen großen Kuss.

Selma und Ryan lebten in Insbur. Aus Rücksicht auf ihren Vater kam Selma immer allein zu Besuch. Ihr Vater schien verdrängt zu haben, dass sie einen Freund hatte. Zumindest bestand er darauf, dass er nicht wollte, dass sie heiratete.

Selma lächelte und meinte, mit ihren vierundzwanzig Jahren habe sie noch genug Zeit.

Aber Lena spürte, dass da mehr war.

Dann bemerkte Lena langsam, aber sicher die Veränderung bei ihrem Mann. Er beschäftigte sich immer mehr mit seinem Motorrad. Er schien Lena überhaupt nicht mehr wahrzunehmen. Er beschimpfte Menschen und behauptete, sie wollten ihm Böses. Wenn irgendetwas nicht klappte, ließ er seinen Frust an ihr aus. Er meckerte dauernd am Essen herum und redete gefühlt viel zu viel. Mit Reden war an ihn nicht heranzukommen.

Es wurde unerträglich. Lena schlug wieder vor, wegzuziehen, an einen Ort, an dem die Einkaufsmöglichkeiten näher wären. Aber er wollte davon nichts wissen und nichts hören.

Es war, als würde sie gegen Windmühlen sprechen. Lena wollte ihren Mann nicht einfach aufgeben, nur fühlte es sich so unfair an.

Seine ständigen Schuldzuweisungen, die scheinbar aus der Luft gegriffen waren, und die Streitigkeiten, die er anzettelte … Dann behauptete er, das habe er nur im Spaß gemeint oder gar nicht auf Lena bezogen. Für Lena fühlte es sich überhaupt nicht so an.

Detektiv Bamy hielt inne. Er schaute aus seinem kleinen Fenster. Kleine Regentropfen klopften dagegen. Er überlegte, ob er in seinem Umfeld jemals jemanden gekannt hatte, der so dermaßen unhöflich war. Er schüttelte den Kopf.

Nach einer Untersuchung, die erst nach viel Überredungskunst von Selma und Lena stattfand, kam die ernüchternde Diagnose. Die Krankheit mit diesem unaussprechlichen Namen würde er vielleicht noch ein paar Jahre haben. Und leider gehörten diese Symptome zum Krankheitsbild. Er könne sein Leben weiterführen. Es habe nichts damit zu tun, dass er sich draußen nicht zurechtfinden könne.

Es war so schwierig, seinem Verfall zuzusehen, wie er immer dünner wurde und seine Haare verlor. Darüber diskutierte er stundenlang. Und nur ihm allein ging es angeblich so schlecht …

Manchmal schaute Lena auf ihren Ring und dachte an das Versprechen: in guten und in schlechten Zeiten … Aber das hier waren mehr als schlechte Zeiten. Wenn ihr Mann schlechte Tage hatte, wünschte sie sich für ihn, dass er erlöst würde, zumal er selbst fast täglich darüber sprach. Das belastete Lena sehr.

Dann gab es auch die guten Tage, an denen er ihren Kopf streichelte oder sie sich im Bett näherkamen. In solchen Momenten nahm Lena es einfach an.

Lena wurde von ihrer Tochter unterstützt. Selma holte sie oft aus der Situation heraus. Ihr Freund brachte einen Kumpel mit, den Lenas Mann gerne mochte und mit dem er sein Dauerprojekt reparierte.

Dieser bemerkte einmal, wie erstaunlich es sei, dass ein Mensch etwas so akribisch auseinander- und wieder zusammenbauen könne.

Ryan brachte ein kleines Auto mit, das seine Freunde für Lena gebaut hatten. Es war ein Auto mit drei Rädern, das Lena an eine Aufziehmaus erinnerte. Außerdem brachte er einen Haushaltsroboter mit, einen Prototyp, der Lena die Hausarbeit erleichterte.

Lena schaute wie so oft aus dem Fenster und dachte über ihr Bermuda-Dreieck nach: Man kam hinein, aber irgendwie nicht mehr heraus.

