Märchenwelt 🌟
Die Eselin saß auf vielen kleinen Heftchen.
Sie war eine Märchenerzählerin:
Es war einmal..
Ein kleiner Gnom mit bodenlangen Haaren, sein Gesicht konnte man kaum erkennen unter der ebenso langen Zipfelmütze.
„Du, sag mal, was steht denn da auf dem Baumstamm für ein seltsames Wesen herum?“, fragte der Gnom das Moosweiberl, das gerade beschäftigt war, seine Mooskinder durchzuzählen.
Das Moosweiberl, hinten auf dem Rücken mit Moos bedeckt und vorn mit rundem Erdbauch, blickte ihn an und richtete sich auf.
„Weiß nicht.
Das steht da halt.“
Als Rumpelstilzchen das hörte, stampfte er wütend mit dem Fuß auf den Baumstamm, sodass dieser krachend zerbrach.
Er stolperte zu seinem Holzofen hinüber und versuchte, ihn anzumachen.
Doch vergeblich – außer Qualm geschah gar nichts.
Zwei Pilzmäuse mit rötlichem Fell und weißen Punkten, ein Mäusepärchen mit neugierigen schwarzen Knopfaugen, beobachteten das Geschehen. Der Mäusebub konnte sogar brüllen wie ein Tiger.
„Sag mal, hast du kein Zündholz zum Anmachen?“, piepsten sie.
Da kam eine Wanderratte vorbei. Sie trug ein Rohr über der Schulter und steckte es nun in den Ofen.
Eine Feuereidechse spie gezielt in die Ofenöffnung.
Der Holzofen stand mitten im Freien.
Butterblume trat näher. Sie trug ein gelbes Blumenkleid, hatte weiße Haare und einen Blumenkranz auf dem Kopf.
Sie war die Hüterin des uralten Märchenbuches, voller vergessener Geschichten, die kaum noch jemand kannte.
Butterblume saß gebeugt über dem Buch.
Es wirkte beinahe unsichtbar.
Sie rückte ihre Brille zurecht.
Alle rückten näher heran.
Sie konnten Schriftzeichen erkennen, doch lesen konnte sie keiner.
Butterblume schob ihre Brille die Nase hinauf.
Ein Baum in unmittelbarer Nähe murrte:
„Was trägst du da?“
„Eine Lesebrille“, antwortete Butterblume.
„Baah“, rief der Baum und runzelte seine Rinde.
Butterblume grinste verschmitzt.
Eine alte, weise Schildkröte wärmte sich am Holzofen, holte ihre Brille hervor und war gespannt, was das wohl für ein Märchen sein wird.
Ein Tausendfüßler stützte mit seinem Rücken das Buch.
Wanderratte und Feuereidechse saßen nebeneinander, der kleine Gnom und das Moosweiberl waren auch dabei, ebenso das Rumpelstilzchen.
Dem Baum seine Blätter wurden ganz lang, von einem Ast oben spähte ein Rabe hinunter. Die Pilzmäuse duckten sich, und eine große, behaarte Spinne seilte sich vom Baum ab.
Alle saßen am Holzofen und fingen an zu lauschen.
Butterblume schlug im Märchenbuch die Seiten auf und begann vorzulesen:
Die weiße Schlange
Ein weiser König hatte die seltsame Gewohnheit, jeden Tag heimlich von einer weißen Schlange zu essen. Ein treuer Diener wurde neugierig, kostete davon – und verstand plötzlich die Sprache der Tiere.
Als der Ring der Königin verschwand, fiel der Verdacht auf ihn. Verzweifelt lauschte er im Hof den Enten und erfuhr, dass eine von ihnen den Ring verschluckt hatte. So konnte er seine Unschuld beweisen.
Der Diener verließ daraufhin den Hof und zog in die Welt hinaus. Unterwegs zeigte er ein gutes Herz: Er rettete Fische, die im Schilf festsaßen, verschonte einen Ameisenhaufen und half jungen Raben, die hungrig aus dem Nest gefallen waren.
Schließlich gelangte er in ein Königreich, in dem eine Prinzessin nur denjenigen heiraten wollte, der ihre schweren Aufgaben lösen konnte. Viele waren daran gescheitert.
Doch die Tiere, denen der Diener geholfen hatte, kamen ihm nun zu Hilfe: Die Fische, die Ameisen und die Raben standen ihm bei, sodass er alle Prüfungen bestand.
So gewann er mit Klugheit und Güte die Prinzessin und lebte glücklich, weise und gerecht.
(Brüder Grimm)
Ein Märchen aus den fast vergessenen Geschichten – die kaum noch einer kennt.