Lena dachte sich eine Herzensfreundin aus. Wenn es ihr ganz schlecht ging, redete sie in Gedanken mit ihr. Das half ihr, vieles zu überstehen.

Wie viele Tage würde es wohl noch geben, an denen Lena zum Fenster schaute, um festzustellen, dass sie sich im falschen Leben befand?

*****

Da endete das Buch. Aber nicht wirklich, denn danach gab es noch viele weiße, leere Seiten, die vielleicht darauf warteten, ausgefüllt zu werden …

Detektiv Bamy hielt inne. Es kam ihm vor, als hätte er die Frau durch das Buch kennengelernt.

Er selbst war auch schon länger nicht mehr in seinem Heimatland gewesen. Wenn es sich einrichten ließ, war er meistens alle halbe Jahre in Armutle bei seiner Tante auf deren Bauernhof gewesen.

Seine Mutter stammte aus Üsüme, sein Vater war Brookfielder. Damals war seine Mutter seinem Vater gefolgt.

Er war hier in Brookfield aufgewachsen. Vielleicht sollte auch er wieder in sein Heimatland zurückkehren.

Bamy ließ alles hinter sich. Seine Wohnung mit separatem Büro und eigenem Eingang übergab er einem jungen Mann, der schon öfter danach gefragt hatte. Bisher hatte er immer abgelehnt, aber nun …

Mit seinem wenigen Hab und Gut stieg er in seinen alten, zuverlässigen Jensen ein.

Er fuhr los, Richtung Ärmelkanal. Er würde im Auto übernachten, so würde er wohl in einer Woche in Isbur ankommen. Gut, dass es Herbst war. Da war es im Land Üsüme angenehm warm.

Nur diesmal ging es nicht mit der Fähre nach Armutle, sondern Richtung Üsemekum. Ob er seine Tante anrufen sollte, überlegte Detektiv Bamy. Er entschied sich dagegen. So oft hatte sie gesagt, er könne jederzeit kommen. Es gäbe genug Platz bei ihr auf dem Bauernhof. Außerdem hatte sie in drei Wochen ihren sechzigsten Geburtstag. Da wäre er sowieso gekommen …

Falls er die Frau nicht antraf … Detektiv Bamy schüttelte leicht den Kopf. So etwas wollte er gar nicht erst denken.

Mit einem eingeklemmten Teebecher in der Autohalterung fuhr er die langen Straßen entlang. Am Abend war es angenehm, hinten auf der Rückbank auszuhalten.

Er spürte, dass er auf der richtigen Spur war. Die Straßen wurden immer schmaler, dann kam das erwähnte Dorf Üsemekum.

Dort kehrte er in einem kleinen Café ein. Wie es seine Art war, fragte er unauffällig nach einer Frau, die vor Jahren aus Diestelhof nach Üsüme gekommen war und deren Mann ein Motorrad fuhr, das er oft reparierte.

Der Besitzer erinnerte sich an diesen Diestelhofer. An dem alten Motorrad hatte er immer wieder etwas zu reparieren gefunden. Nur war dieser Mann schon längst gestorben. Ob seine Frau noch hier lebte, wusste er nicht. Man hatte sie lange nicht mehr gesehen. Das Letzte, was man gehört hatte, war, dass sie zu ihrer Tochter nach Isbur ziehen wollte. Sie wohnten weit draußen hinter dem Dorf.

Er müsse sich nur an einer roten Bushaltestelle orientieren. Nicht weit dahinter gebe es nur eine Einfahrt. Dort müsse er nach links abbiegen und dem Feldweg einfach so lange folgen, bis ein allein stehendes Haus käme.

Wenn sie noch da wäre, würde er sie dort finden.

Detektiv Bamy fuhr los. Nach einiger Zeit schaute er in den Rückspiegel, als könne er darin die Antwort finden.

Die Landstraße war lang und schmal. Nur schief hängende Bäume und wildes Gestrüpp waren am Straßenrand zu sehen.

Seine Augen wanderten aufmerksam und unermüdlich umher. Er spähte nach der roten Bushaltestelle.

Halt, da war sie doch! So unscheinbar, mit den rot verblassten Streben und einem Plastikdach darauf. Nach links, dachte Bamy und bog in den Kiesweg ein. Dieser war sehr schmal, gerade breit genug für ein Fahrzeug. Langsam folgte er dem Weg.

Da war ein Häuschen. Das musste es sein. Direkt an der Hausseite hielt er an.

Sein Herz schlug kräftig und schnell. Eine Zeit lang saß Detektiv Bamy noch im Auto. Nachdenklich stieg er langsam aus.

Ob die Frau überhaupt da war? Das fragte er sich.

Als er einige Schritte ging, bemerkte er einen weißen Kastenwagen. Sicher ein Umzugswagen, folgerte er.

Fest steckte er seine Hände in die Hosentaschen, als müsse er sich selbst festhalten, und mit festen Schritten ging er auf die Haustür zu.

Die Tür war offen. Behutsam drückte er die Türklinke herunter und trat in den offenen Wohnraum. Seine Augen brauchten nicht lange zu suchen. In dem ansonsten leeren Raum blickte er nach links. Dort saß die Frau am Tisch.

Unwillkürlich, wie magisch angezogen, ging er auf sie zu. Als Bamy vor ihr stand, nahm er ihr Gesicht in seine beiden Hände und schaute tief in ihre dunkelbraunen Augen.

Keiner von beiden sagte ein Wort.

„Du bist Lena Seidel.“

Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.

„Bamy“, sagte er kurz

Lena nickte kaum merklich. Bamy holte den Zettel aus seiner Hosentasche, der sich wie eine zweite Haut darin anfühlte, und hielt ihn ihr hin. Er war zerknittert, die Faltstellen waren deutlich zu erkennen.

Ihre Augen sprachen eine Frage aus: Das ist meine Schrift …

Bamy bemerkte, wie Lena leicht zitterte. Dann nahm sie seine Hand und umschloss sie.

Lena hatte eine handgemachte Handtasche um und eine Reisetasche bei sich.

Zusammen gingen sie zum Auto.

Bamy fuhr los. Erst als sie auf die Hauptstraße abbogen, fing Lena an, wie ein Wasserfall zu sprechen. Es sprudelte regelrecht aus ihr heraus.

Sie erzählte, dass ihr Mann vor eineinhalb Jahren gestorben war, dass ihre Tochter und deren Freund ihr beim Verkauf des Hauses geholfen hatten und dass ihre Tochter sie zu sich holen wollte.

„Komm, wir fahren dorthin, wo du hinfahren wolltest.“

Bamy nickte bestätigend.

Er sah, wie Lena eine Nachricht in ihr Handy tippte und dabei fein lächelte. Bamy konnte sich schon denken, für wen sie bestimmt war: für ihre Tochter.

******

Bamy räusperte sich. „Die Fahrt geht nach Armutle. Das kann man nur mit der Fähre erreichen.“

„Ah, davon habe ich schon mal gehört. Da ist es bestimmt schön!“, strahlte Lena Bamy an.

„Ja, dort ist es wirklich wunderschön. Meine Tante Serap hat dort einen Bauernhof. Sie wollte all die Jahre immer, dass ich dort bleibe.“

Lena nickte überschwänglich, als wollte sie sagen: Das ist eine sehr gute Idee.

Beide fühlten sich zueinander hingezogen. Niemand brauchte es zu erklären.

Bei der Überfahrt erkundeten sie die Fähre und gingen die Stahltreppen nach oben. Von dort konnte man wunderbar über das Meer sehen. Bamy legte Lena seine Jacke um, und sie legten ihre Arme umeinander. Es bedurfte keiner Worte. Sie standen einfach da und waren füreinander da, so selbstverständlich.

Es war spät geworden, als sie die Fähre verließen, sodass die beiden auf einem Rastplatz im Auto übernachteten. Sie saßen vorne auf den Sitzen, Lena an Olivers Schulter gelehnt. Die beiden waren so friedlich eingeschlafen.

Am nächsten Tag vertraten sie sich die Füße, bevor es weiter Richtung Armutle zum Bauernhof ging.

Die Morgenluft war angenehm frisch. Lena ging neben Bamy her, und als sich ihre Hände beim Gehen zufällig berührten, zog keiner von beiden sie zurück. Schließlich verschränkte Bamy seine Finger mit ihren. Lena sah zu ihm auf und lächelte. Es war nur eine kleine Geste, und doch fühlte sie sich für beide wie etwas Besonderes an.

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinanderher. Sie brauchten keine Worte. Lena lehnte sich leicht an Bamys Schulter, und er drückte ihre Hand sanft.

***

Nach einigen Stunden kamen sie endlich am Ziel an. Serap stand im Hof, hatte den Wagen sofort erkannt und lief darauf zu.

Bamy hielt an, und er und Lena stiegen aus. Lena und Serap gingen aufeinander zu und umarmten sich, als wären sie zwei Menschen, die sich lange nicht mehr gesehen hätten.

Die beiden Frauen lächelten einander an.

„Freut mich, Lena!“

„Serap“, kam es von Bamys Tante.

Bamy runzelte die Stirn.

Die beiden Frauen kamen auf ihn zu, und Lena sagte freudig: „Stell dir vor, sie ist meine Herzensfreundin! Ich habe es gleich gespürt, als ich sie gesehen habe.“

Serap nickte bestätigend, und beide schlangen ihre Arme um Bamys Hals.

Bamy war einfach nur glücklich.

Serap rief in Richtung Haus: „Ich mache schon mal Kaffee!“

Lena nahm Olivers Hand, und sie schlenderten über den Bauernhof. Zielstrebig ging sie in den Kuhstall, als hätte sie nie etwas anderes getan. Dieses Lächeln, dachte Bamy, traf ihn tief und warm.

Lena ging auf eine der Kühe zu, streichelte sie am Hals und setzte sich auf den davorstehenden Schemel. Sie nahm einen kleinen Eimer, der hinter ihr stand, und fing an zu melken. Erst zaghaft, dann gekonnt.

Lena kam mit dem Eimer zu Bamy herüber. Sie gingen vor den Eingang, und Lena stellte ihn dort ab. Ein weiches Lächeln lag um ihre Lippen.

„Für die Katzen.“

Bamy nickte bestätigend.

Weiter hinten kamen sie zu den Scheunen. In einer davon stand ein Wohnwagen.

Lena hielt sofort inne.

„Lass uns nach Diestelhof fahren.“

In ihren Augen stand die Bitte: Enttäusch mich nicht.

Bamy fühlte so viel für Lena, dass er sie auf keinen Fall verletzen wollte.

Doch er wollte ehrlich sein. Er trat zurück. Seine Stimme bebte leicht.

„Ich kann nicht, sonst lebe ich im falschen Leben.“

Lena machte einen Schritt auf ihn zu und lehnte ihre Wange an Olivers. Ihre Blicke trafen sich tief.

Oliver schlug vor: „Wir können jederzeit mit dem Wohnwagen nach Diestelhof fahren und dort bleiben, solange es uns gefällt.“

Lenas Augen leuchteten auf. Sie nahm Olivers Hand.

„Komm, lass uns Kaffee trinken.“

Entspannt gingen sie ins Haus hinein.

Drinnen in der großen Küche stand am Esstisch schon alles bereit. Wie herrlich das hier roch, ging den beiden durch den Kopf.

Es wurde ein entspannter, erzählreicher Nachmittag.

Am Abend gab es Nudelauflauf. Der Raum war von dem herrlichen Duft erfüllt.

Alle zusammen deckten den Tisch. Bamy nahm sich ein großes Stück und schlang es vor lauter Hunger regelrecht hinunter …

„Oliver“, drang Seraps ermahnende Stimme an sein Ohr.

Bamy erschrak. Hatte er vielleicht aus Versehen geschmatzt? Verlegen und beschämt blickte er den beiden Frauen entgegen.

Dann dieses Lächeln von Lena! Oliver wurde ganz schwach.

„Dir schmeckt es halt“, stellte Lena lachend fest.

Beschämt nickte Oliver.

Lena hob ihre Hand und legte sie leicht auf Olivers Hand.

Serap verließ den Raum. Sie spürte, dass sie die beiden einen Moment allein lassen sollte.

Ihre beiden Körper beugten sich vor. Ein Hauch von einem Kuss berührte ihre Lippen.

Ohne weitere Worte wurde der Tisch wieder abgeräumt.

Serap hatte ihre Zimmer vorbereitet.

Lange saßen die drei noch im Wohnzimmer beisammen. Für Lena fühlte es sich wunderbar an. Oliver wusste nur, dass sie sich beide zueinander hingezogen fühlten. Es fühlte sich schön an.

Im Schlafzimmer war an Schlaf nicht zu denken. Lena drehte sich von einer Seite zur anderen. Bei Oliver sah es nicht anders aus.

Ich kann nicht schlafen, dachte Lena und ging hinaus in den Flur. Nur ein Bad trennte die beiden Zimmer. Sie stand vor dem Bad. Auch Oliver stand davor.

Verlegen meinte er: „Ich wollte ins Bad“, und verschwand schnell darin.

Als Oliver herauskam, ging Lena hinein.

Ohne sich zu rühren, blieb Oliver dort vor dem Bad stehen. Lena trat heraus und lächelte Oliver an.

Dieses Lächeln, dachte Oliver wieder bei sich.

Oliver spürte Lenas Hand in seiner. Gemeinsam gingen sie in eines der Schlafzimmer und kuschelten sich aneinander. Sie gaben sich einen Gutenachtkuss und schliefen endlich selig ein.

Die beiden ließen sich nicht mehr aus den Augen. Serap freute sich für sie. Sie spürte, wie glücklich die beiden waren.

Besonders bei Seraps Geburtstagsfeier spürte man die Magie zwischen ihnen.

*******

Tag um Tag wurde gelacht, gescherzt und gemeinsam auf dem Bauernhof gearbeitet. Es gab immer etwas zu tun, und es machte ihnen einfach Spaß. Selbst die einfachsten Dinge wurden zu kleinen gemeinsamen Erlebnissen.

Die zwei waren unzertrennlich. Oliver hielt Lenas Hand und streichelte sanft mit seinen Daumen darüber. Wenn sie nebeneinander über den Hof gingen, suchte seine Hand ganz selbstverständlich die ihre. Lena ließ ihre Hand nur zu gern in seiner liegen.

Als sie im Beet Tomaten pflückten, berührten sich ihre Schultern. Für einen Augenblick hielten beide inne. Ihre Blicke trafen sich, und dieses vertraute, leise Lächeln erschien auf Lenas Lippen. Oliver beugte sich zu ihr und gab ihr einen sanften Kuss auf die Wange.

Lena schmiegte sich kurz an ihn, bevor sie weiterpflückten. Doch ihre Hände fanden sich immer wieder. Sie genossen diese kleinen Augenblicke, in denen es nichts zu erklären und nichts zu entscheiden gab. Sie durften einfach zusammen sein.

Tag um Tag kamen sie sich näher. Die Nähe zog sie zueinander, und mit jedem gemeinsamen Tag wuchs das Vertrauen zwischen ihnen. Sie entdeckten nicht nur einander, sondern auch das Gefühl, endlich angekommen zu sein.

In einer Mondnacht fanden sie sich in einer innigen Umarmung wieder. Ihre Küsse wurden zärtlicher, ihre Berührungen vertrauter. Sie ließen sich fallen und gaben sich dem Gefühl hin, das sie schon so lange miteinander verband.

Danach lagen sie eng aneinandergekuschelt und lauschten der Stille der Nacht. Oliver strich Lena sanft über das Haar. Sie hob den Kopf und sah ihn an.

Lena lächelte ihn mit ihrem feinen Lächeln an, das Oliver so schwach werden ließ, und legte ihre Hand an seine Wange. Dann küssten sie sich innig.

Befreit fühlten sie sich. Auch die Tage und Nächte wurden leichter. Die Vergangenheit verblasste langsam, und die Zukunft durfte wieder etwas Schönes versprechen.

Beide waren endlich glücklich. Sie wussten und fühlten, dass es so sein sollte.

***

An einem Abend saßen die beiden allein im Wohnzimmer beieinander. Draußen war es still geworden. Lena legte das Buch auf den kleinen Tisch. Leise, mit diesem Lächeln, das Oliver so sehr an ihr liebte, öffnete sie es an der Stelle, an der die leeren Seiten waren.

Eine Weile betrachtete sie die weißen Blätter. Dann strich sie mit den Fingerspitzen darüber.

„Dort warten die Seiten auf unser neues Leben. Aber nicht, um beschrieben, sondern um gefühlt zu werden.“

Oliver sah sie an. Die Worte berührten ihn so tief, dass ihm die Tränen über das Gesicht liefen. Lena rückte näher zu ihm. Beide lehnten ihre Stirnen aneinander, und sie wischte ihm sanft die Tränen aus dem Gesicht.

Oliver schloss für einen Augenblick die Augen und legte seine Hand auf ihre.

Dann schlug Lena das Buch am Buchrücken auf. Dort befand sich ein bräunliches, viereckiges Abzeichen, genau so groß wie der Zettel, den Oliver gefunden hatte.

Dieser Zettel lag inzwischen in einem kleinen Kästchen in einer Schublade. Oliver holte ihn heraus, und zusammen gingen sie nach draußen. Dort gab es eine kleine Feuerstelle, in der das Feuer gerade herunterbrannte.

Sie standen davor. Oliver hielt den Zettel in seiner Hand. Lange betrachtete er die Worte, die ihn auf diese Reise geführt hatten.

Oliver sah Lena an. Sie nickte ihm kaum merklich zu.

Er ließ den Zettel in die Glut fallen.

Die Flammen erfassten das Papier, und langsam wurden die Worte unleserlich. Oliver sah, wie Lena eine Träne über die Wange lief. Als sie ihre Strickjacke enger um sich zog, nahm er sie in seine Arme und hielt sie einfach fest.

***

Einige Wochen später rief Oliver Lena in ihr Schlafzimmer. Er hatte eine Überraschung für sie vorbereitet.

Beide saßen auf dem alten Sofa in der Ecke, und Oliver hielt das Buch fest in der Hand.

Neugierig blickte Lena ihn an.

Oliver lächelte geheimnisvoll.

Behutsam öffnete er das Buch dort, wo eigentlich die leeren Seiten gewesen waren …

Lena hielt inne.

Dort waren Bilder. Bilder von ihnen beiden!

Oliver strahlte über das ganze Gesicht.

„Schau mal, du bei den Kühen! Ah, oder ich beim Apfelpflücken! Wir auf dem Traktor …“

Er blätterte weiter. Auf jedem Bild entdeckten sie einen gemeinsamen Augenblick, eine Erinnerung an die Tage auf dem Bauernhof. Kleine Szenen, die ihnen selbst vielleicht gar nicht so besonders vorgekommen waren und die nun doch zu kostbaren Erinnerungen geworden waren.

Lena legte ihren Kopf an Olivers Schulter. Gemeinsam betrachteten sie die Bilder, lachten über manche davon und hielten bei anderen einfach nur inne.

„Du hast das alles gesammelt“, flüsterte Lena.

Oliver nickte. „Es soll uns immer an unser neues Leben erinnern.“

Lena sah ihn an. In ihren Augen standen Tränen, doch diesmal waren es Tränen der Freude. Sie legte ihre Arme um ihn und küsste ihn zärtlich.

„Dann haben wir ja noch eine Menge vor uns“, sagte sie leise.

Oliver zog sie näher zu sich. „Mehr, als in dieses Buch passen wird.“

Die beiden hielten sich innig fest.

Dann wieder dieses Lächeln von Lena! Oliver Bamy wusste und fühlte, dass er seine Suche in den Armen hielt.

Ende

 

🕵️‍♂️Detektiv Bamy – Im falschen Leben

Detektiv- Romanze für Erwachsene Herzen 💗 * Detektiv Bamy schlief tief und fest, aber unruhig. Er träumte … von einem gefundenen Zettel. Er...